Wider das Vergessen

Wider das Vergessen

Das Hultschiner Ländchen (Teil 5): Der Landstrich zeichnet sich durch eine eigentümliche Geschichte aus, welche die Bewohner bis heute prägt. Das Regionalmuseum beschäftigt sich damit in einer neuen Dauerausstellung

27. 5. 2015 - Text: Josef Füllenbach, Foto: Muzeum Hlučínska

Nach der Zeitreise, die die „Prager Zeitung“ in den vorangegangenen vier Folgen mit den Hultschinern und ihrem Ländchen über eine Strecke von gut 270 Jahren zurückgelegt hat, ist eines deutlich geworden: Es ist nicht gerade einfach, das Spezifische des Hultschiner Ländchens und seiner Menschen zu erfassen. Es entzieht sich in seiner Vielschichtigkeit simplen Formeln; der Blick von einem bloß nationalen Standpunkt, sei er nun deutsch oder tschechisch, ergibt keine befriedigende Antwort. Dies schon deshalb nicht, weil Nationalität und Muttersprache in der Regel in eins gesetzt werden, aber „was für uns, die Hultschiner, nicht gilt“, sagte der Historiker und Heimatkundler Vilém Plaček im Jahr 2012. „Wir sind Mähren, aber deutsch gesinnt“, erklärte er damals, wobei er „deutsch gesinnt“ in dem tschechisch geführten Interview auf Deutsch formulierte.

In dieser Überblendung des mährischen (slawischen) Stammes und deutschen Sinnes wurzelten manche Missverständnisse und Feindseligkeiten – oder eben das, was in der Tschechoslowakei seit 1920 als „Hultschiner Frage“ bezeichnet wurde, die es mit mehr oder weniger rabiaten Mitteln zu lösen gelte. Das zwar nicht konfliktfreie, aber letztlich pragmatische Nebeneinander von Deutsch und Mährisch war in den fast zwei Jahrhunderten unter preußisch-deutscher Herrschaft gewachsen. Gelegentliche Germanisierungsansätze blieben auf halbem Wege stecken und konnten der mährisch-katholischen soziokulturellen Prägung wenig anhaben.

Gleichzeitig verinnerlichten die Hultschiner mit der staatsbürgerlichen Zugehörigkeit auch die „preußischen Tugenden“ und damit ihr – bei den Alten bis heute vorhandene – Bewusstsein einer Andersartigkeit, die sie vom „Tschechentum“ deutlich unterscheidet. Den Tschechen hingegen fehlte jedes Verständnis dafür, dass Mähre zu sein etwas vom Tschechischen Verschiedenes sein soll.

Eigene Werteskala

Die Heimatschriftstellerin Anna Malchárková findet, dass das Hultschiner Ländchen „mit seinem spezifischen Wesen aus einer Reihe eingefahrener Gewohnheiten der anderen Regionen der Tschechischen Republik ausschert. Diese Andersartigkeit geht auf die historische Entwicklung zurück, über die absichtlich nur Halbwahrheiten verbreitet wurden, wie sie dem Regime gefielen.“

Die Randlage des Ländchens im äußersten Süden Preußens habe „seine Bewohner gezwungen, sich auf keinen Staat zu verlassen, sondern nur auf die eigenen Kräfte. Damit das Leben erträglicher wurde, begannen sie, sich ihre eigene Werteskala zu bilden (…), die sie den nachwachsenden Generationen weitergaben, und so bildete sich eine gewisse Verschiedenheit heraus zwischen ihnen und den Menschen in Österreich-Ungarn.“ Und mit Bitterkeit resümiert sie die Zeit nach 1920: „Der Mensch steht dem näher, der ihm Brot gibt, als dem, der ihn aus der Arbeit wirft. Das ganze Problem des Hultschiner Ländchens war eigentlich die Sorge um den täglichen Lebensunterhalt. Der Zusammenhalt seiner Bewohner war eine natürliche Abwehr gegen die Stigmatisierung und Diskriminierung, die man gegen die Leute auf jedem Schritt des öffentlichen Lebens anwandte.“

Den jüngeren Hultschinern sind die historischen Umstände, denen sich die Eigentümlichkeiten der fortbestehenden Hultschiner Prägung verdanken, fremd geworden. Von den Älteren, die diesen allmählichen Verlust des Wissens um die eigenen Wurzeln mit Wehmut, aber auch mit Verständnis beobachten und selbst noch oft und gerne in ihren Gedanken und Erzählungen den alten Geschichten nachhängen, gibt es mit der Zeit immer weniger. Auch aus diesem Grunde ist es ein Glück, dass im Museum des Hultschiner Ländchens Anfang 2014 eine neue Dauerausstellung eröffnet wurde, die dem Besucher in einzigartiger Weise das Spezifische von Land und Leuten der Region nahebringt.

Dafür konnten vor zwei Wochen, am 14. Mai 2015, der Direktor des Museums, Metoděj Chrástecký, und der Bürgermeister von Hlučín, Pavel Paschek, im Prager Gemeindehaus aus der Hand des Kulturministers Daniel Herman (KDU-ČSL) einen der begehrten Preise des hierzulande wichtigsten jährlichen Museumswettbewerbs „Gloria Musaealis“ entgegennehmen: den Sonderpreis in der Kategorie „Museumprojekt des Jahres 2014“.



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