Ein Leben zwischen Extremen
Reminiszenz

Ein Leben zwischen Extremen

Er wurde in Prag geboren und in Nürnberg zur Legende: Am 25. November wäre Roland Wabra 85 Jahre alt geworden

25. 11. 2020 - Text: Klaus Hanisch

Roland Wabra war Deutscher Meister und Pokalsieger – und stand trotzdem kein einziges Mal im Tor der Nationalelf. Warum, weiß sein Sohn. Zumindest ahnt es Klaus Wabra. Denn zu einem Lehrgang der deutschen Elitekicker war sein Vater sehr wohl eingeladen. Er kam jedoch unrasiert zum Frühstück. Daraufhin schickte ihn Bundestrainer Sepp Herberger, der Vater des WM-Triumphes 1954, schleunigst zurück ins Zimmer, um sein Gesicht zu glätten. Andernfalls werde er ihn heimschicken, drohte Herberger. „Und was machte mein Vater, trotzig wie er war?“, fragt der 55-Jährige, rein rhetorisch, „er kam nicht rasiert auf den Trainingsplatz. Prompt ließ ihn Herberger seine Sachen packen.“

Darüber habe er sich jedoch nicht beklagt und das Thema Nationalmannschaft nicht mehr weiter angesprochen, sagt Klaus. „Möglicherweise war es ihm egal, auch wenn er gerne für Deutschland gespielt hätte.“ Mutter Grete sieht es anders. „Das hat ihn schon geärgert“, erinnert sie sich, „aber es gab damals Hans Tilkowski, seinen Konkurrenten aus Dortmund, und der war bekannter als er.“ Zudem habe sich ihr Mann nie vordrängen wollen.

Roland Wabra mit seinen Söhnen | © privat

Nur eine von vielen Erinnerungen an Roland Wabra, dessen Leben zwischen Extremen verlief: Mit zehn Jahren aus seiner böhmischen Heimat vertrieben, im Alter von erst 58 Jahren gestorben, als ihn ein Geisterfahrer auf der Heimfahrt vom Nürnberger Trainingsgelände rammte. Dazwischen machte er sich – zumindest für die Fans des 1. FC Nürnberg – unsterblich. Denn sein Name ist untrennbar mit der letzten großen Epoche des Traditionsklubs verbunden. Wabra hütete das Tor der Franken, als sie 1961 Meister und ein Jahr später Pokalsieger wurden. Und er war eine entscheidende Stütze jener Mannschaft, die 1968 den letzten Meistertitel für den „Club“ einspielte. Die Kameradschaft, die diese Mannschaft auszeichnete, sei seinem Vater besonders wichtig gewesen, blickt Klaus Wabra zurück. „Das war ja damals noch eine echte Gemeinschaft, anders als heute, wo jeder Spieler einzeln kommt und geht.“

Dabei galt der Torhüter als aufbrausend, gar jähzornig, wenn ein Spiel des 1. FC Nürnberg nicht nach seinem Geschmack verlief. Im Laufe seiner Karriere handelte er sich drei Platzverweise ein, ungewöhnlich viele für einen Torhüter. Dabei vollbrachte Wabra gar Historisches: Er war der erste Keeper in der Bundesliga, der vom Platz gestellt wurde, im März 1967 beim 2:2 in Düsseldorf. „Schuld daran war mit Sicherheit sein blanker Ehrgeiz und Siegeswille“, erläutert Klaus Wabra, „vergleichbar mit Oliver Kahn später, der auch immer gewinnen wollte, egal mit welchen Mitteln.“ Gereizt war er jedoch nur, wenn seine Vorderleute nicht auf ihre Gegenspieler achteten, wenn sie nicht deckten, ergänzt Mutter Grete. „Sechs Gegentore wie gerade beim Länderspiel von Deutschland in Spanien hätte es bei ihm jedenfalls nicht gegeben, da wäre er narrisch geworden.“

Eines Tages wurde ihr Mann zum Vorstand gerufen, weil er so lautstark und zuweilen barsch dirigierte. Er möge sich gefälligst beherrschen, wurde ihm aufgetragen. „Roland stimmte zu, doch daraufhin ging die gesamte Mannschaft zum Vorstand und bestand darauf, dass er unbedingt weiter Vorgaben mache“, lacht Grete, „sie sagten, dass sie das brauchen, denn schließlich hatte er von hinten den besten Überblick.“

Ungehalten war Wabra freilich nur auf dem Platz. „Wer von der Meistermannschaft noch lebt, wird Ihnen bestätigen, dass der Roland ein ganz feiner Kerl war“, bekräftigt Grete Wabra, „er hat jeden so angenommen, als ob er ihn schon ewig kennt.“ Nur deshalb seien seine ehemaligen Mitspieler regelmäßig ans Grab ihres „Rolli“ in Unterreichenbach gekommen, bis es vor ein paar Jahren aufgelöst wurde. „Das waren eben richtige Kumpels, zwischen ihnen bestand noch lange nach der Karriere großer Zusammenhalt.“

Auch Klaus hat ihn als liebevollen, großherzigen Vater und ehrlichen Menschen in Erinnerung behalten. „Mich hat er nach außen immer geschützt, wenn ich einen Fehler gemacht habe. Zu Hause hat er mir dann mit ruhigen Worten klar gemacht, was nicht in Ordnung war.“ Dies bestätigt seine Mutter. „Wir hatten nie lange Urlaub, doch einmal sind wir ohne den Kleinen zum Arlberg gefahren – und plötzlich wollte Roland Hals über Kopf zu Klaus, so stark war seine Sehnsucht, und mitten in der Nacht waren wir wieder zurück.“

Kaum Worte machte Wabra über seine Herkunft aus Böhmen. „Er hat leider gar nichts darüber erzählt“, bedauert der Sohn, „mir gegenüber hat er das brutalst verdrängt, vielleicht aus Angst und Respekt vor dieser Zeit, vielleicht wollte er nicht mehr daran erinnert werden, vielleicht wollte er mich mit diesen Geschichten nicht runterziehen.“ Nur die Großmutter habe einmal ein paar Sätze über Flucht und Vertreibung verloren. Dafür jedoch öfter böhmisch gekocht.

Mutter Grete kennt die Hintergründe genauer. Roland Wabra stammte aus einer gutbürgerlichen Prager Familie, sein Vater war Zahntechniker, ein Onkel Zahnarzt. Als er vier war, starb bereits sein Vater an Tuberkulose. Daraufhin zog die Mutter mit drei Kindern in den Bezirk Mies (Stříbro) in Westböhmen zu Verwandten. „Dort haben sie in einem kleinen Bauernhaus gelebt, ganz eng, acht Menschen unter einem Dach. Und eine Kuh, wie es eben früher so war.“

Grete wollte gerne kennenlernen, wo ihr Mann aufgewachsen war. Doch er lehnte stets ab. Bis ein Onkel seine Goldene Hochzeit eines Tages unbedingt in der Kirche von Mies feiern wollte. „Deshalb fuhren wir doch einmal über die Grenze, sonst wäre ich nie dorthin gekommen.“

Ein altes Familienfoto: Vater Roland mit Rudolf und Klaus | © privat

Mit Mutter und Geschwistern landete Roland Wabra nach der Vertreibung im fränkischen Unterreichenbach. Die folgenden Jahre wurden zu einer Prüfung für ihn. „Er hatte keinen Menschen, seine Mutter wollte ihn sogar abgeben, weil sie mit drei Kindern überfordert war“, blickt Grete Wabra zurück. „So wurde ich immer mehr sein Halt, das sagte er selbst.“ Ihre Familie betrieb schon damals eine Wirtschaft in dem kleinen Ort nahe Schwabach, zugleich das Klubheim des heimischen Sportvereins. Seine Mutter hatte ihm verboten, Fußball zu spielen, weil Geld für Fußballschuhe fehlte. Deshalb begann Roland mit Handball – und kickte trotzdem für den kleinen SV.

Als die Amateure des großen 1.FC Nürnberg dort antreten, lässt der Trainer den Platz voller Schnee, damit es der Tabellenführer schwerer hat. Tatsächlich gewinnt der Gastgeber mit 4:0. „Und Roland hat gehalten wie ein Gott“, freut sich Grete noch heute. Am nächsten Tag lud ihn der Vorstand zum ruhmreichen „Club“ ein. Wabra zögerte. „Er war zu schüchtern, hatte schon Angst, wenn in seiner Spedition ein Telefon klingelte, weil er das nicht gewohnt war“, blickt seine Witwe zurück.

Sie riet ihm dringend zu. Nach dem Sieg über die FCN-Amateure schenkte ihm ein örtlicher Schuster ein paar Schuhe. „Aber das waren ganz normale Stiefel und keine Fußballschuhe“, schmunzelt Grete, „so ging er quasi ohne alles zum Probetraining beim Club.“ Dort hielt ihn der Trainer für einen „Verrückten“, der Vorstand verpflichtete Wabra umgehend.

Ab 1954 stand Roland Wabra beim 1. FCN im Tor, bis 1969 absolvierte er 523 Pflichtspiele für den „Club“, davon 146 in der Bundesliga. Vor allem in der Meistersaison 1967/68 lief er zu Topform auf. Die großen sportlichen Erfolge seines Vaters bekam Klaus Wabra zu spüren. „Da war viel Neid bei manchen Mitschülern, wenn mein Name fiel.“ Oft hieß es, er brauche „im Leben nie mehr zu arbeiten, dem geht’s doch so gut“. Wabra Junior blieb gelassen. „Ich wusste mich schon zu wehren …“

Ein Block des Nürnberger Stadions trägt den Namen der Club-Legende | © Markus Unger, CC BY 2.0

Grete Wabra nahm ihre Söhne mit ins Stadion. Die großen Partien der 1960er Jahre sind ihr unvergesslich. „Oft habe ich Roland mit dem Auto hingebracht.“ Mit und dank Wabra wurde der „Club“ 1968 mit neun Titeln deutscher Rekordmeister, erst 1987 überholte ihn der FC Bayern München. Daneben prägten zahlreiche sportliche und private Anekdoten seine Laufbahn. In einer Partie gegen Schalke 04 brach er sich 1967 einen Finger und machte auf dem Feld weiter, weil Spieler noch nicht ausgewechselt werden durften. Für Wabra kein Problem, nicht wenige waren überzeugt davon, dass er sich auch als Feldspieler durchgesetzt hätte.

Als ein Trainer die Mannschaft häufig in Trainingslagern versammelte, büchste er in Dortmund mit anderen durch die Kanalisation und einen Gully aus, den Wabra zufällig entdeckt hatte. Einem Nachtwächter am Ausgang drückte er ein paar Mark in die Hand, um raus und später wieder ins Hotel rein zu kommen. Klaus Wabra erfuhr dies von früheren Meisterspielern. „Mein Vater hätte diese Geschichte sicher dementiert“, vermutet er. Denn eigentlich widersprach sie seinem Naturell. „Er war sehr ambitioniert und diszipliniert – aber eben auch ein freiheitsliebender Mensch, der sich nicht gerne auf Befehl einsperren ließ. Wäre die Tür offen gewesen, wäre er vermutlich im Haus geblieben.“ Der Sohn will nicht ausschließen, dass dies mit Kindheit und Flucht seines Vaters zusammenhängen könnte.

Wabra beherrschte verlässlich seinen Strafraum, war stark mit dem Fuß. Wie wichtig er für die Erfolge der Nürnberger war, bewies sich 1969. Der „Club“ stieg als amtierender Meister ab – was niemals zuvor und nie wieder danach in der Bundesliga passierte. Der Torhüter absolvierte nur zehn Spiele, weil er sich früh in der Saison im Training verletzt hatte. Daher verkraftete Roland Wabra den Abstieg nach Aussage seines Sohnes relativ leicht. „Ihm war bewusst, dass er wegen des Muskelrisses im Oberarm nicht mehr spielen konnte wie früher. Anders wäre es gewesen, wenn er die ganze Saison im Kasten gestanden hätte und sie abgestiegen wären.“

Mit dem „Club“ hatte Wabra auch deshalb abgeschlossen, weil der Verein seinen Vertrag schon ein paar Wochen vor Saisonende nicht mehr verlängert hatte. Er kehrte als Spielertrainer zu seinem Heimatverein SV Unterreichenbach zurück. Dort war er wieder der Alte: „krass, manchmal auch böse und beleidigend wie früher bei den Profis – aber eben nur auf dem Platz“, stellt Klaus Wabra noch einmal fest. Sein Ehrgeiz übertrug sich in seinen weiteren Beruf als Versicherungsagent. „Er hat gearbeitet bis spät in die Nacht, blieb weiter selbstkritisch.“

Und er wurde zu einem sportlichen Vorbild für seine beiden Söhne. „Ganz klar“, bestätigt Klaus Wabra, der selbst im November 1983 ein Bundesligaspiel für den „Club“ bestritt und beim TSV 1860 München spielte. „Bei uns zu Hause gab es nichts anderes als Fußball. Er hat uns immer nach draußen getrieben mit dem Ball.“ Der vier Jahre ältere Rudolf kickte ebenfalls beim FCN, Borussia Dortmund und dem 1. FC Köln, jedoch ohne Partie in der Bundesliga, dafür aber bei Royal Antwerpen mit drei internationalen Einsätzen.

Wabra gewann mit dem Club 1961 und 1968 die Meisterschaft.

Wird Klaus Wabra heute noch auf seinen Vater angesprochen? „Das passiert immer wieder, und nicht nur durch eingefleischte Club-Fans.“ Wenn er sich vorstelle, werde oft gefragt, ob er der Sohn des früheren Meister-Torwarts sei.

Grete Wabra hat auch nach über einem Vierteljahrhundert noch den letzten Tag im Leben ihres Mannes im Kopf. „Es war ein Montag, er wollte noch schnell das Auto auftanken, hatte jedoch zwei verschiedene Schuhe angezogen.“ Einen Slipper und einen zum Schnüren. „Da dachte ich mir noch, das kann ja heute was werden …“ Am gleichen Abend ereignete sich der furchtbare Unfall auf der A6, nach dem Training mit der Altherren-Mannschaft und dem üblichen geselligen Beisammensein.

Nachdem Roland Wabra von der Tankstelle zurückgekommen war, fiel ihm der Irrtum mit den Schuhen auf. „So war er eben“, sagt Grete, die im Dezember ebenfalls 85 wird. Das Ehepaar lachte, dann hüpfte Roland über die Rosen vor dem Haus und fuhr weg. „Und so habe ich ihn in Erinnerung behalten.“

Kommentare

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  1. Als gerade jugendlicher Stammzuschauer und Spieler in irgend einer der vielen Club-Schülermannschaften war es fast immer ein Spaß, Wabra spielen zu sehen. Da hat er auch schon mal einen gegnerischen Stürmer bis zur Eckfahne unter dem Jubel der Zuschauer richtig „ausgschwanzt“.

    Und zu der Zeit war es auch üblich, daß die Reserven das Vorspiel gemacht haben. Ausgewechselt werden durfte damals noch nicht. Da passierte es schon, daß der Reserve 1 Spieler gefehlt hat. Wer sprang als Linksaußen ein? Rolli. Und er hat dabei sogar auch noch ein Tor geschossen. Allerdings verließ er dann den Platz auch etwas früher, weil er anschließend in der Ersten zur Freude der Fans wieder im Tor stand.

  2. Leider durfte ich ihn nie kennenlernen, jedoch seinen Sohn Rudolf, als er 1981 im Kader der Profis stand. Er war einer der wenigen Spieler, die sich damals bereitwillig von einem Zehnjährigen mit Instamatic-Kamera fotografieren ließen. Aber noch heute schwärmt mein 78jähriger Vater von Rolli und der 68er Meistermannschaft, die er damals regelmäßig im Städtischen Stadion sah! Schade, dass weder Klaus noch Rudolf sich beim FCN durchsetzen konnten, dann wäre schon Jahrzehnte vor den Köpkes solch eine „Familienvereinszusammenführung“ passiert. 🙂

  3. Ein wirklich sehr schöner Bericht über eine Club-Legende.
    Das erstemal bin ich Roland Wabra im Otto Sicker Sammelalbum von der Buliga 1964/65 „begegnet“, er war das erste Spielerfoto auf der Doppelseite vom damals großen FCN.

  4. ich hatte das Glück und die Ehre, diesen wundervollen, fairen Sportsmann noch persönlich zu kennen. Natürlich war er ehrgeizig und erfolgsorientiert. Ein Vergleich mit Oliver Kahn drängt sich in der Tat auf. Was ihn aber so außergewöhnlich sympatisch machte war die Nähe zu den Club Anhängern. Wie oft bin ich auf einen Sprung in sein Geschäft gegangen, einfach um mit ihm über das letzte Spiel zu plaudern. Schade, dass es sowas heute nicht mehr gibt.

  5. Vielen Dank für diesen schönen Bericht.
    Ich lernte Roland Wabra 1986 kurz persönlich kennen, als er bei einem Spiel der Traditions-Mannschaft in Mainz Weisenau Linksaußen spielte.
    Auch ich meinte zu ihm, dass der hätte in der Nationalelf spielen müssen, worauf er zwar nicht antwortete, aber diese Aussage vielleicht doch wohlwollend zur Kenntnis nahm. 7:0 gewann glaube ich der Club uns als ein engagierter Zuschauer etwas in seiner Richtung rief meinte er nur: Stell Du mit 50 Jahren mal hier hin!
    Live erlebte ich ihn mehrfach 1967/68 und ich meine auch gehört zu haben,
    dass er an jenen unglücklichen Abend nicht mehr mit den Mannschafts-Kameraden noch zusammen saß, sondern schneller wieder zurück zu seiner Familie fahren wollte. Der Geisterfahrer muss ihn auf einer Anhöhe erwischt haben, Rolli hatte keine Chance, er war, wie hier eben auch trefflich beschrieben, ein ganz ganz feiner Kerl !





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