Blick in die Presse

Blick in die Presse

Tschechische Pressekommentare zur Festung Europa und zur Situation im Nahen Osten, zu Zemans Äußerungen zum Islam und zur Geldmaschinerie der FIFA

18. 6. 2014 - Text: Josef FüllenbachAuswahl und Übersetzung: Josef Füllenbach; Foto: APZ

Anzeige

Europäisches Paradox | Die monatlich erscheinende Literaturzeitung „Literární noviny“, nach eigenem Anspruch ein „Blatt für kritisches Denken“, sieht bei zunehmender Xenophobie schwere Zeiten auf die „Festung Europa“ zukommen. Der Immigrantenstrom aus den Entwicklungsländern sei „grundsätzlich verbunden mit dem historischen Faktum des Kolonialismus und mit dem Einfluss der euroamerikanischen globalen Unternehmen. (…) Daran, dass man dort nicht leben kann, tragen nicht nur die korrupten einheimischen Klüngel Schuld. Wer hat sie denn korrumpiert? Wer hat die Finanzkrise losgetreten und spekuliert mit den Preisen von Nahrungsmitteln und auf den Rohstoffbörsen? Sachlich und zynisch betrachtet, bietet sich der Hinweis auf die harte Realität an, dass die EU bei 27 Millionen Arbeitslosen logischerweise die Festungsmauern gegen den Zustrom illegaler Arbeitskraft verstärkt. Aber in Wirklichkeit geht es nur um ein weiteres Paradox, weil Europa für seine Entwicklung stets fremde Arbeitskraft benötigt hat und sie zum Wachstum des Nationaleinkommens, und damit der Beschäftigung, in Zukunft immer mehr benötigen wird. (…) Fachleute schätzen, dass ohne Immigranten im Jahre 2030 in Europa 40 Millionen Menschen auf dem Arbeitsmarkt fehlen werden.“

Bald riesiges Problem | Das Wochenmagazin „Reflex“ nimmt in der Debatte um Präsident Zemans verallgemeinernde Äußerungen über den Islamismus als Wurzel des Terrorismus eindeutig Stellung: „Gewiss, den Islam kann man nicht pauschal als Religion kennzeichnen, die überall nur Böses sät. Aber die Radikalisierung muslimischer Gesellschaften ist in der ganzen Welt mehr als deutlich, und falls die westliche Zivilisation nicht beginnt, sich dagegen zu wehren, wird sie in einigen Jahrzehnten ein riesiges Problem haben. In vielen Dingen ist Miloš Zeman zu widersprechen, aber hinsichtlich seiner Aussagen zu Islamismus und Terrorismus sollten wir ihn unterstützen. Politische Korrektheit muss in diesem Falle weichen.“

Übermalen statt Gewalt | Zur Situation im Nahen Osten meint die Tageszeitung „MF Dnes“: „Wie man es auch dreht, das Ergebnis ist immer schlecht – zynisch gesagt ebenso wie die von Anfang an schlecht gezogene Grenze zwischen Syrien und Irak, welche Isis nun von der Landkarte gefegt hat. Sie entstand 1916, als sich Großbritannien und Frankreich mit stillem Einverständnis Russlands die Einflusssphären in diesem Teil des unterlegenen Osmanischen Reiches aufteilten und keine Rücksicht auf die regionalen Zusammenhänge nahmen, geschweige denn auf die religiösen. Ihre Übermalung wäre richtig, wenn sich dies ohne Gewalt machen ließe. Aber das geht nicht.“

Raubtiere im Revier | Die Prager „Lidové noviny“ befasst sich mit dem undurchsichtigen Finanzgebaren der FIFA. „Auf dem alten Kontinent genießt Blatter deswegen Unterstützung, weil er gelernt hat, sich mit den Raubtieren ein reiches Revier zu teilen. Die Opposition sitzt eher in Großbritannien. Kleinere Länder wie etwa Tschechien sind folgsam. Ihre Funktionäre und Mitarbeiter verachten die Entlohnungen und Vorteile nicht, die aus der Tätigkeit für die Vorgesetzten aus Zürich fließen; vorteilhaft ist das auch für die Verbände. Der internationale Verband verteilt wieder und wieder Beträge (…) für neue Rasenflächen, Stadions, zur Förderung der Jugend, der Frauen, der Behinderten und so weiter. Warum sollten dann die afrikanischen, asiatischen oder lateinamerikanischen Funktionäre nicht so abstimmen, wie es Blatter braucht?“