Literatur

Die wunderbare Bedeutungslosigkeit des Seins

Die wunderbare Bedeutungslosigkeit des Seins

Fiktive Krankheiten, nackte Bäuche und Kalinins nasse Hose: Nach fast eineinhalb Jahrzehnten erscheint ein neuer Roman von Milan Kundera

26. 2. 2015 - Text: Petr Jerabek, Foto: ČTK/Gallimard

All diese entblößten Bauchnabel! Alain spaziert durch das sommerliche Paris, die Mädchen in den Straßen tragen bauchfreie Shirts – und bringen ihn zum Grübeln: Üben auf den Mann von heute die größte Anziehungskraft etwa nicht mehr die Schenkel, der Hintern oder der Busen einer Frau aus, sondern ihr Nabel? Und wie „soll man die Erotik eines Mannes (oder einer Epoche) definieren, der die weibliche Verlockung mitten im Körper, im Nabel konzentriert sieht“? Das Buch benötigt nur wenige Sätze – schon ist der Leser mittendrin im Kunderaschen Romanuniversum, in dem einmal mehr Essay, Reflexion und Handlung Hand in Hand gehen.

Fast eineinhalb Jahrzehnte ließ sich Milan Kundera, der bekannteste lebende tschechische Autor (der aber längst auf Französisch schreibt) mit seinem neuen Roman Zeit. Nachdem das Buch im Herbst 2013 auf Italienisch und im vergangenen Jahr im französischen Original veröffentlicht wurde, ist „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ in dieser Woche auch auf Deutsch erschienen.

Die Protagonisten von Kunderas bisher kürzestem Roman sind Alain und seine Freunde Ramon, Charles und Caliban. Wie in einem Kammerspiel lässt der Autor sie in unterschiedlichen Konstellationen und Situationen zusammentreffen. Sie tauschen sich über Alltägliches und Grundsätzliches aus, reflektieren Themen wie gute Laune und Tod, Macht und Ruhm, Komik und Lachen, die Schädlichkeit von Brillanz und den Wert der Bedeutungslosigkeit.

Dabei entwirft Kundera immer wieder Szenen voll subtiler Komik. Caliban, der erfolglose Schauspieler, jobbt als Kellner und macht Cocktailpartys zu seiner Bühne, indem er einen Pakistaner gibt und in einer Fantasiesprache spricht. Der Narziss D’Ardelo versucht, schöne Frauen „durch ein wahres Feuerwerk von Esprit“ zu erobern, und muss sich ein ums andere Mal dem völlig unscheinbaren Quaquelique geschlagen geben, den er selbst nicht einmal wahrnimmt.

Hoffnungsloser Kampf
Die desillusionierten Protagonisten suchen eine Haltung in der Welt. „Wir haben seit langem begriffen, dass es nicht mehr möglich ist, diese Welt umzustürzen oder neu zu gestalten oder ihr unseliges Vorwärtsrennen aufzuhalten. Es gab nur noch einen möglichen Widerstand: sie nicht ernst zu nehmen. Aber ich stelle fest, dass unsere Witze ihre Macht verloren haben“, beklagt Ramon. Als Ausweg erscheint ihm in dieser „Epoche des Après-Witzes“ die Bedeutungslosigkeit: „Sie ist der Schlüssel zur Weisheit, sie ist der Schlüssel zur guten Laune.“

Zu einer zentralen Figur des Romans avanciert auch Stalin, über den Charles seinen Freunden Anekdoten erzählt: Wie der Machthaber seine Mitarbeiter verärgert durch ein Histörchen, deren Witz diese nicht verstehen. Wie er den inkontinenten Kalinin quält, indem er seine Monologe in die Länge zieht, bis dieser den „hoffnungslosen Kampf“ gegen seinen Harndrang verliert.

Während in „Die unerträglichen Leichtigkeit des Seins“ Stalins Sohn seine Exkremente, mit denen er die Latrine im Gefangenenlager verschmutzt, zum Verhängnis werden („Ein Tod für Scheiße“), wird der Prostata-Kranke Kalinin trotz nasser Hose unsterblich: Bis heute heißt das frühere Königsberg, die Stadt Immanuel Kants, Kaliningrad.

„Leiden, um seine Unterhose nicht zu besudeln“, sinniert Alain. „Gibt es ein prosaischeres, menschlicheres Heldentum?“

Charles ist von den Anekdoten über Stalin so fasziniert, dass er Lust verspürt, daraus ein Stück für das Marionettentheater zu machen. Überhaupt kommt dieser Roman sehr theaterhaft daher: Die stark reduzierte Handlung konzentriert sich im Wesentlichen auf Dialoge der Protagonisten und wenige bildhafte Szenen. Am Schluss führt Kundera alle Figuren in einem furiosen, fantastischen wie auch witzigen und erklärt theatralischen Finale zusammen.

Die Möglichkeiten des Romans
Bei allem Theaterhaften aber geht „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ über ein Bühnenstück weit hinaus: Einmal mehr erforscht Kundera als Praktiker die Möglichkeiten der Kunstform Roman – so wie er sie versteht: „Die große Prosaform, bei der der Autor mittels experimenteller Egos (Figuren) einigen großen Themen der Existenz auf den Grund geht“ (Kundera in „Die Kunst des Romans“).

Wie seine großen Romane „Der Scherz“, „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ und „Die Unsterblichkeit“ ist auch „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ bei aller scheinbaren Beiläufigkeit durchkomponiert wie ein Musikstück. Zum wiederholten Mal hat Kundera sein Werk in sieben Teile unterteilt, die dessen Rhythmus bestimmen. Er führt Motive ein, lässt sie scheinbar fallen, um sie später – in neuem Licht oder Kontext – wieder aufzunehmen, zu variieren. Vieles ist treuen Kundera-Lesern vertraut: litaneiartige Wiederholungen, Abschweifungen, Komik und Ironie, Paradoxa.

Dennoch: Der 85-Jährige fügt seinem Werk mit diesem wunderbar leichten, ironisch-unterhaltsamen und zugleich thematisch wie formal ausgetüftelten Alterswerk eine neue Facette hinzu. Radikaler als je zuvor reduziert er die Story, die er aber vielschichtig gestaltet. Wie ein Puppenspieler führt der Autor seine Figuren – von diesen „Meister“ genannt – über die Romanbühne und lässt sie dabei selbst zu Autoren werden: D’Ardelo dichtet sich eine unheilbare Krankheit an, Alain imaginiert das Leben seiner Mutter, die ihn als Kind verließ, und Charles spinnt die Geschichte Stalins weiter. Die unterschiedlichen Fiktionsebenen, nur durch den Wechsel aus dem Präteritum ins Präsens von einander getrennt, durchdringen einander zusehend und verschmelzen schließlich.

„Kein einziger Satz seines Romans ist ernsthaft, alles ist Spiel“, schwärmte Kundera einmal über Denis Diderots „Jacques der Fatalist und sein Herr“ aus dem späten 18. Jahrhundert und beklagte zugleich, dass sich der spätere Roman „vom Imperativ der Wahrscheinlichkeit“ fesseln ließ. Der alte Kundera, befreit von allen Zwängen, knüpft mit „Das Fest der Bedeutungs­losigkeit“ an das Erbe Diderots an. Letztlich ist alles Spiel.

Milan Kundera: „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“, aus dem Französischen von Uli Aumüller, Hanser 2015, 144 Seiten, 16,90 Euro, ISBN 978-3-446-24763-5

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