„Wir brauchen ihre Erfahrung“
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„Wir brauchen ihre Erfahrung“

Interview mit Trainer Christopher Heck: Warum der FF USV Jena in der neuen Bundesliga-Saison besonders auf tschechische Spielerinnen setzt

9. 8. 2019 - Interview: Klaus Hanisch, Titelbild: Sandro Halank, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 (Szene aus dem Bundesliga-Spiel FF USV Jena gegen SC Freiburg im Mai 2018)

PZ: Sie sind erst 45 und seit fast zehn Jahren Trainer im Frauenbereich: zunächst im Nachwuchs des 1. FFC Frankfurt, dann beim FSV Hessen Wetzlar in der 2. Bundesliga, jetzt bei Bundesligist FF USV Jena. Warum ist es für Sie spannender, Frauen- statt Männermannschaften zu trainieren?
Christopher Heck: Frauen fragen mehr nach, sind skeptischer, was manche Dinge betrifft, stellen häufiger die Frage nach dem Warum. Das ist für einen Trainer sehr angenehm, weil man vieles erklären kann. Und was man Frauen an die Hand gibt, wollen sie akribisch umsetzen. Im Vergleich zu Männern arbeiten sie disziplinierter und härter. Das macht einfach Spaß. Zudem gibt es bei Männern immer einen, der unbedingt Messi oder Cristiano Ronaldo sein will – das gibt es bei den Frauen nicht. Nur ganz selten glaubt eine mal, sie sei die Beste.

In der kommenden Saison spielt Jitka Chlastáková von Slavia Prag bei Ihnen. Sie ist mit 48 Länderspielen, sechs Meistertiteln und vier Pokalsiegen mit Slavia und Sparta die wohl erfahrenste Spielerin in Ihrem Kader, spielte zudem dreimal im Viertelfinale der Champions League. Wie kamen Sie gerade auf sie, eine Tschechin?
Jitka fiel mir auf, als ich das Länderspiel der Tschechinnen gegen Russland in Chomutov beobachtete. Wir haben eine Spielerin gesucht, die genau mitbringt, was sie hat: viel Erfahrung, sogar internationale Erfahrung, die sie sehr gut auf den Platz bringt. Zudem ist sie eine Spielerin, die sehr aggressiv und agil nach vorne spielt. Sie passt ideal in unser Konzept, das hat sich beim Training auch sofort bestätigt. Wir sind froh, dass sie künftig bei uns spielt.

Christopher Heck ist seit 1. Juli Cheftrainer des FF UV Jena. | © MisterMo01, CC BY-SA 4.0

Bei Fußball denkt man mittlerweile immer sofort ans Geld. Ging es dabei – und im Frauenfußball generell – auch um die Ablösesumme und das Gehalt?
Im Frauenfußball werden selten Ablösesummen bezahlt, auch nicht in der Bundesliga. Nur Top-Talente werden aus Verträgen herausgekauft. Spielerinnen, die wechseln, sind in der Regel ohne aktuellen Vertrag.

Dann haben Sie Jitka mit einem höheren Gehalt aus Prag nach Thüringen gelockt?
Nein, wir locken keine Spielerinnen mit Geldversprechen nach Jena. Vielmehr bieten wir ihnen die Chance, in der ersten Bundesliga zu spielen. Dies in einem familiären Umfeld, und mit der Möglichkeit, sich hier etwas aufzubauen, eventuell zu studieren. Wer Fußball spielen will, um möglichst viel Geld zu verdienen, für den ist Jena die falsche Adresse.

Jitka Chlastáková ist erst Mitte 20. War allein die Aussicht auf eine hohe Lebensqualität tatsächlich Anreiz genug, damit sie von der Großstadt Prag und nach Spielen in der Champions League in das deutlich kleinere Jena zu einem Bundesliga-Aufsteiger wechselte?
Sie hat uns verdeutlicht, dass sie auf alle Fälle noch einmal in einer Liga mit deutlich höherer Qualität als in der tschechischen spielen will. Die Bundesliga gilt ja immer noch als eine der besten Ligen in Europa. Hier trifft sie fast jedes Wochenende auf sehr starke Gegnerinnen, während in der tschechischen Liga nur zwei, drei Mannschaften auf wirklich hohem Niveau spielen.

Sind Bundesliga-Spielerinnen Profis – und können Sie als Trainer von dem Job leben?
Ich kann als Trainer davon leben, und ebenso ein Teil der Bundesliga-Spielerinnen. Es gibt auch Vollprofis, aber viele Frauen sehen den Fußball nicht als ihre Arbeit, sondern haben nebenbei einen Job oder studieren, um sich ein zweites Standbein aufzubauen.

Ein 0:4 gegen Freiburg am vorletzten Spieltag der Saison 2017/18 besiegelte Jenas Abstieg aus der Bundesliga. | © Sandro Halank, CC BY-SA 3.0

Die Tschechische Republik ist nicht weit weg von Jena. Gibt es auch im Frauenfußball ein Scouting oder bieten sich Spielerinnen selbst an?
Beides. Die Spielerinnen haben immer häufiger Berater, die auf Vereine zugehen. Aber es gibt auch Scouting. Mancher Klub unterhält dafür eine eigene Abteilung, in anderen Vereinen sind Trainer selbst unterwegs und schauen sich Spiele an, wie bei uns in Jena und zuvor auch in Frankfurt.

Der FF USV Jena ist ein Klub mit engem Kontakt zu den Fans. Er setzte im Existenzkampf in den letzten Jahren auf Crowdfunding, hat einen Fanclub mit den Namen „Powerfrauen im Paradies“ – in Anlehnung an den Spielort – und hält Verbindungen nach Tschechien. Inwiefern?
Wir haben Gönner des Vereins, die in Tschechien unterwegs sind und auch die Sprache beherrschen. Verbundenheit gibt es schon länger auch über den Vorstand.

Beim FF USV spielt bereits seit vier Jahren auch Jana Sedláčková, die über Sparta Prag und den Berliner Zweitligisten 1. FC Lübars nach Jena kam. Sie ist ebenfalls tschechische Nationalspielerin und hat bereits mehr als 50 Spiele in der Bundesliga absolviert. Ihre Vertragsverlängerung fand letztes Jahr in einem Autohaus statt, wo sie eine Ausbildung macht. Spielen berufliche Perspektiven eine Rolle?
Definitiv. Viele Spielerinnen, vor allem jüngere, wechseln dorthin, wo sie eine berufliche Perspektive sehen. Das kann eine Ausbildungsstelle sein oder ein Studienplatz, was Jena besonders interessant macht, ebenso duale Studiengänge. Spielerinnen und ihre Berater fragen nicht nur nach Geld, sondern erkundigen sich sehr oft nach Möglichkeiten, ob und wie sich Spielerinnen weiterbilden oder einen höchstmöglichen schulischen Abschluss machen können.

Spielen Tschechinnen anders Fußball als Deutsche? Beziehungsweise wie wichtig sind die beiden Tschechinnen kommende Saison für Ihre Mannschaft?
Nicht anders, aber in Tschechien wird körperbetonter gespielt. Tatsächlich spielen beide Tschechinnen in der kommende Saison eine sehr große Rolle für mich, weil sie schon sehr erfahren sind. Und Erfahrung brauchen wir in der nächsten Saison, weil wir viele jüngere Spielerinnen haben. Wobei ich hoffe, dass Jana nach ihrem Kreuzbandriss schnell wieder zum Einsatz kommt.

Jana Sedláčková spielt seit 2015 für Jena. | © Sven Beyrich, CC BY 4.0

Sie haben gerade ein Testspiel gegen den amtierenden tschechischen Meister Sparta Prag mit 0:2 verloren. Wie kam es zu einem Test gegen Sparta?
Der Trainer von Sparta rief Jana an und fragte nach, ob wir gegeneinander spielen wollen. Es war ein Spiel auf gutem Niveau, ein guter Test. So stark wie diesmal hatte ich Sparta in den letzten Jahren nicht gesehen. Sie haben jetzt viele Amerikanerinnen in der Mannschaft, auch Prag holt Spielerinnen aus dem Ausland. Der Klub ist attraktiv für Spielerinnen geworden, weil sie dort nun eben Champions League spielen können.

Wo haben Sie wesentliche Unterschiede zwischen Jena und Sparta gesehen?
Sparta war auf einigen Schlüsselpositionen besser besetzt als wir. Man merkte, dass die Spielerinnen schon ein paar Wochen weiter in der Vorbereitung waren und auch ein Qualifikationsspiel für die Champions League bestritten hatten, während wir erst eine Woche im Training waren. Trotzdem hatten wir vier hundertprozentige Chancen, darunter zwei verschossene Elfmeter.

Ihr früherer Klub 1. FFC Frankfurt galt lange als Geldadel in der Frauen-Bundesliga, jetzt wurde er von den noch finanzstärkeren Klubs VfL Wolfsburg und FC Bayern überholt. Allmählich entdecken auch die ganz großen europäischen Klubs in Spanien oder England den Frauenfußball. Fürchten Sie auf längere Sicht eine ähnliche Entwicklung wie bei den Männern?
Früher hieß es immer, Geld gewinnt keine Meisterschaft. Aber es kam doch so. Und gerade in Deutschland müssen wir aufpassen, dass uns Länder, in denen Frauenfußball höher geschätzt wird und wo Sponsoren und Verbände mehr Geld reinstecken, über kurz oder lang nicht überholen. Früher wollten die besten Spielerinnen aus dem Ausland in der Bundesliga spielen, weil sie lange als stärkste Liga der Welt galt. Jetzt erleben wir das Gegenteil: Deutsche Top-Talente wie auch erfahrene Spielerinnen gehen immer öfter zu finanzkräftigen Klubs im Ausland, wie Manchester United, Paris Saint-Germain, FC Barcelona, Juventus Turin. Wir spüren gerade einen Ruck in die falsche Richtung, das müssen wir genau beobachten. Mehr finanzielle Unterstützung von allen Seiten wäre nötig, damit wir dem Ruf der Frauen-Bundesliga weiterhin gerecht werden.

Oranje obenauf: Bei der WM holte Europameister Niederlande den zweiten Platz. | © Liondartois, CC BY-SA 4.0

Wird stattdessen das frühe Aus der deutschen Mannschaft bei der WM das Interesse an den Spielen der Frauen-Bundesliga schmälern und damit weitere Unterstützung verhindern?
Ich glaube nicht, dass das Interesse an der Bundesliga wegen des frühen Ausscheidens der Nationalmannschaft schrumpft. Denn die letzte Fußball-WM war nach meiner Meinung eine der besten Weltmeisterschaften überhaupt. Wir haben sehr viele junge Spielerinnen gesehen, die gezeigt haben, dass sie in den nächsten Jahren eine große Rolle spielen werden, unter anderem auch bei der deutschen Mannschaft. Zudem sind die Spiele sehr attraktiv, dynamisch und schneller geworden. Viele Leute haben mir hinterher mitgeteilt, dass sich Frauenfußball nach ihrem Eindruck gewandelt hat und dass es sich lohnt, zuzuschauen. Natürlich sollten wir aber auch mit der Nationalmannschaft wieder dorthin kommen, wo wir schon einmal waren. Wobei die neue Nationaltrainerin jedoch nur wenige Wochen Zeit für die Vorbereitung auf die WM hatte, das muss man in Rechnung stellen. Und die deutsche U19 wurde Vize-Europameister. Wir brauchen den Kopf also nicht in den Sand stecken.

Zumal der Slogan des deutschen Teams „Wir brauchen keine Eier, wir haben Pferdeschwänze“ ein gestärktes Selbstvertrauen der Frauen nachwies – und deren Bereitschaft, im Fußball nicht dauerhaft ein Mauerblümchen im Glanz des Männerfußballs bleiben zu wollen.
So sehe ich das auch. Jetzt müssen wir nur gucken, dass dies in den nächsten Monaten und Jahren auch weiter gelebt wird und nicht verpufft, wie wir es nach der WM 2011 in Deutschland erlebt haben.

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