„Wie 1938“
Interview

„Wie 1938“

Der Krieg in der Ukraine erinnert Osteuropa-Experte Jan Kusber an den Einmarsch der Wehrmacht in die Tschechoslowakei

3. 3. 2022 - Interview: Klaus Hanisch, Titelbild: Jarek Šedý, CC0 (Denkmal in Almaty, Kasachstan)

PZ: Der Krieg in der Ukraine ähnelt der Situation im Jahr 1938: damals die Abtretung der Sudetengebiete, danach – trotz des Münchner Abkommens – die Besetzung der sogenannten Rest-Tschechei 1939 durch Hitler. Jetzt zunächst die Besetzung des Donbass durch Putin, dann der Einmarsch in die Ukraine. Daran müssen gerade auch viele Menschen in Tschechien und Prag denken. Ist dieser historische Vergleich angebracht?
Jan Kusber: Dass dieser historische Vergleich in den Sinn kommt, kann ich gut nachvollziehen. Es geht ja auch um die Frage, ob eine Bedrohung des Weltfriedens, die damals vom nationalsozialistischen Deutschland ausging, nun erkannt wird und wie man damit umgeht. Und auf die Frage, ob Appeasement-Politik das richtige Mittel ist, zu antworten: Der Einmarsch im März 1939 hat gezeigt, dass diese Politik nicht richtig war. Nach allem, was man bisher weiß, ist Putins Krieg gegen die Ukraine von langer Hand geplant gewesen. Der Westen hatte keine Möglichkeit, darauf vorher einzuwirken und ihn davon abzuhalten.

Die Ukraine ist um einiges größer als damals diese „Rest-Tschechei“, zumal die Slowakei bald nach dem Einmarsch zu einem Satellitenstaat Hitlers wurde. Kann Putin die Ukraine überhaupt in voller Größe besetzen?
Das wäre für Putin mit hohen Kosten verbunden. Ökonomisch wie auch im Hinblick auf die Innenpolitik. Ich glaube nicht, dass er das bis ins letzte Detail durchdacht hat. Ein Besatzungsregime für die gesamte Ukraine ist für Russland nicht realisierbar. Das würde auf die russische innenpolitische Szene nachhaltig rückwirken. Die Opposition gegen den Krieg wird aus verschiedenen Richtungen schon jetzt immer deutlicher. Auch aus dem Kampf der tapferen Ukrainerinnen und Ukrainer gegen die Invasion ist bereits erkennbar, dass Putin mit einem langanhaltenden Widerstand rechnen müsste.

Was kann Putin also erreichen?
Es geht um die Frage, welche Territorien er direkt oder indirekt kontrollieren will. Aus den militärischen Bewegungen lässt sich ableiten, dass es ihm vor allem um die sogenannten Separatisten-Gebiete geht, außerdem will er die Krim als seit 2014 annektiertes Territorium absichern. Im Süden kann er die Ukraine mit seinen Truppen größtenteils vom Schwarzen Meer abschneiden. Ich gehe davon aus, dass dies das Mindeste an Territorien ist, was er aus der Ukraine herauslösen will. Und dort will er ein politisches System etablieren, das den klaren Kurs einer Westorientierung der Ukraine nicht mehr durchhalten kann und in das Fahrwasser der Politik Putins einschwenkt. All das hängt aber auch vom Durchhaltevermögen der Ukrainer und ihres Präsidenten ab.

Prof. Dr. Jan Kusber | © JGU Mainz

Die Nazis drohten mit der Zerstörung Prags, falls sich die Tschechen nicht ergeben. Ist für Sie denkbar, dass Putin bis zum Äußersten geht und sogar mit der Atombombe droht, wenn ihm ein militärischer Sieg nicht bzw. nicht schnell gelingt?
Das ist eine ganz schwierige Frage. Nachdem er die Abschreckungsstreitkräfte in den Alarmzustand versetzt hat, ist die Gefahr eines Atomkrieges und der Einsatz von Atomwaffen näher gerückt. Allerdings ist es für Putin nicht ganz einfach, einen Atomschlag auszulösen. Das macht er nicht allein, sondern es ist ein mehrstufiges Verfahren. Man kann nur hoffen, dass ihn jene, die mit ihm in der Befehlskette sitzen, stoppen. Sonst sind wir alle, Europa und die ganze Welt, bedroht.

Die Ukraine ist militärisch deutlich unterlegen. Wie damals die Tschechen. Trotzdem wurde ihnen später zuweilen vorgeworfen, dass sie keinen militärischen Widerstand leisteten, zumal ihre Grenze stark befestigt war. Hätte aus historischer Sicht zumindest ein symbolischer Widerstand damals Sinn gemacht?
Das ist in der Rückschau schwer zu beurteilen. Man kann nicht sicher sagen, ob und dass eine Entwicklung dann anders verlaufen wäre. Sich mit Widerstand gegen Unrecht zu verteidigen, wie jetzt gegen Putins Krieg in der Ukraine, ist sicher ein wichtiges Zeichen. Um deutlich zu machen, dass es hierbei um die Verteidigung demokratischer Werte und der gemeinschaftlichen und individuellen Freiheit geht, die von Putin in der Ukraine bekämpft wird.

Die friedliche Besetzung brachte Hitler militärischen Nutzen. Welchen Nutzen hat Putin?
Sein Ziel ist, alle ostslawischen Gebiete des russischen Imperiums wiederzuvereinigen. Er will nicht die Sowjetunion wiederherstellen, sondern an die Zeit des russischen Imperiums vor 1917 anknüpfen. Belarus ist ja quasi schon als Satellitenstaat in den russischen Machtbereich integriert. Wohl zu seiner eigenen Überraschung ist der Widerstand in der Ukraine dagegen massiv. Es gibt Berichte über gefangen genommene russische Soldaten, die erwartet hatten, als Befreier begrüßt zu werden und von dem Widerstand völlig überrascht wurden.

Die wirtschaftlichen Sanktionen des Westens erinnern an den Kalten Krieg mit dem Ziel, die Sowjetunion finanziell auszubluten, um sie militärisch und eventuell auch im Innern zu schwächen. Kann das gelingen?
Diese Sanktionen wirken viel stärker und viel schneller, als von manchen erwartet. Offensichtlich vor allem die Maßnahmen gegen die Banken. Die Bürger vor allem in den großen Metropolen Moskau und St. Petersburg sind an einen gewissen Lebensstandard gewöhnt, und sie trifft das hart. Es ist möglicherweise auch ein Mittel, die Welle der Opposition dort ansteigen zu lassen. Das Problem dieser Sanktionen ist, dass Putin nach meiner Einschätzung das Wohlergehen seiner Bürger und seines eigenen Staates relativ egal ist. Er will vor allem seine imperialen Ziele durchsetzen.

Tschechiens Eishockey-Legende Dominik Hašek forderte gerade, dass alle Verträge mit russischen Spielern in der NHL ausgesetzt werden. Hat eine Ausweitung von Sanktionen auf alle möglichen Bereiche – wie hier auf Eishockey – überhaupt Sinn?
Man sollte sich genau anschauen, welche Bereiche man damit trifft. Tatsächlich haben auch Personen einen hohen Symbolwert – und Sanktionen gegen hochbezahlte Eishockeystars können durchaus dazu gehören.

Dominik Hašek (2008) | © Dan4th Nicholas, CC BY 2.0

Der Einmarsch Hitlers 1939 war für den Westen ein Schock nach dem Münchner Abkommen. Wie jetzt auch nach dem Einmarsch in die Ukraine. Halten Sie für vorstellbar, dass die NATO der Ukraine doch noch militärisch zu Hilfe kommt – wenn etwa die humanitäre Katastrophe zu groß wird?
Das glaube ich nicht. Die NATO wird sich in diesem Fall immer so verhalten, dass sie nicht als Kriegspartei gelten kann. Dafür gibt es bestimmte völkerrechtliche Regelungen. Eine offene Intervention in den Konflikt wird sie auf alle Fälle vermeiden.

Wieder wird eine Flüchtlingswelle erwartet. In Tschechien sind schon viele Ukrainer. Wurde dem Land deshalb Unrecht getan, nachdem es 2015 keine Flüchtlinge aufnehmen wollte?
In Tschechien wie in Polen war immer schwer zu unterscheiden, ob es sich um Flüchtlinge aus der Ukraine handelt, besonders aus den Separatisten-Gebieten, oder um Menschen, die dort arbeiten und für längere Zeit bleiben und zwischen ihrem Gastgeberland und der Heimat hin und her wechseln können. Insofern halte ich den Vorwurf an diese Staaten, ungerechtfertigt keine Flüchtlinge im Jahr 2015 aufzunehmen, für richtig. Jetzt gibt es eine ganz andere Situation, jetzt kommen tatsächlich Kriegsflüchtlinge, um die man sich kümmern muss. Und das machen Tschechien und Polen sehr umfassend.

Der Einmarsch in die Tschechoslowakei galt als eine Demaskierung Hitlers als unberechenbarer Lügner. Ist Putin jemals wieder ein ernstzunehmender Gesprächspartner für den Westen und die Welt?
Das ist er nicht mehr. Es gibt für ihn kaum noch eine Möglichkeit, gesichtswahrend aus diesem Konflikt herauszukommen. Alle Äußerungen, so auch die der deutschen Außenministerin vor der UN-Vollversammlung, zeigen ja, dass Putin als Partner nicht mehr ernstgenommen werden kann, weil er nicht mehr vertrauenswürdig ist. Bestenfalls muss man mit ihm noch Wege aus dem Krieg suchen – aber dies mit aller Vorsicht.

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