Wer war eigentlich Rieger?

Wer war eigentlich Rieger?

Symbolfigur der Nationalen Wiedergeburt und abgewählter Alttscheche in Vinohrady

9. 3. 2016 - Text: Friedrich GoedekingText: Friedrich Goedeking; Foto: O. Kořínek/CC BY-SA 3.0

Der mehr als hundert Jahre alte Rieger-Park (Riegrovy sady) im Stadtteil Vinohrady liegt auf einer Anhöhe, von der man eine der schönsten Aussichten auf Prag hat. Der Biergarten im Park gilt als einer der größten der Stadt. Bei Europa- und Weltmeisterschaften versammeln sich dort hunderte Fußballfans, um die Spiele gemeinsam auf der Leinwand zu verfolgen.
František Ladislav Rieger gehörte wie sein Schwiegervater František Palacký im 19. Jahrhundert zu den bedeutendsten Persönlichkeiten Böhmens. Er wurde 1818 als Sohn eines Müllers im Dorf Semily (deutsch Semil, heute Kreis Liberec) geboren. Der Vater schickte den hochbegabten Sohn nach Prag. Dort lernte Rieger unter anderem beim Sprachwissenschaftler Josef Jungmann, dem er auch half, das fünfbändige tschechisch-deutsche Wörterbuch zu verfassen, das im Zuge der Nationalen Wiedergeburt die Grundlage für die Wiederbelebung der tschechischen Sprache bilden sollte.

Beliebtheit errang Rieger in den Revolutionsjahren 1848/49, als er an der Spitze der Liberalen in Wien für Demokratie und größere politische Autonomie der böhmischen Länder eintrat. In Prag feierten die Tschechen Rieger damals wie ein Staatsoberhaupt mit einem Gassenhauer: „Hat eine Löwenmähne/Und Augen wie ein Tiger./Das ist der Tschechen König./Das ist Herr Doktor Rieger.“

Rieger wollte die Monarchie beibehalten, forderte aber die nationale Gleichberechtigung der Völker innerhalb des Habsburger Reiches. Nur dann, so Rieger, „glaube ich an eine lange und glückliche Zukunft Österreichs“. Als Abgeordneter im böhmischen Landtag scheiterte er mit seinem Engagement immer wieder.

Nachdem er sich mit seinem politischen Programm nicht durchsetzen konnte, konzen­trierte er sich in den fünfziger und sechziger Jahren auf die kulturelle Wiedergeburt Böhmens. Als einer der ersten tschechischen Autoren erkannte er die Bedeutung der Industrialisierung und wurde mit seinen ökonomischen Schriften zum Begründer der tschechischen Volkswirtschaftslehre. Im Jahr 1851 begann er, die erste tschechische Enzyklopädie herauszugeben, die elf Bände umfasste. Später war er Mit­begründer der „Národní lis­ty“, der ersten tschechischen Zeitung, und übernahm von Palacký den Vorsitz der Nationalpartei (Národní strana), auch Alttschechische Partei genannt.

Rieger versuchte nun, den böhmischen Adel und die katholische Kirche für seine politischen Ziele zu gewinnen. Mit dieser konservativen Wende weckte er Widerstand in seiner Partei. Seine Gegner gründeten in den siebziger Jahren die Národní strana svobodomyslná, die Freisinnige Nationalpartei der sogenannten Jungtschechen, die bei den Wahlen wenige Jahre später die Alttschechen aus dem Landtag verdrängten. Auch Rieger verlor 1891 sein Mandat. Am 3. März 1903 starb er in Prag.

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