Von Star zu Star
EM-Sammelbilder

Von Star zu Star

Fußball-Großereignisse sind Festtage für Sammler. Fotos von Spielern werden seit Jahrzehnten gekauft, getauscht, geklebt – auch jetzt wieder

18. 5. 2021 - Text: Klaus Hanisch, Fotos: PZ

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Noch kein Darida. Auch kein Kadeřábek. Überhaupt noch kein tschechischer Spieler. Die Seiten 54 bis 57, reserviert für die tschechische Mannschaft, sind völlig frei. Dafür aber Kroos. Den Weltmeister. Und Lewandowski. Den aktuellen Weltfußballer. Jetzt schon – obwohl ich bisher kaum mehr als 20 Bilder habe.

Solche Superstars bekam man früher ganz spät. Sozusagen erst kurz vor Anpfiff. Wenn überhaupt. Ich hatte immer den Verdacht, dass diese Spieler in viel geringerer Zahl in Umlauf gebracht wurden als die breite „Mittelklasse“. Sie waren Lockvögel, damit man möglichst viele Tüten mit den Porträts kaufen musste. Allem Ärger zum Trotz, dass sich mit jedem Kauf die Doubletten häuften. Also Fotos von Spielern, die man längst hatte. Manche von ihnen sogar drei- und vierfach. Dennoch kaufte ich weiter, am Ende sogar verstärkt – weil das Album ja nur noch wenige Lücken aufwies, die unbedingt gefüllt werden sollten.

Nun sammele ich wieder Bilder von Fußball-Stars, die ab 11. Juni um den EM-Titel kämpfen werden. Das kann man gerne albern nennen, für mein Alter. Denn meine Sammel-Leidenschaft begann bereits mit der WM 1966. Es war das einzige Album, das ich in all den Jahren wirklich bis zum letzten Bild voll bekam.

Denn vor wenigen Tagen erhielt ich mein allererstes Panini-Album. Es wurde mir an der Kasse eines Discounters in die Hand gedrückt. Sogar geschenkt. Dazu ein Tütchen mit zwei Stickern, ebenfalls kostenlos. Dies allerdings erst auf meine Nachfrage. Ich befürchtete ein Lächeln auf dem Gesicht der Kassiererin. Doch es blieb aus. Sie vermutete sicher nicht, dass die Tüten für ihr grauhaariges Gegenüber selbst bestimmt waren. Dazu gab es unerwartet noch sechs Panini-Fotos, die eine TV-Zeitschrift gratis offerierte.

So wurde ich wieder „angefixt“, nach vielen Jahren auf Entzug. Allerdings behaupten eingefleischte Sammler, dass die Leidenschaft fürs Sammeln nie erlischt, egal in welchem Alter. Schon gar nicht für gewohnheitsmäßige Sammler wie mich. Jedoch möglicherweise für Fußball-Bilder – dachte ich zumindest bis vor wenigen Tagen.

Der zweite Grund war, wie so vieles in diesen Monaten, natürlich Corona. Nicht, weil ich nun mehr Zeit und Muße fürs Sammeln habe. Sondern weil dieses Panini-Album ein historischer Irrtum ist: Es trägt den Aufdruck „EURO 2020“, obwohl die EM wegen der Pandemie nun erst 2021 ausgespielt wird. Somit ist dieses Panini quasi wie der Fehldruck einer Briefmarke und wird fraglos in die (Sammler-)Geschichte eingehen.

Panini-Bilder und Alben sind groß in Mode. Vor drei Jahren berichtete das Magazin „11 Freunde“, dass mit Maschinen­pistolen bewaffnete Räuber nahe Buenos Aires ein Druck­haus von Panini überfielen und dabei drei Millionen WM-Sticker erbeuteten. Schon kurz vor der WM 2014 hatten Diebe in Rio de Janeiro einen Lie­fer­wagen ent­führt, gefüllt mit 300.000 Päck­chen. In manchen Kreisen gelten die Paninis sogar als Kult.

Das haben Traditionalisten wie ich nie verstanden. Als ich anfing zu sammeln, also in den 60er und 70er Jahren, gab es Panini noch überhaupt nicht. Erst ab 1979 verkaufte die italienische Firma ihre Sammel-Sticker und -Alben für die Bundesliga. Doch für die deutsche Eliteklasse existierten zu dem Zeitpunkt längst andere Sammelalben. Jahr für Jahr herausgegeben vom Sicker-Verlag in Frankfurt/Main. Oder vom Bergmann-Verlag in Unna. Sie wurden nicht weniger gefüllt – und förderten enorm das Fußball-Wissen. Bis in die heutige Zeit. Kennt noch jemand Erwin Hermandung? In der zweiten Hälfte der 60er Jahre ein Leistungsträger bei Alemannia Aachen. Jawoll!

Als ich die ersten Panini-Fotos einklebte, kamen sofort wieder die Erinnerungen zurück. Wie aufregend war es immer, eine Tüte zu kaufen, noch im Laden aufzureißen und dann darauf zu hoffen, in ein unbekanntes Gesicht zu blicken. Wobei sich unbekannt nicht auf den Spieler bezog. Sondern darauf, ob sein Konterfei im Album fehlte. Natürlich hatte jedes sammelnde Kind im Kopf, wer noch fehlte bzw. identifizierte jedes neue Bild sofort als fehlendes. Dann wurde aus der Aufregung ein Erlebnis. Vergleichbar mit einem Spieler, der aufgeregt den Rasen betritt und dann beglückt ist, wenn er ein Tor schießt.

Je länger die Aktion, umso größer die Ungeduld. Und immer zittriger die Hände bei jeder neuen Tüte, die im Laden gekauft wurde. Noch immer habe ich den Geruch von Uhu in der Nase, wenn zu Hause die Fotos in ein Album geklebt wurden. Heute sind die Bilder selbstklebend. Papier abziehen, fertig. Was für ein Sammelkultur-Frevel!

Selbstverständlich befand sich immer ein Stoß Fotos in meiner Hosentasche. Für den Fall, dass ich einen Jungen vor dem Laden oder auf der Straße traf, der auch sammelte. Was in den 60ern und frühen 70ern nicht selten passierte. Nicht jeden Jungen kannte ich schon vorher. Doch immer gab es knallharte Verhandlungen auf dem Gehsteig. Wobei für eine WM galt: Je erfolgreicher die Deutschen, umso schwieriger das Tauschgeschäft. Ein Overath für sieben andere Spieler …

Schon damals lief es zwischen Kindern so ab wie heute zwischen Erwachsenen beim Poker. Sobald klar war, welcher Spieler einem „Geschäftspartner“ noch fehlte, und je zappeliger er wurde, desto höher stiegen meine Forderungen. Und umgekehrt. So gingen Stars von Hand zu Hand. Und von Album zu Album. Franz Beckenbauer war spätestens ab dem Viertelfinale bei der WM 1966 schlichtweg unbezahlbar. Schließlich wollte auch jeder „Beckenbauer sein“, wenn nach einem Spiel der deutschen Elf in England die WM vor der Haustür „nachgespielt“ wurde. Wohl dem, der den künftigen Weltstar schon vor WM-Beginn in seinem Album hatte.

Nach der Weltmeisterschaft bot manch Tauschwütiger die komplette Mannschaft von Eintracht Braunschweig zur Bundesliga-Saison 1966/67 für einen Beckenbauer an. Wofür er Hohn und Spott erntete. Damals konnte ja noch niemand ahnen, dass ausgerechnet Braunschweig am Ende jener Saison deutscher Meister sein würde – was deren Tauschwert trotzdem nur unwesentlich aufwertete. Nicht einmal den von Lothar Ulsaß und Erich Maas, obwohl er später zu Bayern München wechselte.
Höher im Kurs stand dagegen der 1. FC Nürnberg nach seinem Meistertitel im Jahr 1968. Mit dem unvergessen Roland Wabra im Tor. Bis heute die letzte deutsche Meisterschaft für die Clubberer.

Vor der WM 1970 ging ich regelmäßig in eine Bäckerei, die auf dem Heimweg von meiner Schule lag. Schon zu Schulbeginn freute ich mich auf diesen Zwischenstopp, um wieder 50 Pfennig in eine Tüte zu investieren. Mit sechs Bildern Inhalt. Oder waren es vier? Und kostete sie 50 Pfennig oder nur 20? Jedenfalls gab ich dafür alles aus, was Anfang des Monats als Taschengeld verfügbar war.

Deshalb war es besonders herb, wenn sich Doubletten häuften. Zwar wissen Sammler: Enttäuschungen bleiben nicht aus. Doch für einen Zehnjährigen ist es fast schon tragisch, wenn er sein knappes Taschengeld komplett in zehn Tüten investiert und am Ende nur ein einziges neues Foto fürs Album herauskommt. Oder gar keines. Sammler sehen aber stets das halbvolle Glas: ein oder zwei neue Fotos – für sie wie ein Sechser für Lottospieler. Also beinahe.

Trotzdem fürchteten die Bäckerei-Fachverkäuferinnen nach einigen Wochen anscheinend meine Tränen, wegen all der doppelten und dreifachen Bildresultate. Deshalb ergriff sie Mitleid. Damit ich nicht noch mehr Taschengeld sinnlos ausgebe, erlaubten sie mir, die Tütchen im Laden gegen das Licht zu halten. So ließ sich erkennen, welche Spieler darin enthalten waren. Eine Fachkraft reckte für mich sogar selbst ein paar Tüten in die Luft. Dann fragte sie, ob ich schon einen Spieler aus Brasilien im Album habe. „Er heißt Pelé oder so ähnlich …“

Ganz weg vom Sammeln neuer Fußball-Fotos war ich allerdings auch später nicht. Wegen einer anderen Vorliebe, nämlich für Duplo und Hanuta. Seit der WM 1982 liegen in deren Verpackungen Bilder von Fußball-Stars bei. So auch zur WM 2014. Nach dem Turnier kam Kateřina zu Besuch, unser tschechisches Patenkind. Damals knapp ein Jahr alt. Seitdem gibt es dieses Album nicht mehr.

Seit über 50 Jahren verrückt nach Fußballer-Bildern von Panini, Ferrero & Co.

Gestern war ich im Zeitungsladen um die Ecke. Dort kosten die Panini-Tüten einen Euro. Der Verkäufer ist, dank seines Vaters, ein Experte. Er wusste, dass meine alten Bergmanns aus den 1960ern weiterhin gesucht sind. Selbst mit wenigen Bildern. Andere Sammler nutzen sie, um heute noch ihre Alben von damals zu komplettieren. Das nenne ich echte Sammel-Leidenschaft. Und Kult.

Nach der WM 1966 durfte ich fehlende Bilder beim Verlag bestellen. Allerdings höchstens sieben. Sonst hätte ich auch dieses Album niemals voll bekommen. Für die Bundesliga-Saison 1968 stieg die Zahl für Nachbestellungen schon auf 20. Eine Freude für glücklose Sammler. Eine Katastrophe für wahre Sammler. Denn damit wurde das Erlebnis des Sammelns um minus 20 eingeschränkt. Darum geht es mindestens genauso wie um das nackte (Album-)Ergebnis. Und pfeif auf all die Doubletten.

Nun lese ich auf der Panini-Homepage, dass man am Ende sogar 50 fehlende Fotos ordern darf. Für den „Privatgebrauch bzw. zur Vervollständigung der Kollektion.“ Ausdrücklich „nicht zum Weiterverkauf“ – kaum anzunehmen, dass Schulkinder dies jedoch heute anders sehen als wir damals, wenn sie einen Sammler auf der Straße treffen. Jeder Sticker kostet 30 Cent. Zuzüglich Versandkosten.

Bis 24. April gab der Discounter zu jedem Einkauf eine Tüte kostenlos dazu, mit zwei Fußballer-Bildern. Seitdem muss man sie kaufen. Ein Tütchen kostet nach offiziellen Angaben 90 Cent, darin sind fünf Sticker. Laut durchgängiger Nummerierung braucht ein Sammler 678 Fotos. Das ist pure Augenwischerei. Denn pro Land müssen 20 Spieler im Vollformat eingeklebt werden – und zudem zwölf von ihnen im Halbformat. Unterm Strich: 768 Spieler. Dazu noch 24 Mannschaftsfotos. Plus 24 Verbandslogos. Plus 6 Fotos einer Ehrentafel gleich am Anfang. Keine Ahnung, für was oder wen. Macht 822 Sticker. Wenn ich mich nicht verzählt habe. Erst dann hat ein Sammler sein Panini-Album komplett. Bedeutet: ganz viele Tüten.

Beim Kauf von vier Tüten schenkt der Discounter bis 24. Juli eine weitere dazu. Macht trotzdem fast 120 Euro – und die vielen doppelten und dreifachen Fotos sind noch nicht mitgezählt. Wer verstehe daher nicht die Klagen eines Freundes, der Vater von zwei Söhnen ist, die beide Panini-Fotos sammeln. Er fürchtet, deshalb in den nächsten Wochen bankrottzugehen. Trotz möglicher Nachbestellungen.

Deutlich weniger Fotos braucht, wer das Album mit Bildern von Duplo und Hanuta bestückt. Nämlich kaum 90. Weil darin nur Spieler und Stab des DFB gesammelt werden. Als Porträts, manche auch in Action, ein Dutzend Nationalkicker sogar mit Kinderfotos. Nachbestellungen ebenfalls möglich, maximal zehn Fotos aus jeder Serie. 25 Cent pro Stück. Plus Porto.

Panini sollte ich bis 24. Juli zügig kaufen und kleben: Darida und Kadeřábek halbbreit auf Seite 54 und vollbreit auf Seite 56 bzw. 57. Denn anschließend wird womöglich schon das Album für die neue Bundesliga-Saison 2021/22 auf den Markt geworfen. Sofern ich in den nächsten Tagen nicht sowieso wieder verstärkt Duplos und Hanutas esse.