Zwischen Begeisterung und Untergangsstimmung

Zwischen Begeisterung und Untergangsstimmung

Hohe Steuern, schlechte Kulturpolitik und mangelnde Kaufkraft: Wie Tschechiens Kleinverlage ums Überleben kämpfen

19. 12. 2013 - Text: Maria SilenyText: Maria Sileny; Bild: Jannet13

Anzeige

In einer Großbuchhandlung würde man sie vergebens suchen: Bücher kleiner Verleger gehören nicht zum Massensortiment – denn sie sind finanziell unrentabel. Doch gerade diese Bücher machen die literarische Szene Tschechiens reicher. Weil sie originell, unverbraucht, anders sind. Ihren Weg zum Leser finden sie zum Beispiel auf „Knihex“, einer Prager Buchmesse, die den kleinen Verlagen gewidmet ist. Unter dem Motto „Knižní vánice“, zu Deutsch etwa „Bücher-Schneegestöber“, präsentierten sich am vergangenen Wochenende 30 Kleinverleger in der Markthalle von Holešovice (Holešovická tržnice). Unter ihnen Joachim Dvořák, der bereits seit mehr als 20 Jahren in seinem Verlag „Labyrint“ Kunstliteratur, Comics, Kinderbücher und nicht zuletzt Belletristik herausgibt. Zu seinem Programm gehören Werke jüdischer Schriftsteller wie Lenka Reinerová oder Maxim Biller, die Dvořák für die tschechischen Leser entdeckt habe, wie er sagt.

Im Schnitt erscheinen bei „Labyrint“ 15 Titel im Jahr. „Als kleiner Verleger kann ich mir den Luxus leisten, zu experimentieren und zu suchen“, sagt Dvořák. So hat er auch Jaroslav Rudiš entdeckt, den Mitautor der Graphic Novel „Alois Nebel“, einer Comic-Reise in die deutsch-tschechische Vergangenheit, deren Filmfassung kürzlich in die deutschen Kinos kam.

Auf seinen literarischen Entdeckungsreisen hat Dvořák von Anfang an finanzielle Engpässe zu überwinden. Stets überlegt er, wie er seinen Verlag am Leben halten kann, überlegt sehr genau, was er herausgibt, was die Mühe, die Zeit, die Investition lohnt. „Ich denke pragmatisch“, sagt er, „ich weiß, wie Bücher zu machen sind, damit am Ende rechnerisch eine Null herauskommt.“ Das sei sein Know-how, das er nicht verraten werde. Dieses Wissen braucht er heute mehr als früher. Denn die Zeiten sind für Verleger härter geworden. Vor 20 Jahren waren Bücher günstiger und verkauften sich mehr, erinnert sich Dvořák. „Anfang der neunziger Jahre kauften die Tschechen etwa ein Buch im Monat, heute sind es zwei im Jahr“, schätzt er.

Eine Rolle spiele dabei die seit 2008 vierfach aufgestockte Mehrwertsteuer, die zur Zeit 15 Prozent beträgt. Der Verleger und Schriftsteller Martin Vopěnka, der im April dieses Jahres zum Vorsitzenden des Verbands der tschechischen Buchhändler und Verleger gewählt wurde, hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf die Politik einzuwirken, die Steuer auf Bücher zu senken. „Tschechische Verleger haben heutzutage die schlimmsten Bedingungen unter den Verlegern der ganzen zivilisierten Welt“, sagte er nach seiner Wahl. Und machte vier Faktoren dafür verantwortlich: das kleine Sprachgebiet, einen der höchsten Mehrwertsteuersätze, ungenügende Kulturpolitik des Staates und mangelnde Kauffähigkeit der Bevölkerung. Die derzeitige Absicht der neu gebildeten Regierungskoalition, Bücher weniger zu besteuern, betrachtet er als eine „große Genugtuung“.

Den geplanten Schritt begrüßt auch Iva Pecháčková, Inhaberin des Kinderbuchverlags „Meander“ und Vorsitzende der Kinderbuch-Kommission im Verband. Die Verlegerin legt großen Wert auf die Kultur des „schönen Buchs“. Ihr Verlag, den sie seit 18 Jahren als Eine-Frau-Unternehmen von ihrem Wohnzimmer aus betreibt, gewinnt regelmäßig Auszeichnungen für liebevoll gestaltete Bücher, die nicht ausschließlich für Kinder gemacht sind. Vielmehr zum „gemeinsamen Lesen in der Familie“, wie Pecháčková sagt. So auch die Neuerscheinung „O smutné továrně“ („Von der traurigen Fabrik“), die an verkommene, vergessene Industriearchitektur erinnert.

Doch nicht nur die Fabrik scheint traurig zu sein, sondern auch die Verlegerin selbst. Finanzielle Sorgen rauben ihr den Schlaf. Für die elf Neuerscheinungen, die sie dieses Jahr auf den Markt brachte, musste sie tief in die Tasche greifen. Weil sie nun Schulden zu begleichen hat, kann Pecháčková in den kommenden sechs Monaten nichts publizieren. Sie muss auf Subventionen des Kulturministeriums warten. Fünf Bücherprojekte hat sie eingereicht. Die staatliche Unterstützung fließt aber so spärlich, dass sie die Kosten eines Kinderbuchs bei Weitem nicht decken kann. Iva Pecháčková spricht von „symbolischen Beträgen“. Auch das Schulministerium biete Kinderbuch-Verlegern keine Unterstützung, sagt sie. Dabei leiden kleine Verlage nicht nur unter der Mehrwertsteuer, sie müssen auch hohe Abgaben für die Distribution einkalkulieren, die sich auf etwa 50 Prozent des Buchverkaufspreises belaufen. So stehen massive finanzielle Probleme der Begeisterung für das Kulturgut Buch im Weg.

„Einer besitzt eine Yacht, ein anderer einen Verlag“, meint schmunzelnd Barbora Čermáková, Mitinhaberin des Verlags „Baobab“, der sich ebenfalls auf Kinderliteratur spezialisiert hat. Um Bücher zu machen, müsse man besessen sein, sagt sie, während sich auf der Buchmesse „Knihex“ Eltern um den Stand des Verlags drängen. Sie blättern, suchen, stellen Fragen. Čermáková hebt immer wieder eines der Bücher hoch und erzählt mit leuchtenden Augen dessen Inhalt. Sie zeigt auch einen Bilderbuch-Stadtführer „To je Paříž“ („Das ist Paris“) von Miroslav Šašek, einem tschechischen Architekten, der Ende der vierziger Jahre emigrierte und in München und Paris lebte. Seine witzigen Stadtführer machten ihn weltweit bekannt. Jetzt können auch tschechische Kinder in den Büchern des wiederentdeckten Autors blättern.

Barbora Čermáková wünscht sich eine „kultiviertere Gesellschaft“, die den Wert eines guten Buchs zu schätzen weiß. Auch finanziell. Sonst werde sich die Entwicklung fortsetzen, die Martin Vopěnka so beschreibt: „Aus den Verlagsprogrammen verschwinden anspruchsvolle Buchtitel, die aber in jeder Hinsicht die Sendung des Mediums Buch erfüllen; nämlich die, ein einzigartiger Träger von Gedanken, historischer Erinnerung und künstlerischen Ausdrucks zu sein.“