Steve Jobs’ Vermächtnis
Glosse

Steve Jobs’ Vermächtnis

Über das neue "Apple Museum" in der Prager Altstadt

6. 10. 2016 - Text: Jan Nechanický, Titelbild: Apple Museum

Läuft man durch die schmale Gasse, die von der Karlsbrücke Richtung Altstädter Ring führt, begegnet man allerlei sonderbaren Dingen. Erwachsene Männer in bunten Kostümen, die mittels kaum verständlichem Sprachengemisch zu Thai-Massagen einladen, hölzerne Marionetten in allen Ausführungen, russische Fellmützen, Gummimasken, überteuertes böhmisches Kristall. Das alles untermalt durch laute Musik von Lady Gaga, Modern Talking oder Boney M., die aus den kleinen Geschäften dröhnt – eine Auslese aus der Abstellkammer der Musikgeschichte.

Ein uneingeweihter Betrachter mag sich fragen, in welcher Beziehung diese (Un-)Dinge zu Prag stehen. Richtig beantworten kann diese Frage wahrscheinlich niemand. Sie sind irgendwann einfach aufgetaucht, und – wie es sich oft mit nicht eingeladenen Gästen verhält – sie waren dann nicht mehr wegzukriegen. Es ist wahrscheinlich, dass bei ihrer Ankunft lediglich die Idee eines schnellen Gewinns eine Rolle spielte in der Annahme, dass die meisten Touristen sowieso nichts über Prag wissen und sie deswegen beispielsweise eine russische Matrjoschka kaufen – auch wenn diese offensichtlich nichts mit der Stadt zu tun hat.

Dieselben Fragen drängen sich auch beim Apple-Museum auf, das seit Anfang dieses Jahres in einer nahe gelegenen Seitengasse seine Türen öffnete. Was hat Steve Jobs, ein amerikanischer Computer-Pionier und Begründer der Firma mit dem Apfel-Logo, mit Prag zu tun? War er jemals hier? Und wie ist es mit dem weltweit bekannten Unternehmen? Ist seine Beziehung zu Prag tiefer als zu irgendeiner anderen europäischen Stadt, in der iPhones und MacBooks verkauft werden?

Sucht man auf den Internetseiten des Museums nach Antworten, findet man nur Informationen über Steve Jobs’ Lebensgeschichte, über Öffnungszeiten und Eintrittspreise. Fragt man im Museum nach, erfährt man lediglich, dass es sich um eine Wanderausstellung handelt, die mehr oder weniger zufällig in Prag angefangen hat – weil die Stadt ja „im Herzen Europas“ liegt. Wohin es mit den Exponaten weitergeht, wisse man nicht. Apple selbst soll die Idee zwar gutgeheißen haben, ist sonst jedoch nicht involviert.

Das Ziel der Ausstellung sei es, über die Entwicklung der Firma zu informieren beziehungsweise die Geschichte ihres Gründers zu erzählen und sein Erbe in die Zukunft zu tragen. Besucht werde sie neben Touristen auch von Schulklassen, manchmal finden Firmenfeste statt. Die Exponate stammen aus privaten Sammlungen. Wer sich schon immer für die Entwicklung von Computermäusen und Tastaturen interessierte oder wer wissen wollte, wie ein iPod im Jahre 2006 aussah, ist hier richtig. Auch Steve-Jobs-Fans werden bestens bedient. Die Hose, die Uhr und die Wasserflasche des Apple-Gründers sind in einer Glasvitrine ausgestellt. Seine Stimme begleitet den Besucher durch die ganze Ausstellung. Man hört ihn seine Produkte erklären und promoten und Motivationsreden für das Leben halten.

Angeblich sei dies die größte öffentlich zugängliche Sammlung von Apple-Produkten auf der ganzen Welt. Nur – warum stellt man sie ausgerechnet im historischen Stadtzentrum von Prag, in der Nachbarschaft des barocken Klementinums und der gotischen Karlsbrücke aus? Zumal nicht einmal die Amerikaner eine ähnliche Ausstellung haben. Beneiden sie die Prager nicht? Nun, vielleicht gehen sie halt lieber ins Guggenheim-Museum.

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