„Weil ich 1968 die tschechoslowakische Fahne hisste, sperrte man mich als Staatsfeind ein“

„Weil ich 1968 die tschechoslowakische Fahne hisste, sperrte man mich als Staatsfeind ein“

Die Geschichte einer politischen Inhaftierung

12. 12. 2012 - Text: PZ

Anzeige

Bob Bahra möchte sagen können, was er denkt. Und er möchte die Bücher lesen, die er will. Der junge Grafiker illustriert Romane beim Potsdamer SED-Bezirksorgan Märkische Volksstimme. Auf einem Jugendforum der Zeitung 1963 fragt der damals 21-Jährige: „Warum darf ich llja Ehrenburg nicht lesen? Und warum nicht Franz Kafka?“ Der Chefredakteur ist entrüstet über diese „üble Hetze“ und protokolliert: „Ohne es mit uns abzusprechen, stellte der B. Fragen. Keiner der Jugendlichen unterstützte ihn.“

Als US-Präsident Kennedy 1963 erschossen wird, stellt der damals 21-Jährige Kerzen ins Fenster und gerät nun endgültig ins Visier der Staatssicherheit. Die Stasi setzt mehr als 40 Spitzel auf ihn an. IM „Ingo“ schreibt über den Stiefsohn eines stalinistischen Funktionärspaars, der früh versucht, sich aus diesen Zwängen zu befreien: „Dieser Sohn passt nicht zur Familie.“

1967 verhaftet die Stasi Bob Bahra zum ersten Mal. Er sitzt eine Woche im Untersuchungsgefängnis des Staatssicherheitsdienstes in der Potsdamer Lindenstrafje. „Ein Freund war in den Westen geschleust worden. Ich wusste davon und zahlte die Miete seiner Wohnung weiter, damit sein Verschwinden nicht so schnell auffällt“, erzählt Bahra. „Das erfüllte in der DDR den Straftatbestand des Nichtanzeigens eines Staatsverbrechens. Auch meine damalige Frau wurde verhaftet.“ Das Bezirksgericht Potsdam verurteilt beide zu 18 Monaten Haft auf Bewährung.

Bob Bahra arbeitet inzwischen als Grafiker in der SED-Parteischule in Kleinmachnow bei Potsdam. „Ich war in der Höhle des Löwen. Komischerweise versuchte mich dort kaum jemand politisch zu beeinflussen. Ich entwarf die Kulissen für das Weihnachtsmärchen in der Parteischule und illustrierte Ausstellungen.“ Bahra führt ein mondänes Leben, das sich sogar im Westen nur wenige leisten können. Er bewohnt eine Villa mit Swimmingpool im Potsdamer Stadtteil Babelsberg und fährt ein altes Cabriolet. Doch die geistige Enge in der DDR belastet ihn schwer. Der junge Familienvater reist immer wieder nach Prag. Er liebt die weltoffene Kulturstadt und ist fasziniert von den Veränderungen in der Tschechoslowakei. Er träumt von einem „Reformsozialismus mit menschlichem Antlitz“ auch in der DDR. „Obwohl ich in der Parteischule arbeitete, hörte ich dort West-Berliner Sender. Am 21. August 1968 meldete der RIAS den Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag. Ich war total aufgewühlt, legte die Arbeit nieder und wollte vom Schulleiter wissen, was in Prag los ist.“

Auf einer Gewerkschaftsversammlung, die wegen der Ereignisse in Prag einberufen wird, provoziert Bahra die linientreuen Genossen mit kritischen Fragen. Und er trägt seinen Protest stumm auf die Straße. „Ich heftete mir ein ČSSR-Fähnchen mit Trauerrand an das Revers und lief damit durch Potsdam. Im Cafe Heider schob ich eine tschechoslowakische Fahne unter die Glasplatte eines Tisches. Und auch vor unserem Haus hisste ich eine ČSSR-Fahne aus der Parteischule“, erzählt der ehemalige Dissident. Am nächsten Tag fährt er nach Berlin und legt eine Flagge der ČSSR an der Alten Wache ab. „Ich wollte ein Zeichen setzen. Im Operncafe gegenüber setzte ich mich auf die Terrasse und wartete auf eine Reaktion der Staatsmacht. Aber es passierte nichts.“

Am 3. Oktober fährt frühmorgens ein grauer Moskwitsch vor der Babelsberger Villa vor. Offiziere der Staatssicherheit klingeln an der Tür. Haftbefehl wegen „Solidarität mit der Konterrevolution, öffentlicher Verleumdung und Verächtlichmachung der Maßnahmen unseres Staates“. „Ich hatte wegen der Protestaktion schon meine Arbeit verloren. Ende August wurde ich fristlos gefeuert. Ich rechnete nicht mehr damit, auch noch verhaftet zu werden“, so Bob Bahra.
Sein kleiner Sohn steht mit einem Holzgewehr in der Tür, als der Vater abgeführt wird. „Es ist schlimm, was die Stasi-Leute auch bei Kindern angerichtet haben. Mein Sohn hat sich in seiner kindlichen Vorstellung grofee Vorwürfe gemacht, dass er die Männer mit seinem Holzgewehr nicht aufgehalten hat, als sie mich mitnahmen. Das hat ihn lange belastet.“

Bob Bahra wird in eine Einzelzelle der Stasi-Untersuchungshaftanstalt in der Potsdamer Innenstadt gesperrt. „Das Hissen der ČSSR-Flagge war auch in der DDR nicht verboten. In meinem Fall wurde daraus aber ein Verbrechen gemacht.“
Sechs Monate sitzt der zweifache Vater in Untersuchungshaft. „Drei Monate sperrte man mich in Isolationshaft, drei Monate saß ich in einer Doppelzelle. Als Toilette diente ein stinkender Kübel. Nachts ging viertelstündlich die grelle Beleuchtung an. Die Stasi wollte uns um den Schlaf bringen und mürbe machen.“ Bob Bahra macht sich Sorgen um seine Frau und die beiden Kinder. Wird die Staatsmacht auch sie abholen? Die Staatssicherheit wirft Bahra in ihrem Abschlussbericht in verschachteltem Deutsch vor, er habe „mit dem Ziel der Aufwiegelung gegen die sozialistische Staatsordnung der DDR, insbesondere gegen die Maßnahmen der sozialistischen Armeen zum Schutz der sozialistischen Staatsmacht in der ČSSR, die Tätigkeit von Staatsorganen der DDR und anderer sozialistischer Länder diskriminiert“.

Am 22. Februar spricht Oberrichter Hermann Wohlgethan vom Bezirksgericht Potsdam sein Urteil. Wegen seiner Schauprozesse nach dem Arbeiteraufstand 1953 nennt man ihn auch den „roten Freisler“. Bahra: „Ich bekam drei Jahre Zuchthaus. 18 Monate für meinen Fahnen-Protest. Die Bewährung für meine erste Verurteilung wurde gestrichen.“ Bei der Urteilsverkündung sitzen seine junge Frau im Saal und eine ganze Schulklasse – Staatsbürgerkunde-Unterricht im Gericht.
„Ich sollte meine Strafe in Cottbus absitzen. Doch die Gefängnisse in der DDR waren nach der Niederschlagung des Prager Frühlings so voll, dass ich noch eine Zeit lang in Potsdam blieb.“ In Cottbus teilt sich der Grafiker die Zelle mit 42 Mann. „Mitunter hörten wir die Schreie der Gefolterten aus der Arrestzelle. Aus Solidarität mit ihnen brüllten wir mit“, erinnert sich der Potsdamer. „Von einem Freikauf politischer Häftlinge wusste ich bei meiner Ankunft in Cottbus nichts. Ich fürchtete, dass mich die Stasi noch länger als die drei Jahre einsperren würde. Nachschlag war jederzeit eine Option.“

Die Familie in Ost und West organisiert prominente Unterstützer für Bob Bahra, „Sogar der Bundesminister Carlo Schmid setzte sich für mich ein. So kam ich schließlich auf eine Liste für die Häftlingsaktion. Davon ahnte ich in Cottbus allerdings nichts. Man war von allen Informationen abgeschnitten.“ Im Juli 1969 wird der politische Häftling nach Karl-Marx-Stadt verlegt. „Da wurden wir aufgepäppelt. Die Gefängniszellen waren tagsüber offen, es herrschte ein ganz anderer Knastalltag“, so Boba Bahra. „Nach einigen Tagen sagten zwei Stasi-Offiziere zu mir: Wir haben Ihre Frau gefragt, ob sie möchte, dass Sie nach Hause kommen. Sie hat mit Ja geantwortet. Möchten Sie auch nach Hause?“ Am nächsten Tag kann Bahra das Gefängnis mit zwei Mithäftlingen, etwas Geld und einer Bahnkarte für die Fahrt nach Potsdam verlassen.

„Nach der Haft fanden meine Frau und ich nicht mehr zusammen. Die Stasi hat eine glückliche Familie zerstört.“
1974 heiratete Bahra neu, lebt heute als Fotograf in Michendorf bei Berlin. DDR-Richter Wohlgethan wird für seine Unrechtsurteile nie zur Verantwortung gezogen. Nach dem Ende der DDR klagt ihn die Staatsanwaltschaft zwar wegen Rechtsbeugung in mindestens 63 Fällen an. Ein Arzt bescheinigt ihm aber Verhandlungsunfähigkeit, der Prozess platzt. Im Februar 2007 überbringt die Stadt Potsdam dem Mann, der Bob Bahra ins Gefängnis brachte, ein offizielles Glückwunschschreiben des Oberbürgermeisters zu seinem 100. Geburtstag.

Der Text ist dem Buch „Freigekauft – Der DDR-Menschenhandel“ entnommen. Der Abdruck erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Piper-Verlags.

Häftlingsfreikauf in der DDR
In den Jahren von 1963 bis 1989 kaufte die Bundesrepublik rund 33. 000 politische Gefangene von der DDR frei. Die freigekauften Gefangenen wurden in die Bundesrepublik ausgebürgert. Etwa 3,5 Milliarden D-Mark flossen dadurch in die Devisenkasse des SED-Staates.

Der Text- und Bildband „Freigekauft – Der DDR-Menschenhandel“ erzählt von individuellen Schicksalen des Menschenhandels. Texte über den Agentenaustausch, Zeitzeugenberichte und bislang unveröffentlichte Dokumente aus den Archiven der Staatssicherheit beleuchten dieses Kapitels der deutschen Geschichte. Die Autoren sind Andreas H. Apelt, Ralf Georg Reuth und Hans-Wilhelm Saure.

Kai Diekmann (Hrsg.): „Freigekauft – Der DDR-Menschenhandel“, Piper-Verlag, München/Zürich 2012, 208 Seiten, 17,99 Euro, ISBN: 978-3-492-05556

Weitere Artikel

... von PZ
... aus dem Bereich Geschichte
... aus dem Bereich Gesellschaft

Abonniere unseren Newsletter