Glückwunsch, Prag 4!
Glosse

Glückwunsch, Prag 4!

Ich erahne mehr und mehr, wie mein nächster Traum verlaufen wird: Mein Fahrzeug wird in Braník durch die Luft schweben und dort so lange verweilen, bis ich es zur Rückfahrt wieder vom Himmel hole. Dies erinnert mich stark an die Idee von Lufttaxis, die derzeit durch manches Hirn deutscher Politiker spuken.

Autonomer Verkehr | © Daimler und Benz Stiftung, CC BY-SA 4.0

Im Internet suche ich nach Angaben, wie weit die Diskussion um diese Lufttaxis gediehen ist und finde in deutschen Zeitungen tatsächlich ein paar Artikel darüber. Deutlich mehr sind allerdings über selbstfahrende Autos erschienen. Zu meinem Entsetzen muss ich feststellen, dass mein Nachbar den Verantwortlichen von Prag 4 bitter Unrecht tut. In Wirklichkeit sind sie auf einem Fortschrittstrip. Und die blaue Farbe ist keine Geldbeutelschneiderei, sondern nur die erste Stufe eines Zukunftsprogramms, das im Jahr 2020 wie ein Silvesterfeuerwerk gezündet wird.

Das hängt eng mit der Entwicklung selbstfahrender Autos zusammen, an denen weltweit gearbeitet wird. Schon heute können sie ein paar Aufgaben allein bewältigen. Nächstes großes Ziel ist nun, dass sie eigenständig einen Parkplatz finden. Einen gewaltigen Schritt nähergekommen ist man diesem Ziel bereits in Stuttgart. Dort wurde im letzten Sommer das erste Parkhaus offiziell zugelassen, in dem Autos ohne Mann am Steuer einfahren dürfen. Das Auto lenkt sich allein über verschiedene Etagen auf einen freien Parkplatz und wieder zurück. Diese Zulassung soll Vorbildcharakter für weitere derartige Projekte auf der ganzen Welt haben, wurde in Stuttgart betont. Zum Beispiel für Prag 4.

Zwei Unternehmen sind dafür die treibenden Kräfte. Intelligente Parkhaus-Infrastruktur von Bosch harmoniert mit der Fahrzeug-Elektronik von Mercedes-Benz. Bosch und Daimler wollen die Technik künftig in Serie bringen. Die Verwaltung von Prag 4 hätte ihren Bewohnern doch sagen können, dass sie mit solchen Weltkonzernen zusammenarbeitet. Dann wären ihre Zustimmungswerte in der Bevölkerung deutlich besser als jetzt, im Zeitalter der blauen Farbe.

Die Projektentwickler von Bosch und Daimler sehen selbstfahrende Autos bald an Flughäfen und in Einkaufszentren einparken. Solche Betreiber könnten damit nicht nur gutes Geld verdienen, sondern Kunden – natürlich gegen Aufpreis – auch Zusatzangebote machen, etwa eine Autowäsche. Bewahrt der Penny-Supermarkt in Braník schon Pläne für solch ein Parkhaus in seiner Schublade auf? Mit angeschlossener Waschanlage.

Eine App soll Nutzern dabei helfen, einen Parkplatz mit einem Smartphone ganz einfach zu bestellen und zu bezahlen. Während sich das Fahrzeug selbständig in Bewegung setzt und einen freien Parkplatz sucht, geht sein Fahrer von dannen, ohne sich mit Automaten oder Kleingeld herumärgern zu müssen. Wie Bewohner von Prag 4 dies jetzt schon von Fahrkarten für Prager Straßenbahnen kennen.

Korrekt geparkt? Kontrollfahrzeug in Prag 8 | © ŠJů, CC BY 4.0

Das Rathaus des vierten Stadtbezirks arbeitet fraglos schon mit Hochdruck an solch einer App für sein Revier. Sie ist die zweite Stufe im Entwicklungsprogramm und wird in absehbarer Zeit an Ortsbewohner verkauft, im Tausch gegen Anwohner-Ausweise für Parkplätze mit blauer Farbe.

Verschiedene Anbieter haben solche Apps bereits auf den Markt geworfen, beziehungsweise auf Smartphones. Bei vielen kann die Parkdauer von unterwegs verlängert werden. Zum Beispiel, wenn ein Einkauf oder Arzttermin länger als geplant dauert. Oder wenn man im netten Café Periferie in Braník überraschend einen Freund trifft. Und in der Weinhandlung gegenüber bei einem besonders leckeren Rebensaft hängenbleibt. Daran sollte die Verwaltung von Prag 4 unbedingt denken, wenn sie ihre App in den nächsten Monaten programmiert.

Man müsse auch keine Angst mehr vor einem Strafzettel haben, sagen die Vorreiter, obwohl kein Parkschein im Auto liegt. Die Politessen seien mit dem Parkplatzanbieter verbunden, würden lediglich das Autokennzeichen in ihre Computer eintippen, einen Hinweis auf dessen Standort bekommen und darauf, dass die Parkgebühr bezahlt sei. Hoffentlich versteht das auch der Kontrolleur, der an manchen Wochentagen wie ein Sheriff durch die Straßen von Braník streift. Wenn auch ohne Pferd. Sofern er dort überhaupt noch zum Einsatz kommt. Denn „seine“ Branická, die historische Hauptstraße von Braník, könnte in diesem Jahr als „digitales Testfeld“ genutzt werden. Wie schon in Berlin bei einem andere Pilotprojekt zum autonomen Fahren, für das kleine Funkmodule an Ampeln zwischen Brandenburger Tor und Ernst-Reuter-Platz montiert wurden und mit autonom fahrenden Autos kommunizieren.

Für den Tag, dass keine Menschen aus Fleisch und Blut mehr in Autos sitzen müssen, hoffen Forscher darauf, dass ein Wachmann in einer Zentrale im Notfall in das Verkehrsgeschehen eingreifen darf. Genau darauf bereitet man sich wahrscheinlich in der Notrufzentrale in Braník (mit Parkplätzen ohne blaue Streifen) vor, aus der immer die Sirenenfahrzeuge losdonnern.

Stellt sich nur noch die Frage, wo die selbstfahrenden Autos gebaut werden. Sollte Prag 4 auch dafür vorgesehen sein, tippe ich auf die kleine unscheinbare Fabrik am Ortsrand, wo die Mitarbeiter derzeit noch in umliegenden Wiesen parken. Bis diese Fahrzeuge endgültig auf den Straßen von Prag 4 unterwegs sind, passe ich meinen körperlich-geistigen Zustand weiterhin der Farbe entlang der Fahrbahnen an. Und rate jedem, der mich in Prag 4 besuchen will, um Gottes Willen nicht über einen der vielen blauen Streifen zu stolpern, die hier überall herum liegen.

Stolperfalle in Braník | © khan

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