„Es ist nur ein Spiel“
Ansichtssache

„Es ist nur ein Spiel“

Selbstporträt eines regelmäßigen Schwarzfahrers, der sich den Fahrschein locker leisten könnte

24. 5. 2019 - Text: Heiko T., Titelbild: Felix Mittermeier

Jetzt hat es mich doch erwischt. Letzte Nacht, schon gegen halb drei. Ich hatte keinen gültigen Fahrschein in der Tasche. Wieder mal. Doch diesmal musste ich wirklich zahlen. Zum ersten Mal in fast 30 Jahren.

Ich sehe das jedoch rein sportlich. Ich habe eine Wette verloren – und der Kontrolleur hat gewonnen. Mehr nicht. Für mich ist das ein Spiel: Komme ich durch? Und falls nicht, gelingt es mir, mich rauszureden aus der Situation? Das ist für mich purer Nervenkitzel. Und es gibt mir ein überaus prickelndes Gefühl. Spannend ist dieses Spiel vor allem dort, wo es unberechenbar ist. Also nicht an Plätzen wie dem Verkehrsknotenpunkt Muzeum, wo man sich ausrechnen kann, dass Kontrolleure stehen werden.

Ich bin Anfang 50, komme aus einer kleinen Stadt in Hessen, reise seit fast drei Jahrzehnten nach Prag. Immer für mehrere Tage. Manchmal auch für Wochen. Hier bin ich ein notorischer Schwarzfahrer. Falsch, nicht notorisch. Das würde bedeuten: immer. Ich bin ein regelmäßiger Schwarzfahrer. Also sehr oft.

Fahrscheinentwerter in einer Prager Straßenbahn | © APZ

Ich finde es cool, die Mitfahrenden zu studieren – und mögliche Gegner wie beim Fußball auszugucken. Also Kontrolleure. Wer kommt dafür infrage, wer ist harmlos? Deshalb sitze ich nie in einer Straßenbahn, sondern stehe immer ganz hinten in der Nähe eines Entwerters. Dort halte ich einen Fahrschein griffbereit, um ihn bei Gelegenheit noch schnell einzuschieben, wenn es eng wird. Geht natürlich nur, wenn die Kontrollen anderswo im Waggon beginnen.

Mir gefällt, dass ich zu Beginn der Fahrt entscheiden muss: Ticket lösen oder nicht? Wie beim Anpfiff eines großen Fußballspiels. Ist Gefahr an Bord oder sind das alles harmlose Gestalten? Was für ein Spaß, wenn ich einen durchschaut habe! Auch wegen seiner Enttäuschung, weil ich ein gültiges Ticket besitze, obwohl ich ihm so verdächtig erschien. Wie er mir – glücklicherweise.

„Es geht überhaupt nicht ums Geld. Es geht um das Adrenalin.“

Vielen Leuten ist es peinlich, wenn sie erwischt werden. Dann fühlen sie sich wie kleine Kinder, die etwas Verbotenes gemacht haben und dafür auf die Finger kriegen. Auch kommen sie nur schwer mit der Situation zurecht, dass sie sich – unter zuweilen spöttischen Blicken anderer Passagiere – mit einem Kontrolleur auseinandersetzen müssen. Und dann auch noch zahlen müssen …

Schon der Spannung während der Fahrt sind sie nervlich nicht gewachsen. Das jedoch macht genau dieses Spiel aus. Ich könnte problemlos jede Fahrt bezahlen. Doch es geht überhaupt nicht ums Geld. Es geht um das Adrenalin. Wie jeder Spieler habe ich großen Ehrgeiz. Aber ich kann auch verlieren. Deshalb habe ich mich letzte Nacht über etwas anderes als die Strafe geärgert: Ich hätte erkennen müssen, dass ich in dieser Linie 92 nicht gewinnen konnte.

Schon vor dem Einstieg in Karlín hatte ich ein komisches Gefühl und deshalb überlegt, ob ich trotz der späten Stunde – kurz vor zwei in der Nacht – noch lösen sollte. Ich bin felsenfest überzeugt davon, dass langjährige Zocker ein Gespür für nahende Gefahr bekommen. Aber wir wollten nur vier Stationen fahren. „Und dafür reicht zur Not dein Bündel an gebrauchten Karten“, hielt mich ein Bekannter ab, mit dem ich auf einer Kneipentour unterwegs war. Dieses Bündel führe ich immer in meiner Jackentasche mit. Teils habe ich die Tickets nach meinen Fahrten aufgehoben, teils habe ich sie an Haltestellen aufgelesen. Dieser Trick hat mich schon vor Strafe bewahrt, weil mich ein Kontrolleur deshalb spätnachts für einen ehrlichen Kerl hielt.

Nachdem ich in der Tram war, hätte mich sofort misstrauisch machen müssen, dass zwei Uniformierte mitfuhren, an der hinteren Eingangstür. Das hatte es bei mir seit Jahren nicht mehr gegeben. Nach meiner Erinnerung seit dem Flüchtlingsstrom im Jahr 2015 nicht mehr, als Polizisten regelmäßig in Nachtlinien standen.

Straßenbahn am Heuwaagplatz (Senovážné náměstí) | © APZ

Wäre ich nicht schon von den vielen Bieren zuvor leicht angeschlagen gewesen, hätte ich zudem auf die zwei Typen reagieren müssen, die kurz darauf am Wenzelsplatz zustiegen. Ich sah sie aus den Augenwinkeln und mir fiel auf, wie flink sie für diese Uhrzeit einstiegen – anders als die vielen schläfrigen Passagiere um mich herum. Doch ich unterhielt mich gerade intensiv mit dem Bekannten und verlor sie darüber aus den Augen.

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Kommentare

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  1. Sehr geehrter Herr Schwarzfahrer,
    Sie sind niemand der auf Adrenalin aus ist wie Sie behaupten, Sie sind ein Schmarotzer. Ganz einfach. Davon gibt es sicher viele. Aber darauf auch noch stolz zu sein, zeugt von geistiger Armut.
    Vielleicht versuchen Sie es einmal von diesem Blickwinkel aus zu sehen. Oder fahren Sie auch ohne zu bezahlen von Hessen nach Prag weil die Bahn oder der Bus ja sowieso fährt?





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