„Bedeutend für die Menschheit“
Unesco

„Bedeutend für die Menschheit“

Vier Papiermühlen wollen gemeinsam Weltkulturerbe werden – darunter Bewerber aus Tschechien und Deutschland

11. 11. 2019 - Text: Klaus Hanisch, Titelbild: Poland MFA - Mariusz Cieszewski, CC BY-ND 2.0 („Muzeum Papiernictwa“ in Duszniki-Zdrój)

In Europa gibt es noch etwa zwei Dutzend historische Papiermühlen. Viele vermitteln bis heute einen Eindruck davon, wie Papierherstellung schon in vorindustrieller Zeit funktionierte. Nun haben sich vier Mühlen zusammengeschlossen, um gemeinsam Unesco-Weltkulturerbe zu werden – wie elf Kurstädte, die sich schon seit Jahren unter Federführung der Tschechischen Republik um diesen prestigeträchtigen Titel bemühen.

Zu diesen Bewerbern gehören die Papiermühlen in Velké Losiny (Groß Ullersdorf, Tschechien), Homburg am Main (Deutschland) und Duszniki-Zdrój (Bad Reinerz, Polen). Kürzlich kam noch die französische Mühle Richard de Bas in der Auvergne dazu. Bei einer Tagung im fränkischen Homburg unterzeichneten ihre Eigentümer nun ein Dokument, das ihren festen Willen unterstreicht, den Titel gemeinsam anzustreben.

Unterzeichnung in Homburg (links: Petr Fouček, rechts: Johannes Follmer) | © khan

Für ihre Betreiber besitzen diese Mühlen einen „außergewöhnlichen universellen Wert“. Nicht nur, weil sie allesamt in Museen die Entwicklung des Papiers nachzeichnen. Sondern besonders deshalb, weil sie bis heute die Kunst des Papierschöpfens pflegen – auch noch in Zeiten der fortschreitenden Digitalisierung. „Wir machen, erklären, missionieren“, fasst Johannes Follmer, Eigentümer der Mühle in Homburg, knapp zusammen.

Die Mühlenbetreiber machen für sich zudem geltend, dass Papier das Medium gewesen sei, das – im Zusammenspiel mit dem Druck – Gesellschaften entwickelt und Wissen weitergegeben habe. Erst dadurch seien etwa Revolutionen möglich geworden. Und ebenso die Reformation. Dass sie Papier für nachfolgende Generationen „am Leben erhalten“, ist für sie ein wesentliches Argument im Kampf um die Anerkennung als Weltkulturerbe.

Papiermühle in Velké Losiny | © Michal Bjalek, CC BY-SA 3.0

Bei diesem Titel gehe es „natürlich ums Renommee“, bekräftigt Pavel Šoch, Sprecher der Aktiengesellschaft für die Mühle in Velké Losiny, dem früheren Groß Ullersdorf. Auch über wachsende Einnahmen würde er sich freuen, gleichwohl bleibt abzuwarten, ob und inwiefern sich dadurch ein wirtschaftlicher Nutzen ergibt. Derzeit erzielt die AG einen Umsatz von 20 Millionen Kronen im Jahr. In der Manufaktur stellen 24 Mitarbeiter Papier her, vor allem tschechische Universitäten sind ihre Kunden. „Damit sind sie schon jetzt vollauf beschäftigt“, ergänzt Petr Fouček, Direktor der Mühle bei Šumperk (Mährisch Schönberg, Kreis Olomouc/Olmütz).

Sie hat eine lange Geschichte, wurde 1568 zunächst als Getreidemühle gegründet und Ende des 16. Jahrhunderts zu einer Papiermühle umgebaut. Von 1596 datiert auch das älteste erhaltene Büttenpapier aus einem Kaufvertrag. Danach wechselten oft die Eigentümer, allein zwölf gab es im 17. Jahrhundert. Eine wurde 1680 gar als erstes Opfer der Hexenjagd in Olmütz verbrannt.

Ein Meilenstein in der Historie war der Kauf eines sogenannten „Holländers“ im Jahr 1729, nach Šochs Ausführungen „eine der ältesten Maschinen in Mähren“. Hundert Jahre später wurden Trockenkammern in den Dächern des Gebäudes errichtet, die bis heute erhalten blieben.

„Holländer“ in einer Papierfabrik in Florida (1947)

Ende des 19. Jahrhunderts erlebte die Mühle eine Blütezeit, ihre Eigentümer bauten eine Niederlassung in Wien auf und lieferten Papier bis in die Ukraine und die Bukowina. Bald gab es jedoch erste Anzeichen für eine Krise. Handgeschöpftes Papier, das zur Verpackung von Luxusartikeln diente, eröffnete einen neuen Geschäftszweig. Zugleich wurde in der Mühle fortan auch Leinen und Garn gebleicht.

Nach dem Krieg kam sie unter staatliche Verwaltung, die neuen Machthaber produzierten ab 1962 statt Papier nur noch Baumwolle und Leinen. Trotzdem stand die Mühle in den 1970er Jahren knapp vor der Schließung. Doch Künstler retteten das historische Gebäude mit großem Engagement und setzten durch, dass es 1974 in die Liste der staatlichen Kulturdenkmäler aufgenommen wurde.

Ab 1987 wurde in Velké Losiny ein Papiermuseum eingerichtet, das jährlich etwa 60.000 Interessierte besuchen. Das vorerst letzte Kapitel datiert aus dem Jahr 2006, seit damals betreibt eine Aktiengesellschaft die Mühle und ließ Gebäudeteile umfassend restaurieren.

Papiermacher beim Schöpfen aus der Bütte (Holzschnitt von Jost Amman, 16. Jh.)

Schon vier Jahre vorher wurde die Mühle zu einem nationalen Kulturdenkmal. Schließlich sei sie der „letzte Zeuge für das Papierhandwerk in Tschechien“, sagt Pavel Šoch. Außerdem werde hier seit mehr als vier Jahrhunderten fast ununterbrochen und noch genauso wie im 16. Jahrhundert Papier hergestellt. Trotzdem habe man aus staatlichen Quellen bisher „keinen einzigen Heller“ erhalten, wie der Manager verbittert anmerkt.

Deshalb bewarben sich die Mühlenbetreiber 2008 allein um eine Anerkennung als Unesco-Weltkulturerbe. Doch der Antrag wurde „auf Empfehlung“ zurückgezogen, so Šoch. Damals signalisierten das tschechische Kulturministerium und das tschechische Unesco-Komitee, dass die Aussichten auf Erfolg gleich null seien.

Nach einem Bericht der „Mladá fronta Dnes“ unternahmen die Eigentümer der Mühle in Velké Losiny vor sieben Jahren erneut einen Anlauf, der jedoch ebenfalls schnell im Sande verlief. Damals gab es bereits Überlegungen, mit Nachbarländern eine gemeinsame Nominierung einzureichen. Wenn die Papierfabrik von anderen Staaten unterstützt werde, habe sie eine wesentlich höhere Chance, in die Unesco-Liste aufgenommen zu werden, zitierte die „MF Dnes“ Stimmen von damals. „Mehrere Bewerber versprechen einen größeren Erfolg in kürzerer Zeit“, betont nun auch Pavel Šoch gegenüber der „Prager Zeitung“.

In Duszniki-Zdrój wurde bis 1937 hochwertiges Büttenpapier hergestellt. | © Poland MFA – Mariusz Cieszewski, CC BY-ND 2.0

Diese Bewerbung forcieren die Betreiber der Papiermühle im polnischen Duszniki-Zdrój in Niederschlesien. Ihre Einrichtung ist ebenfalls schon mehr als 400 Jahre alt, sie zählte Frédéric Chopin und vermutlich auch Felix Mendelssohn Bartholdy zu ihren Kunden. Eine Attraktion in ihrem Museum, das jährlich etwa 65.000 Besucher zählt, ist eine Sammlung von historischem Papiergeld, wie Direktor Maciej Szymczyk bei der Tagung ausführte.

„Die Polen reisen derzeit quer durch Europa und schauen sich alle historische Papiermühlen an“, erklärt Katharina Arnold, die den Bewerbern für das Unesco-Weltkulturerbe als Beraterin zur Seite steht. Nicht alle wollen jedoch mitmachen, so erhielten die Polen bereits Absagen aus der Schweiz.

Papiermühle in Duszniki-Zdrój (Bad Reinerz, um 1930)

Gleichwohl sind die vier Partner offen für Gespräche mit weiteren Interessenten, wie Pavel Šoch am Rande der Tagung in Homburg herausstellt. Entscheidend für die Teilnahme ist allerdings laut Katharina Arnold, dass die Mühlen „von der Substanz her wirklich noch alt sind“. So wie die Papiermühle in Homburg, die „quasi im 19. Jahrhundert eingefroren wurde.“

Die Mühle am Rande des Spessarts ist eine der letzten historischen Papiermühlen Deutschlands, in der noch immer regelmäßig Papier nach alter Handwerkskunst geschöpft wird. Und sie ist die kleinste unter den vier Bewerbern. Von 1807 bis 1975 wurde dort Papier und Pappe hergestellt, seit 1997 ist sie als Museum geöffnet.

Zwei Jahre später reaktivierte Johannes Follmer, Papiermacher in fünfter Generation, eine Werkstatt. Als Ein-Mann-Betrieb produziert er nun Papier für Urkunden und Diplome. Auch der berühmte Maler Georg Baselitz und der Prinz von Hohenzollern bestellten bei ihm, die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar belieferte er mit Papier für die Restaurierungsarbeiten.

Sinn und Kern der Unesco-Bewerbung ist für Follmer, dass sein Handwerk auch in Zukunft nicht vergessen wird. Allein schon als künftiges Weltkulturerbe im Gespräch zu sein, habe das Interesse an seinem Museum ansteigen lassen, hat er festgestellt. Derzeit kommen jährlich 6.000 Besucher dorthin.

Die „Moulin Richard de Bas“ besteht seit 1326. | © Pechristener, CC BY-SA 4.0

Jüngstes Mitglied im Quartett der Bewerber ist die Mühle Richard de Bas in Ambert, ein Familienunternehmen, das täglich etwa 200 Blatt Papier produziert und dafür nach Angaben seines Managers Sylvain Péraudeau noch immer ein Herstellungsverfahren aus dem 14. Jahrhundert nutzt. Auch diese Mühle hat(te) prominente Kunden wie den Maler Salvador Dalí. Schon 2006 begrüßten die Franzosen den drei Millionsten Besucher in ihrem Museum.

Beraterin Katharina Arnold sieht gute Chancen für die Bewerbung, weil die mittelalterlichen Interieurs der Papiermühlen eine große Tradition widerspiegeln und damit Bedeutung für die Menschheit und die ganze Welt besitzen. Denn erst in Europa sei die Papierherstellung technisiert worden, nachdem sie in China entwickelt worden war.

Papiermuseum in Duszniki-Zdrój | © Poland MFA – Mariusz Cieszewski, CC BY-ND 2.0

Einen wesentlichen Fortschritt sieht sie darin, dass der Mühlenbetrieb in Duszniki-Zdrój seit Oktober auf der offiziellen Vorschlagsliste Polens für künftige Unesco-Denkmäler steht. Da diese Mühle der Leader der Bewerbung ist, zieht sie damit die anderen drei mit. Wenn alles glatt laufe, könnten sich die Mühlen möglicherweise schon in sechs Jahren Unesco-Weltkulturerbe nennen.

Das würde andere überraschen. Nachdem sie sich bereits in Polen und Tschechien getroffen hatten, müssten die Bewerber nach der Tagung in Deutschland nun noch einige Hausaufgaben erledigen, gibt Johannes Follmer zu bedenken. Also nähere Untersuchungen an den Gebäuden oder weitere Geschichtsforschung in Archiven. Daher lautet seine Prognose: „Bis 2030 wollen wir das Ziel erreicht haben.“

Die Eigentümer der Manufakturen unterzeichneten die Vereinbarung am 29. Oktober. | © khan

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