Bekenntnis zu Břeclav
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Bekenntnis zu Břeclav

Das Modeunternehmen Dolzer rutschte aus der Insolvenz sofort in den Lockdown. Was bedeutet diese Krise für 180 Arbeitsplätze in Tschechien?

16. 3. 2021 - Text: Klaus Hanisch, Titelbild: Héctor J. Rivas

Eine Bestandsgarantie für sein Werk in Břeclav (Lundenburg) will Andreas Hubert derzeit nicht abgeben. Dafür seien die Umstände durch die Corona-Pandemie zu unsicher. „Man muss zunächst die weitere Entwicklung abwarten“, führt der Geschäftsführer von Dolzer auf Anfrage der „Prager Zeitung“ aus. Ein Bekenntnis zum Standort in Südmähren lässt er sich dennoch entlocken. Dolzer habe „keine Ambitionen, Břeclav nicht weiter zu betreiben“, so Hubert, „es gibt kein Bestreben unsererseits, hier irgendetwas zu verändern“ – obwohl die Modebranche wie kaum ein anderer Wirtschaftszweig unter Corona leidet.

Und das trifft vor allem auf die Firma Dolzer aus Schneeberg im nordbayerischen Landkreis Miltenberg zu. Denn für das Unternehmen, das seit fast 60 Jahren maßgeschneiderte Bekleidung verkauft, wurde noch vor der Corona-Krise im Dezember 2019 ein Insolvenzverfahren eröffnet. Drei Monate später, im März 2020, war die Dolzer-Gruppe erfolgreich saniert, hatte Kosten reduziert und einen neuen Investor gefunden, wurde aus der Insolvenz entlassen – und musste nur wenige Tage später ihre 18 Filialen wegen der Pandemie schließen. „Das war natürlich der ungünstigste Zeitpunkt, den man sich vorstellen kann“, bestätigt Andreas Hubert. Gerade nachdem ein Gericht dem Unternehmen bescheinigt hatte, wieder zukunftsfähig zu sein und insgesamt 400 Arbeitsplätze gerettet schienen.

Dolzer betreibt bundesweit 18 Filialen. | © Dolzer Maßkonfektionäre

Die tschechische Tochtergesellschaft von Dolzer war nicht im Schutzschirmverfahren. In Břeclav betreiben die Bayern seit 1999 ihre Produktion mit rund 180 Mitarbeitern. Vor allem für ihre deutschen Läden, aber auch für die deutschsprachigen Nachbarländer, etwa für Zürich. Aus den Maßen von Kunden werden in Tschechien mit moderner Technik die Schnitte für die Kleidungsstücke erstellt. Anschließend fügen Näherinnen die einzelnen Teile zu Anzügen, Kleidern oder Hemden zusammen. Daneben beauftragt die Geschäftsleitung in Břeclav einen Partner in der Slowakei, der speziell Hemden für Dolzer herstellt.

„Die Situation in Břeclav hat sich besser dargestellt als man zwischenzeitlich befürchten musste“, zieht Hubert nun eine Zwischenbilanz. Nachdem Dolzer zu Beginn der Pandemie keine neuen Kundenaufträge erhielt, stellten Mitarbeiter in Břeclav an zwei Bändern Masken her. „Sowohl für Tschechien als auch für Deutschland“, wie der Geschäftsführer bekräftigt. Daneben erledigte die Näherei wenige Fremdaufträge. Als Dolzers Filialen bis Mitte Dezember wieder öffneten, war auch das Werk in Tschechien relativ gut ausgelastet. Da momentan viele Geschäfte wieder unter strengen Auflagen betrieben werden, können auch neue Aufträge für das tschechische Werk generiert werden. „Wir haben Mitarbeiter, die noch in Kurzarbeit sind und andere, die wir sukzessive wieder aus der Kurzarbeit zurückholen, um die neuen Aufträge zu bearbeiten“, so der Geschäftsführer.

Südmähren statt Mainfranken

Als Glück erwies sich für Dolzer, dass zahlreiche Kunden dem Unternehmen durch die Insolvenz hinweg treu blieben, wie Eigentümer Thomas Selkirk schon vor einem Jahr bemerkte. Er übernahm den 1963 als Adolf Dolzer Kleiderfabrik gegründeten Betrieb vor mehr als zwei Jahrzehnten und machte ihn zum Marktführer in einem Nischensegment. Dolzer rühmt sich auf seiner Homepage, „die Kunst des traditionellen Schneiderhandwerks mit der Perfektion der industriellen Produktionsabläufe“ zu verbinden und damit „Erfinder der modernen Maßkonfektion“ zu sein.

Damit bewegt sich das Unternehmen zwischen teurer Maßschneiderei und Bekleidung von der Stange. Bei der Maßkonfektion werden Hemden, Blusen, Anzüge oder Kostüme nach individuellen Maßen der Kunden industriell hergestellt. Wobei sie aus bestimmten Modellen und Stoffen ihr persönliches Kleidungsstück zusammenstellen können, das in Tschechien gefertigt wird.

Dieses Geschäftsmodell funktionierte bei Dolzer über Jahre hinweg gut, die Gruppe eröffnete in deutschen Großstädten immer mehr Filialen und erzielte 2018 einen Umsatz von rund 20 Millionen Euro. Selkirk gab noch vor der wirtschaftlichen Krise die Geschäftsführung ab, kehrte jedoch bereits eineinhalb Jahre später zurück, um Dolzer gemeinsam mit Manager Andreas Hubert neu aufzustellen. Falsches Marketing, zu hohe Preisnachlässe und Rabattschlachten mit Wettbewerbern hätten zu Umsatzeinbruch und roten Zahlen geführt, gab der Schotte im Januar 2020 gegenüber dem „Main-Echo“ an.

Anzüge nach Maß | © Dolzer Maßkonfektionäre

Im Jahr 2004, fünf Jahre nach Beginn der Produktion in Tschechien, hatte Thomas Selkirk stolz durch seinen Betrieb in Břeclav geführt, der in einer ehemaligen Brauerei eingerichtet worden war. Damals nähten bereits 200 Tschechinnen bis zu 800 Anzug- und Kostümteile täglich für deutsche Kunden. Ausführlich erläuterte Selkirk im „Kölner Stadt-Anzeiger“, was für den tschechischen Standort spreche: lediglich 1,60 Euro Stundenlohn, kein Betriebsrat und kein strenger Kündigungsschutz, Urlaub nur an 20 Tagen im Jahr, dazu sehr schnelle Genehmigungsverfahren durch die Verwaltung in Südmähren – der Unternehmer bezeichnete die Verlagerung nach Osten „als großen Erfolg“.

Dafür nahm er in Kauf, in Deutschland als „Jobkiller“ bezeichnet zu werden, denn Selkirk schloss vier Produktionswerke in Mainfranken mit 140 Arbeitsplätzen. Dort waren die Löhne mit 10,20 Euro pro Stunde achtmal höher als im fast 800 Kilometer entfernten Břeclav und die Lohnnebenkosten dreimal so hoch. Dolzer diente Anfang des neuen Jahrtausends als Beispiel dafür, dass auch immer mehr deutsche Mittelständler Arbeitsplätze in Billiglohnländer verlagern, darüber jedoch nur ungern sprechen würden.

Corona-Hilfen „fast eine Farce“

Anders Thomas Selkirk, der in der Kölner Zeitung auf Einspareffekte durch seine Entscheidung für Tschechien verwies, zudem auf geringere Steuern. Und auch auf die hohe Qualifikation seiner tschechischen Arbeitskräfte in der arbeitsintensiven Maßkonfektion wies er mit Nachdruck hin. Kaum ein Prozent der Produkte würden von Kunden beanstandet, manch anderer Hersteller bekäme dagegen jeden zweiten Anzug wegen Mängeln zurück.

Über die große Tradition und Erfahrung mit Bekleidung in den böhmischen Ländern hatte schon der renommierte Modefilmer Klaus Ehrlich berichtet (PZ-Interview: „Ich hatte den schönsten Beruf überhaupt“). Doch seit Jahren lassen deutsche Modeunternehmen in Ländern produzieren, die noch günstiger sind als Tschechien. Etwa in der Türkei oder China. „Das ist nicht, was wir wollen“, stellt Andreas Hubert nun gegenüber der „Prager Zeitung“ fest, „wir treffen sehr bewusst die Entscheidung, in Europa zu fertigen und nicht Trends zu folgen, woanders noch kostengünstiger herzustellen.“

Vielmehr sei der tschechische Standort „ein gewachsener Bestandteil des gesamten Unternehmens“. Dies habe die Unternehmensführung bewiesen, als der Fortbestand von Břeclav während der Corona-Monate auch durch den Mutterkonzern gesichert wurde. Heißt konkret: die Gesellschafter zahlten aus eigener Kasse, was nicht durch staatliche Förderungen abgedeckt war.

Hilfe erhielt Dolzer durch Förderprogramme aus beiden Ländern. Für Deutschland nennt Hubert diese Unterstützung entgegen aller Ankündigungen „fast eine Farce“. Die Beantragungen seien schwierig gewesen, weil technische Voraussetzungen fehlten, versprochene Leistungen „zögerlich bis gar nicht ausgezahlt“ wurden. Unternehmen mit anderer Gesellschafterstruktur als Dolzer können die Krise nach seiner Kenntnis nun wohl „nicht immer bewältigen, weil nicht jeder in ausreichendem Maß vorfinanzieren kann“.

Bessere Erfahrungen gab es für ihn mit Tschechien. „Man hat hier nicht viele Zusagen gemacht, aber was in Aussicht gestellt wurde, ist zum großen Teil auch tatsächlich geleistet worden, wenn auch nicht immer ganz pünktlich“, fasst Hubert zusammen, der seit Juli 2018 Geschäftsführer von Dolzer ist.

Sämtliche Unikate stammen aus Břeclav. | © Dolzer Maßkonfektionäre

Maßkonfektion verbinde besondere Schneiderkunst, optimale Passform und den Vorteil von Konfektionsware, nämlich einen bezahlbaren Preis, hebt Dolzer auf seinen Werbeseiten hervor. Solch eine Marktnische kann für ein Unternehmen ein Vorteil sein. Aber auch ein Risiko. „Wir sehen sie eher als Chance, weil unsere Bekleidung kein ,fast fashion‘ ist, sondern eine bewusste Entscheidung für Individualität und einen persönlichen Stil“, führt Andreas Hubert aus. Passgenaue Garderobe würde die Einzigartigkeit eines Kunden prägen, anders als bei herkömmlicher Konfektion können Kunden viele Details wie Stoffe oder Futter selbst bestimmen. „Entscheidend wird freilich sein, wann Corona dieses Einkaufserlebnis wieder erlaubt.“

Ein weiteres Problem für Modehersteller ist, dass gerade an Bekleidung gespart wird, wenn das Geld knapp ist. Das war schon vor Corona so. „Und das wird in jedem Fall auch uns treffen, denn es ist ja schon spürbar, dass Konsum- und Investitionsentscheidungen anders ausfallen.“ Nachdem durch den Lockdown ein Großteil der Umsätze wegbricht, nutzt Dolzer die Zeit, um Trends und veränderte Bedürfnisse zu erkennen. „Wir beobachten genau, welche Art von Bekleidung in Zukunft noch so viel Wert darstellt, dass Kunden sie nach Maß kaufen wollen.“ Dementsprechend werde Dolzer sein Portfolio anpassen. Und entsprechend müsse dann das Werk in Břeclav bei der Fertigung reagieren.

Zudem will das Unternehmen seine Kunden davon überzeugen, dass Bekleidung in Zukunft stärker nach den Prinzipien von „ethischer Fertigung und Nachhaltigkeit“ hergestellt werde. „Dies wird von vielen Kunden schon jetzt goutiert, die finden das sehr vernünftig“, so Hubert. Daher sieht er das Glas für sein Unternehmen insgesamt „halb voll und nicht halb leer“.

Bei vielen Modeherstellern türmen sich weltweit die Lagerbestände, weil Geschäfte über Wochen und Monate geschlossen waren. Zumindest damit hat Dolzer nicht zu kämpfen. Denn das Unternehmen fertigt nicht auf Halde, für seine maßgeschneiderte Bekleidung „ist die Begegnung von Mensch zu Mensch unerlässlich“, erläutert Andreas Hubert. „Kunden müssen persönlich beraten werden, es muss per Hand Maß genommen und die Kleidung anprobiert werden.“ So liegen „lediglich Rohstoffe“ auf Lager, also Stoffe, Reißverschlüsse oder Knöpfe.

Tschechischen Modehäusern geht es ans Leder

Wie groß dagegen Schwierigkeiten von Modeunternehmen in der Tschechischen Republik derzeit sein können, zeigt sich am Beispiel von Pietro Filipi. Vor allem hausgemachte Probleme hatten das renommierte Modehaus bereits 2018 und ausgerechnet zu seinem 25-jährigen Jubiläum in die Bredouille gebracht (PZ-Artikel: Der tschechische Italiener). Im Februar eröffnete das Stadtgericht Prag nun das Insolvenzverfahren gegen Pietro Filipi. Auch der auf Lederwaren spezialisierte Modehersteller Kara, beheimatet im ostböhmischen Trutnov (Trautenau), ging aufgrund des Corona-Lockdowns in Tschechien pleite.

Beide Unternehmen gehören zur Investmentgruppe C2H (Capital to Human) von Michal Mička. „Bis September dachte ich noch, dass diese ganze Krise auch eine Chance für uns sein könnte“, sagte Mička gegenüber dem tschechischen Forbes-Magazin. Selbst die Übernahme des angeschlagenen Herrenausstatters Blažek (der sich seit Januar 2021 in Reorganisation befindet) sei für ihn damals noch ein Thema gewesen. Doch die zweite Corona-Welle machte sämtliche Pläne zunichte. Am Ende beliefen sich die Schulden auf über 700 Millionen Kronen (umgerechnet rund 27 Millionen Euro). Auch staatliche Hilfsprogramme konnten den Gang in die Insolvenz nicht verhindern.

Filiale in der Shopping Mall >Forum Nová Karolína< in Ostrava
Filiale in Ostrava (2017) | © APZ

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