Zwischen Sehnsucht, Melancholie und Ekstase

Zwischen Sehnsucht, Melancholie und Ekstase

Schloss Troja präsentiert Jugendstilplastiken tschechischer Bildhauer

3. 4. 2013 - Text: Sabina PoláčekTe3xt: Sabine Poláček; Foto: GhmP

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Nachdenklich sitzt sie da, verträumt den Blick gesenkt: Es ist das grazile „Melancholische Mädchen“ Jan Štursas, der sie 1906 mit seinen Händen erschuf. „Die Figur ist ein typisches Symbol jener Zeit“, erklärt der renommierte Kunstprofessor Petr Wittlich. Der Experte für tschechische Jugendstil-Bildhauerei leitete bis zum Jahr 2000 die Fakultät für Kunstgeschichte an der Prager Karlsuniversität. Die geschilderte Statue wird im Schloss Troja, das nach der Winterpause am 3. April wieder seine Räume öffnet, in der neuen Ausstellung „Passion, Traum und Ideal“ („Vášeň, sen a ideál“) zu bewundern sein. Präsentiert werden Plastiken aus der Epoche von Wittlichs Spezialgebiet. „In Tschechien gibt es keine umfangreichere Sammlung von Plastiken dieser Art“, so der emeritierte Professor. „Das Besondere an den Exponaten ist, dass auch Werke talentierter, weniger bekannter Künstler gezeigt werden.“

Von Bronze über Marmor bis zum Gips: „Es werden Objekte aus verschiedenen Materialien zu sehen sein“, so Alice Kačírková von der Restaurationsabteilung. In den prächtigen Räumen des Schlosses sind zum Beispiel auch neoklassizistische Arbeiten des großen Bildhauers Josef Václav Myslbek ausgestellt, dessen Reiterstatue „Heiliger Wenzel“ auf dem gleichnamigen zentralen Prager Platz steht. Bestaunt werden können aber auch Kreationen seiner zahlreichen Schüler wie zum Beispiel Josef Mařatka, Quido Kocian, Bohumil Kafka oder František Hošek. Jeder dieser Bildhauer ging künstlerisch seinen eigenen Weg. Im Gegensatz zu anderen Zeitgenossen wurde Jan Štursa jedoch kaum von der Bewegung der Tschechischen Wiedergeburt beeinflusst. Aber die Plastiken, die entstanden sind, zeigen Ähnlichkeiten in Stil und Genre.

Sehnsucht nach Unabhängigkeit
Des Weiteren sind im Ableger der Hauptstadtgalerie Werke naturalistischer Tendenzen zu sehen. Diese entwickelten sich damals parallel zu den impressionistischen Formen. Besonders bemerkenswert sind Exponate des Symbolismus wie etwa die Plastiken berühmter Bildhauer wie Stanislav Sucharda oder Ladislav Šaloun, der unter anderem das Denkmal des Jan Hus am Altstädter Ring gestaltete. Nicht zu vergessen ist auch ein weiterer herausragender Vertreter des Symbolismus: František Bílek, der mit Kocian, Šaloun und Kafka das große Interesse für Psyche, Melancholie und die dunklen Seiten der menschlichen Seele verband. Zu jener Zeit wandten sich Bildhauer auch neuen Materialien zu wie Blei, Beton und Glas. Im Wandel des Schaffensprozesses veränderten sich die künstlerischen Werke zunehmend. „Ab etwa 1909 waren die Plastiken stilisierter und abstrakter“, erläutert Wittlich.

Dass all diese Exponate der Öffentlichkeit zugänglich sind, ist keine Selbstverständlichkeit. Als Folge der harschen Kritik des Meisters Myslbek hatte sein Schüler Jan Štursa viele seiner Objekte zerstört, bis der von Syphilis Geplagte 1925 seinem Leben selbst ein Ende setzte. Ein Glück, dass das „Melancholische Mädchen“ erhalten blieb. Bis zum 3. November können Besucher die Ausstellung im Schloss Troja besuchen. Für Interessierte bietet die Galerie der Hauptstadt Prag auf ihrer Internetseite zudem die Möglichkeit, anhand einer Übersichtskarte öffentliche Plastiken der Stadt Prag zu erkunden.

Passion, Traum und Ideal, (Schloss Troja, U Trojského zámku 1, Prag 7), geöffnet Di.–So. 10–18 Uhr, Fr. 13–18 Uhr, Eintritt: 120 CZK (ermäßigt 60 CZK), bis 3. November

Übersichtskarte mit öffentlichen Plastiken der Stadt Prag: www.ghmp.cz/cs/web/guest/verejnou-plastiku (alphabetisch geordnet nach Künstlernamen, Suche nach Exponaten oder Stadtteilen möglich, mit Abbildungen versehen)