„Wir wollen das Verbindende zeigen“

„Wir wollen das Verbindende zeigen“

Eine neue Dauerausstellung der Nationalgalerie in Prag stellt die alten Meister in einen breiteren Kontext. Ein Gespräch mit Kurator Marius Winzeler

17. 12. 2019 - Interview: Greta Marie Herzig, Titelbild: Helena Fikerová

Das Schwarzenberg-Palais auf dem Hradschin gehört zweifelsohne zu den schönsten Renaissance-Bauten der Stadt. Seine schwarzweiße Kratzputz-Fassade zieren streng geometrische Formen, die sich in fließende, botanisch inspirierte Muster auflösen. Betritt man den Innenhof, erahnt man schon durch die Fenster die Barockstatuen des in Tirol geborenen und in Böhmen wirkenden Bildhauers Matthias Bernhard Braun (1684-1738). Die Plastiken bilden den Einstieg in die neue Dauerausstellung der Prager Nationalgalerie. Seit Anfang November zeigt sie unter dem Titel „Alte Meister“ vor allem böhmische Kunst des 16. bis 18. Jahrhunderts – aber nicht ausschließlich. Im PZ-Gespräch erklärt Kurator Marius Winzeler die in vielerlei Hinsicht ungewöhnliche Werkschau.

Marius Winzeler leitet seit 2015 die Sammlung Alter Kunst. | © NGP

PZ: Mit der Ausstellung wollen Sie die Alten Meister aus ihrer akademisch verkrampften Einteilung lösen. Auf welche Weise?
Marius Winzeler: Dafür haben wir ganz bewusst größere Epochenräume geschaffen. Es geht uns nicht darum, eine traditionelle Lehrbuchdarstellung zu erreichen. Natürlich schätzen wir auch die akademische Sichtweise. Das ist auch unsere Grundlage, aber wir wollen mehr innere Zusammenhänge und inhaltliche Verbindungen aufzeigen. Kunst war immer schon ein offenes System. Das ist gerade in Prag sehr wichtig, wo so viele unterschiedliche Einflüsse zusammenkamen und zu Neuem geführt haben. Zudem wollen wir in diesem Haus stark auf die Räume selbst reagieren. Also die gegebene Architektur beachten, die eben keine klassische Galerie ist. Man darf sich hier wohlfühlen und auch längst bekannt Geglaubtes neu entdecken. Die Ausstellung „Alte Meister“ will nicht belehren, sondern Lust machen zu schauen.

Inwiefern wird das Schwarzenberg-Palais, im 16. Jahrhundert im Renaissance-Stil errichtet, in die Ausstellung miteinbezogen?
Das Palais ist in vielerlei Hinsicht sehr schwer zu bespielen, aber das ist auch eine reizvolle Herausforderung. Generell nehmen wir stark Bezug auf den historischen Rahmen. Das Palais dient nicht nur als Folie, sondern ist selbst ein wichtiges Exponat. Vor allem die Decken aus der Spätrenaissance im zweiten Stock werden akzentuiert. Wir wollen atmosphärische Räume schaffen und das Gefühl erzeugen, dass die Besucher zu Besuch im Haus eines Kunstliebhabers sind.

Palais Schwarzenberg | © Ulf Liljankoski, CC BY-ND 2.0

Wie unterscheidet sich die Ausstellung von der vorherigen?
Einer der Hauptunterschiede besteht darin, Epochen als solche ins Visier zu nehmen, anstatt wie zuvor nationale Zugehörigkeiten. Wir wollten schon länger eine Präsentation, in der böhmische und europäische Kunst zusammentreffen. Aus heutiger Sicht ist es an vielen Stellen schwierig, die Kunst als explizit tschechisch zu definieren. Der fruchtbarste barocke Maler Peter Johann Brandl ist natürlich ein Böhme, aber Tschechisch hat er wohl kaum gesprochen. Wie trennt man das Tschechische und das Deutschsprachige? Zudem waren viele Künstler lange Zeit im Ausland oder kamen überhaupt von woanders hierher. Wir wollten das Verbindende zeigen, nicht das Trennende.

Es gibt also auch Bilder, die im Ausland entstanden sind?
Ja, im zweiten Geschoss hängt etwa eines unserer wichtigsten Werke. „Das Rosenkranzfest“ von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1506. Dieses Werk an sich ist schon ein Beispiel für diese vielen internationalen Begegnungen und Verbindungen. Es entstand im Auftrag deutschsprachiger Kaufleute, die in Venedig tätig waren. Dürer selbst malte es in Italien, im Austausch mit seinem Studium venezianischer Kunst. Zudem ist es für die böhmische Kunstgeschichte sehr wichtig, da es schon 1606 nach Prag in die kaiserliche Sammlung Rudolfs II. kam. Damit gehört es zu den wenigen Werken dieser Sammlung, die so lange in Prag geblieben sind.

Dürers „Rosenkranzfest“ | © NGP

Der Manierismus am Hofe Rudolfs II. gilt als ebenso bedeutend wie der italienische. Was zeichnet ihn aus?
Eine besondere Internationalität, die Verbindung zwischen italienischen und niederländischen Impulsen. Das sieht man in unserer Rudolfinischen Galerie [die ebenfalls zur Ausstellung gehört; Anm. PZ]. Das Edle des Bezugs zur Antike wurde immer mehr zur Manier. Die Proportionen der dargestellten Körper sind unnatürlich lang, manchmal fast verrenkt und doch erscheinen sie uns sehr elegant. Das Realistische, Naturalistische wurde stark mit religiösen Motiven verbunden. Gleichzeitig erfuhr diese religiöse Mythologie eine erotische Aufladung durch reizvoll dargestellte nackte Körper. Es ist auch typisch, dass Kunst und Details unter einem handwerklichen Aspekt betrachtet wurden. Das Material steht im Mittelpunkt, manchmal wurde es sogar unter alchemistischen Aspekten betrachtet. Das Artifizielle trifft auf das Natürliche.

Einige Räume tragen sehr bildhafte Titel, wie „Zwischen Traum und Wirklichkeit“. Ein Versuch, die religiösen Motive an das heute vorwiegend atheistische Tschechien anzupassen?
Natürlich ist in der alten Kunst der sakrale Aspekt entscheidend. Wir versuchen das auch nicht zu negieren. Wir wollen Kontexte aufzeigen, die auf Funktion, Idee, Inhalt und Wahrnehmung der Werke Rückbezüge ermöglichen. Und auf der anderen Seite dazu einladen, auch aus heutiger Sicht diese Kunst als etwas ganz Gegenwärtiges zu erleben. Im ersten Stock gibt es etwa den Raum „Von Angesicht zu Angesicht“, wo ein Gekreuzigter das Zentrum bildet. Aber er wird nicht auf traditionelle Weise präsentiert. Die Monumentalfigur von Matthias Bernhard Braun liegt in der ehemaligen Kapelle des Palais. Vor allem das Lendentuch fällt auf, es gleicht einer kubistischen Landschaft. Wir wollten damit auch bewirken, dass man herumgeht und überrascht ist.

„Von Angesicht zu Angesicht“ | © Helena Fikerová

Zeitgenössische Werke finden sich allerdings nicht in der Ausstellung.
Wir haben vorerst darauf verzichtet, zeitgenössische Werke in den Dialog mit den alten Meistern zu bringen. Obwohl auch das durchaus eine Überlegung war. Das Erdgeschoss ist als experimenteller Bereich für wechselnde Ausstellungen gedacht. Dort wollen wir zumindest einmal im Jahr die Präsentation verändern. Es ist möglich, dass wir dort auch zeitgenössische Werke integrieren, die aber auch an anderen Stellen zusätzliche Akzente bilden können.

Das Erdgeschoss steht unter dem Motto „Gott-Mensch“. Wie haben Sie das Thema bearbeitet?
Zum Ausgangspunkt haben wir das tschechischsprachige Barockgedicht „Was Gott? Mensch?“ genommen [„Co Bůh? Člověk?“ von Bedřich Bridel erschien 1659; Anm. PZ]. Was sind die Beziehungen? Wo sind die Verbindungen? Wie sieht sich der Mensch in der Barockzeit? Wie ist sein Schaffen, Denken und Wirken auf Gott ausgerichtet? Das sind die grundlegenden Fragen für drei Räume im Erdgeschoss. Die Werke stehen dabei in sehr freier Verbindung. Aber sie drücken allesamt aus, wie wichtig der Mensch als Hauptthema im Barock und der Renaissance ist. Wie in der Kunst überhaupt, aber eben auch in dieser bestimmten Epoche – mit ihren vielen gesellschaftlichen Wandlungen und Prozessen.

Alte Meister (Staří mistři)
Palais Schwarzenberg
(Hradčanské náměstí 2, Prag 1 – Hradčany), geöffnet: täglich außer montags 10-18 Uhr (am Mittwoch bis 20 Uhr), Eintritt: 220 Kronen (ermäßigt: 120 Kronen, freier Eintritt für Besucher bis 26 Jahre), Erläuterungen auf Tschechisch, Deutsch und Englisch, www.ngprague.cz



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