Wer war eigentlich Jessenius?

Wer war eigentlich Jessenius?

Prager Orte und ihre Namen: Mutiger Mediziner und protestantischer Politiker in Žižkov

15. 3. 2016 - Text: Friedrich GoedekingText: Friedrich Goedeking; Foto: APZ

 

Die fast durchweg schnurgerade verlaufende Jeseniova-Straße im Stadtteil Žižkov kann als ein Symbol für die Aufrichtigkeit und Geradlinigkeit ihres Namensgebers stehen. Der einflussreiche Mediziner und Politiker Jan Jessenius (auch Jesenius, Ján Jesenský) stammte aus einer adeligen protestantischen Familie. Geboren 1566 in Breslau, studierte er Medizin und Philosophie in Wittenberg, Leipzig und Padua.

Während eines Besuches in Prag im Juni 1600 erregte Jessenius mit einer spektakulären Veranstaltung an der Universität großes Aufsehen. Fünf Tage lang obduzierte er den Leichnam eines Hingerichteten und lockte mit seinen Ausführungen über den menschlichen Körper Tausende Schaulustige an. Es war die erste öffentliche Obduktion in den böhmischen Ländern, mit der Jessenius ein neues Kapitel in der Geschichte der Anatomie eröffnete. Die Medizin war für ihn Wissenschaft, die er nicht länger Laien und Pfuschern überlassen wollte. Mit seiner Obduktion verband Jessenius außerdem das Anliegen, den Ruf der Prager Universität zu fördern und ihr wieder das Ansehen zu verleihen, das sie in den Jahrzehnten nach ihrer Gründung durch Karl IV. 1348 besessen hatte. Er veröffentlichte Schriften zur Theorie und Praxis der Medizin und verfasste eine Denkschrift zur Reform der Karls-Universität.

1617 wurde Jessenius zu deren Rektor gewählt. Er unterstützte die Opposition der protestantischen Stände und unternahm in ihrem Auftrag diplomatische Missionen, um eine Koalition gegen die katholisch-absolutistische Habsburger Monarchie zu schmieden. Zwei Jahre später wirkte er an der Konföderationsakte der böhmischen Stände mit, einem Bündnisvertrag, der den Ständen das Recht auf die freie Wahl eines Königs zusicherte und dessen Macht stark einschränkte. Außerdem wurde darin den Protestanten die Glaubensfreiheit garantiert. Aufgrund der Ständeverfassung wurde der Habsburger Kaiser Ferdinand II. als böhmischer König für abgesetzt erklärt und der protestantische Kurfürst Friedrich von der Pfalz zum König der böhmischen Länder gewählt. Jessenius begrüßte ihn im Namen der Universität bei seiner Ankunft in Prag und begleitete ihn auf seinen Reisen nach Mähren und Schlesien.

Nachdem Kaiser Ferdinand das Ständeheer in der Schlacht am Weißen Berg 1620 vernichtend geschlagen hatte, nahm er Rache an den führenden Persönlichkeiten der evangelischen Stände. Von den 27 Bürgern, Rittern und Adeligen, die der Kaiser auf dem Altstädter Ring hinrichten ließ, erlitt Jan Jessenius die grausamste Bestrafung. Nach einer zeitgenössischen Chronik hat der Scharfrichter ihm „erstlich die Zunge abgeschnitten, danach ihn enthauptet, des folgenden Tags vor dem Galgentor gevierteilt und die Viertel bei dem Rabenstein auf die Straßen gesteckt“. Heute erinnert an den großen Mediziner, Philosophen und Politiker neben der Straße in Žižkov auch der Eurocity 174/5 Jan Jesenius, der zwischen Hamburg, Berlin, Prag, Bratislava und Budapest verkehrt.

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