Blick in die Presse

Blick in die Presse

Tschechische Pressekommentare zur Ukraine-Krise, zu islamistischen Terroristen im Irak, zur Schwejk-Statue in Putim und zu 25 Jahren tschechische Demokratie

27. 8. 2014 - Text: Josef FüllenbachAuswahl und Übersetzung: Josef Füllenbach

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Klare Worte gefunden | Die Prager „Lidové noviny“ richtet den Blick auf die Ukraine: „Weder Kiew noch die Führer von Donezk können ihre Wahrheit auf dem Kampfplatz voll durchsetzen. Falls überhaupt jemand etwas durchsetzen kann, so sind es die Führer der einflussreichen Staaten, etwa die deutsche Kanzlerin, die Kiew erstmals seit Beginn des Konflikts besucht hat. Offen gesagt, zu beneiden ist sie nicht. In Europa muss sie sich anhören, sie zeige zu viel Verständnis für Putin. Kiew wiederum vertraut auf den „Merkel-Plan“ als Allheilmittel. Dabei hat sie gar keinen Plan. Sie weiß, dass der Westen die Realität nicht ändern kann, er kann höchstens deren Folgen mildern. Die Realität, das ist die wirtschaftliche Krise in der Ukraine, die Entbehrungen der Zivilisten im Osten des Landes, das russische Diktat bei den Gaslieferungen … Dieses Spielfeld hat Putin abgesteckt. Er ist darauf zu Hause, nicht der Westen. Wenn dieser etwas vermag, dann allenfalls deutliche Worte finden, wie dies Merkel in Kiew gezeigt hat: Frieden in der Ukraine ist nicht möglich, solange die ukrainisch-russische Grenze nicht unter wirksamer Kontrolle ist. Auf den ersten Blick wenig, aber immer noch besser als von ‚beiden Seiten des Konflikts’ zu reden.“

Klare Worte vermisst | Die katholische Wochenzeitung „Katolický tydeník“ befasst sich mit der Bedrohung durch die islamistischen Terroristen im Norden Iraks und sieht Hoffnung darin, dass „die Mehrheit der muslimischen religiösen und politischen Institutionen die Ausrufung des Islamischen Staates abgelehnt hat. Auf der anderen Seite wäre es notwendig, dass diese Ablehnung noch viel klarer zu hören wäre (…). Zum Beispiel sollte in dieser Hinsicht die Stimme der Zentrale der Muslimischen Gemeinde in Tschechien deutlicher vernehmbar sein, um die im Irak begangene Barbarei und den Versuch einer Erneuerung des Kalifats klar zurückzuweisen.“

Unantastbare Figuren | Im Wochenmagazin „Reflex“ befasst sich der auch international renommierte Psychiater Cyril Höschl mit dem Zustand der tschechischen Gesellschaft: „Der Ansicht, dass sich unsere neue Demokratie nicht so entwickelt hat, wie wir uns das in unserem Enthusiasmus vor 25 Jahren vorgestellt haben, kann man nur beipflichten.“ Zu den Kennzeichen der jüngsten Entwicklung „gehören die wachsende Unzufriedenheit, die vielfach mit der insgesamt guten objektiven Lage kontrastiert, die Pflege des Neides nicht nur als Motivation, sondern als ethisches Hauptkriterium (wem es gut geht, ist demnach ein Dieb …), zynischer Pragmatismus und Dekadenz auf geradezu allen Feldern des öffentlichen Lebens. (…) Die tschechische Demokratie war anfangs sicher nicht vollkommen, aber es gab keine unantastbaren Figuren, über deren lange Finger man nur geflüstert hätte, denen die Journalisten auswichen und gegen die jemand, der mit ihnen in Konflikt geriete, nur schwer einen guten Rechtsanwalt fände. In dieser Hinsicht ist unsere Gesellschaft heute tatsächlich abgeschlossener und unfreier als vor 25 Jahren.“

Touristischer Götzendienst | Die Wochenzeitung „Respekt“ glossiert die Aufstellung der ersten tschechischen Statue des von Jaroslav Hašek geschaffenen unsterblichen „braven Soldaten Schwejk“ im südböhmischen Putim. „Es ist gut, dass die Putimer den Schwejk nicht nur als Attraktion betrachten und sich zu seinem Vermächtnis eine Theorie ausgedacht haben, gegen die man nicht viel einwenden kann. Die wichtigste Frage bleibt dennoch bestehen: Wie sehr verleugnen wir, indem wir uns um irgendeine Gestaltung dieser Figur bemühen, das Wesen Schwejks, nämlich seine Vielgestaltigkeit. Vielleicht sollten wir seine Verbildlichung mit einem Bann belegen, damit wir, statt nach seinem Vermächtnis zu fragen, nicht einem touristischen Götzendienst erliegen.“