„Es ist nur ein Spiel“
Ansichtssache

„Es ist nur ein Spiel“

Reflexartig zog ich noch ein Ticket aus der Tasche, als der Kontrolleur gleich nach der Anfahrt auf uns zusprang. Vermutlich, weil wir Deutsch sprachen und er uns für Touristen hielt. Womöglich fürchtete er, bei heimischen Passagieren keinen Erfolg zu haben, weil die meisten ein Jahresticket haben. Wie auch mein Bekannter. Pro forma zeigte ich ihm mein Ticket-Bündel, ohne selbst davon noch überzeugt zu sein. Vielmehr grübelte ich bereits darüber nach, warum ich all die Warnsignale ignoriert hatte. Sonst hätte ich auch dieses Mal versucht, mich rauszureden. Schon mehrfach hatten mich Penetranz und Dreistigkeit, Sturheit und Hartnäckigkeit vor Strafzahlungen bewahrt – trotz kruder Argumente. Das Wichtigste dabei: große Selbstsicherheit beweisen. Gerade so, als ob man im Recht sei. Vorwärtsverteidigung heißt so was im Leistungssport. Frechheit siegt, sagt man umgangssprachlich.

Diesmal hätte ich vermutlich zu verdeutlichen versucht, dass wir nur eine einzige Station fahren wollten. Und dass wir zudem dermaßen intensiv die vielen üblen EU-Verordnungen diskutiert hätten – die verdammt vielen Tschechen und sicher auch vielen Kontrolleuren auf den Geist gehen – dass ich gerade jetzt lösen wollte. Denn ich löse ja immer, siehe das Bündel in meiner Hand.

So aber bemerkte der Kontrolleur knapp: kein gültiges Ticket, 800 Kronen Strafe. Zocker-Pech. Für die Zukunft schlug er mir ein Tagesticket vor. Kurz überlegte ich, ob dies als Ratschlag oder Zynismus zu werten sei. Allerdings verriet sein Gesichtsausdruck, dass er selbst nicht ganz glücklich darüber schien, gerade mich erwischt zu haben. Denn ich hatte ja Tickets – und stieg tatsächlich schon an der nächsten Station aus. Deshalb gestand er mir wohl auf Nachfrage auch zu, mit dem Strafticket die Nacht über weiterfahren zu dürfen.

„Kontrolleure sind härter und cleverer geworden – und auch sprachlich besser geschult.“

Zwei Tage vorher hatte ich mehr Glück. Ebenfalls nur drei Stationen, dazu in Prag 10 – da schien mir das Risiko überschaubar und ein Ticket zu schade. Zumal es ein Sonntag war, an dem sich auch Kontrolleure um ihre Familien kümmern dürfen. Das kann freilich ins Auge gehen, im November wurde mir plötzlich im Bus, Linie 196, an einem Sonntag eine Erkennungsmarke vorgehalten. Meine Fahrt dauerte länger und es war erst früher Nachmittag, deshalb hatte ich gelöst. Wahrscheinlich war der Kontrolleur ledig.

Ich finde mich nicht asozial. Wenn man mich erwischt, habe ich gutes Geld zu zahlen. 800 Kronen, wie letzte Nacht. Ein normaler Wetteinsatz. Wie bei Sportwetten, bei denen ich schon oft gewonnen habe. Etwa, als ich den VfB Stuttgart im Jahr 2007 als Deutschen Meister tippte, und ebenso Wolfsburg 2009. Die Quoten waren toll, diese Mannschaften hatte kaum einer auf der Rechnung.

Schwarzfahrer bekommen die Quittung. | © APZ

Mein Fazit nach der letzten Nacht: Viermal wurde ich erwischt, erstmals musste ich bezahlen. Kein schlechter Schnitt für knapp 30 Jahre. Zudem: 800 Kronen, etwas mehr als 30 Euro – so what? Als Zocker müsste ich jetzt 26 Mal schwarz fahren, dann hätte ich die 800 Kronen wieder egalisiert – wenn ich nicht erwischt werde. Doch Kontrolleure sind härter und cleverer geworden. Und auch sprachlich besser geschult. Zudem habe ich den Eindruck, dass es zwar weniger von ihnen gibt, diese aber gezielter auf Ausländer losgehen.

Vor allem nachts habe ich mich oft gefragt, wie viele Mitfahrer wohl noch ein Ticket gelöst hatten. Waren Penner an Bord oder schlafende Passagiere im Anschluss an eine Nachtschicht, bestand keine Gefahr. Dann war die Taktik klar: Wenn Kontrolleure nicht Obdachlose aus der Bahn schmeißen, dann können sie auch andere schlecht kontrollieren. Vor allem nicht im Winter. Und Penner bei eisiger Kälte vor die Tür zu setzen, ist unmenschlich.

Zudem haben Kontrolleure ein Anrecht auf angemessene Schichtzeiten. Also darauf, nicht zu nachtschlafender Zeit Fahrkarten überprüfen zu müssen. Deshalb gilt die Zeit nach 23 Uhr unter Schwarzfahrern in Prag als relativ ungefährlich. Wobei Ausnahmen die Regel bestätigen. Wie letzte Nacht …

Sie bringt freilich einen neuen Aspekt ins Spiel: Sollte man der Stadt Prag nicht dankbar dafür sein, dass sie auch Nachtschwärmer verlässlich nach Hause bringt? Würde sie keine Nachtlinien bereitstellen, bliebe nichts anderes übrig als ein Fußmarsch – oft kilometerweit, wenn die eigene Wohnung in einem Prager Vorort liegt. Oder ein Taxi, was definitiv teurer wäre als ein Tram-Ticket. Sogar richtig teuer, wenn man an den Falschen gerät.

Straßenbahn vor dem Nationaltheater | © APZ

Dagegen verkauft Prag im europäischen Vergleich durchaus Tickets zu moderaten Preisen, 24 Kronen für 30 Minuten. Auch nachts. Deutlich billiger als in meiner hessischen Heimatstadt, wo ich weit über einen Euro für eine einfache Kurzstrecke zu zahlen habe. Und dort muss ich immer zahlen, denn ich kann nicht an jeder Tür einsteigen wie in Prager Trams und Bussen, sondern muss immer vorne am Fahrer vorbei. Sollte ich aus diesen Gründen künftig ehrlicher sein? Der Nervenkitzel würde mir fehlen. „Sport, Spiel, Spannung“ – das war schon als Kind meine Lieblingssendung im westdeutschen Fernsehen. Andererseits: Auch ich werde älter, meine Nerven schwächer.

Kürzlich habe ich in einer Straßenbahn gelesen, dass es nicht nur Monatskarten gibt, sondern auch andere Vergünstigungen. Zum Beispiel für Passagiere ab 60. Zwar habe ich noch eine Weile bis in dieses Alter, trotzdem stellt sich schon jetzt die Frage: Gilt das auch für Ausländer? Falls nicht, wäre es reichlich unfair. Dann sollte ich den Zweikampf in jedem Fall weiterführen. Zumal die Verkehrsbetriebe einen Warn-Kalender veröffentlichen, auf dem sie jene Tage bekannt machen, an denen im öffentlichen Nahverkehr verschärft kontrolliert wird. Leider hat ihn mein Bekannter erst nach der letzten Nacht entdeckt.

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Kommentare

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  1. Sehr geehrter Herr Schwarzfahrer,
    Sie sind niemand der auf Adrenalin aus ist wie Sie behaupten, Sie sind ein Schmarotzer. Ganz einfach. Davon gibt es sicher viele. Aber darauf auch noch stolz zu sein, zeugt von geistiger Armut.
    Vielleicht versuchen Sie es einmal von diesem Blickwinkel aus zu sehen. Oder fahren Sie auch ohne zu bezahlen von Hessen nach Prag weil die Bahn oder der Bus ja sowieso fährt?





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