„Weder Furcht noch Verzweiflung – nur Trauer“

„Weder Furcht noch Verzweiflung – nur Trauer“

Deutscher Einmarsch: Wie die Journalistin und Kafka-Freundin Milena Jesenská den März vor 80 Jahren erlebte

14. 3. 2019 - Text: Klaus Hanisch, Titelbild: Deutsches Historisches Museum, Berlin (Besetzung Prags durch die Wehrmacht am 15. März 1939)

Prag, am Morgen des 15. März 1939. „Den Umstehenden rinnen die Tränen über die Wangen. Nicht nur Frauen und Kindern: auch Männern, die Tränen nicht gewohnt sind“, notiert Milena Jesenská am Grab des unbekannten Soldaten am Altstädter Ring. „Auch das ist wieder ausgesprochen tschechisch“, fährt sie fort. „Man hört kein Wehklagen, spürt weder Furcht noch Verzweiflung oder sonst einen Ausbruch heftiger Gefühle. Da ist nur Trauer.“

Milena Jesenská wird von vielen bis heute nur als Freundin von Franz Kafka und als Übersetzerin seiner Werke wahrgenommen. Tatsächlich war sie auch eine Intellektuelle und eine hervorragende Journalistin. Wie kaum ein anderer verstand sie es, Ereignisse und Gefühle um den Einmarsch deutscher Truppen in die Tschechoslowakei in Worte zu fassen. Ihre Schilderungen all dessen, was sich in jenen historischen Tagen im März 1939 abspielte, sind bis heute ebenso faszinierende wie aufschlussreiche Zeitdokumente.

Prager Burg, 15. März 1939 | © Deutsches Historisches Museum, Berlin

„In nur zwei Tagen hat sich das Stadtbild bis zur Unkenntlichkeit verändert“, schrieb sie damals über Prag. „In den Kneipen sitzen Männer in Uniformen, die wir nicht einmal von Bildern her kennen. Durch die Straßen fahren Wagen, die wir nie zuvor gesehen haben… Soldaten sind in Gruppen unterwegs, bleiben vor Schaufenstern stehen, betrachten sie und unterhalten sich. Bei alledem ist nicht ein Rädchen, eine Feder oder eine Maschine stehengeblieben.“

Erstaunliche Vorahnung
Was vor genau 80 Jahren passierte, machte Milena Jesenská tief betroffen. Das hatte sie schon einige Wochen vorher in einem offenen Brief an Jules Romains artikuliert. Nachdem viele Tschechen das Verhalten französischer Politiker und Schriftsteller – insbesondere auch von Romains – nach dem Münchner Abkommen von Ende September 1938 kritisiert hatten, rechtfertigte sich der französische Schriftsteller, ohne auf den Bruch des gemeinsamen Bündnisses durch Frankreich einzugehen. Sein Artikel erschien in der tschechischen Zeitschrift „Přítomnost“ („Gegenwart“). Dort antwortete ihm Jesenská umgehend am 1. Februar 1939. Als „Nicht-Politikerin“ könne sie ihm nur einen „rein persönlichen Brief“ schreiben, so die Tschechin – und dies tue sie als Angehörige eines tapferen und reifen, aber eben nur kleinen Volkes.

Darin führt sie an, einer Generation anzugehören, die man zu Recht als „Schöngeister“ bezeichnete. Mit einem Buch habe Romains ihr indes „den Schleier schöngeistigen Denkens“ zerrissen und neue Horizonte eröffnet, schmeichelt sie ihm zunächst. Dann reagiert sie umso enttäuschter auf seine Rechtfertigung: „Wenn Frankreich sich dazu entschlossen hat, ein derartiges Bündnis mit uns einzugehen, so war es Frankreich, das an unserem Bündnis ein Interesse hatte. Jeder kleine Bauer und jeder Flickschuster wird Ihnen das sagen.“

Jesenská findet immer deutlichere Worte. „Da uns Frankreich im entscheidenden Moment nicht zur Seite stand, hat es uns natürlich verraten, das ist klar“, urteilt sie ohne jede diplomatische Zurückhaltung. „Aber es hat auch sich selbst verraten. Besser gesagt: vor allem sich selbst.“

Und dann offenbart sie eine nahezu prophetische Gabe. „Wenn das französische Volk behauptet, es sei nicht notwendig, in den Krieg zu ziehen wegen drei Millionen Deutscher, die heim ins Reich wollen, so hat es sich geirrt.“

Erstaunlich zielsicher ahnt Milena Jesenská voraus, was knapp ein halbes Jahr später passieren wird. „Denn vielleicht war es doch notwendig, in den Krieg zu ziehen vieler Millionen Franzosen wegen und um ganz Frankreichs willen.“

Schließlich gerät die Journalistin in verständlichen Zorn. „Solange Sie, Meister, von den Septembertagen als von einer Katastrophe sprechen, die die Tschechoslowakei getroffen hat, solange Sie sich nicht anschicken, von der Katastrophe zu reden, die Frankreich getroffen hat – solange wird Ihre Rechtfertigung gegenstandslos sein“, endet sie polemisch.

Nüchterne Schilderung
Seit 1937 schrieb Milena Jesenská für die liberale „Přítomnost“ unter dem angesehenen Chefredakteur Ferdinand Peroutka, der sie aus Prager Kaffeehaus- und Literatenzirkeln kannte und schätzte. Diese Mitarbeit habe für sie einen wahren Segen bedeutet. „Nicht nur, daß sie ihr über die schlimmsten ökonomischen Sorgen hinweghalf, sie brachte vor allem ein neues Betätigungsfeld und eine Aufgabe mit sich, deren Verantwortung sie sich schnell bewusst wurde“, urteilte ihre Biographin Dorothea Rein.

Zumal sie genau in jenen Jahren für die Wochenzeitschrift arbeitete, als die Tschechoslowakei eine entscheidende Epoche durchlebte. Doch „je unruhiger ihre Umgebung war, desto ruhiger, ausgeglichener und größer wirkte sie“, befand Willy Haas, ein Freund aus dem Prager Café Arco.

Schon kurz vor dem Münchner Abkommen im Herbst 1938 hatte Jesenská die Stimmung im Land präzise und eindringlich beschrieben. „Gegen Morgen wichen Verzweiflung, Enttäuschung und Zorn allmählich, und nüchterne Überlegungen gewannen die Oberhand. Völlig umsonst forderte der Rundfunk dazu auf, Ruhe zu bewahren. Niemand störte sie. Die Fabriken blieben geschlossen. Die Frauen kochten nicht. Die Vorstädte waren wie ausgestorben. Die Läden menschenleer. Der Menschenstrom verschmolz zu einer Demonstration.“

Ebenso emotionsfrei schilderte die professionelle Beobachterin ein halbes Jahr später den 15. März. „Als am Dienstagmorgen um vier Uhr das Telefon läutete, Freunde und Bekannte anriefen und der Tschechische Rundfunk anfing zu senden, sah die Stadt unter unseren Fenstern so aus wie in jeder anderen Nacht… Nur, daß schon ab drei Uhr nach und nach die Lichter angingen: bei den Nachbarn, gegenüber, unten, oben, schließlich die ganze Straße entlang. Wir standen am Fenster und sagten uns: auch sie wissen es schon.“

Große Hoffnungen
Die Ereignisse im März 1939 machten aus der Chronistin eine aktive Fluchthelferin für bedrohte Antifaschisten und Juden. Milena Jesenská schien „für Katastrophenzeiten geschaffen zu sein“, bemerkte Alena Wagnerová, eine andere Biographin, „mit Ruhe, Geduld, Übersicht und Humor bewältigt sie am Tag ein immenses Arbeitspensum und findet immer noch Zeit, mit dem einen oder anderen Freund, der es gerade braucht, Spaziergänge durch Prag zu machen.“

In ihrem Artikel zum 15. März beobachtete sie nicht nur ihre Landsleute, sondern auch die Okkupanten genau. „Im Rücken der trauernden Menge sah ich einen deutschen Soldaten vorbeigehen… Er sah: das Volk weinte, weil er da war. Und salutierte. Er verstand offenbar, warum wir trauerten“, brachte sie zu Papier.

Und trotz aller Trauer und des Zorns über den Augenblick hegte Milena Jesenská bereits damals eine perspektivische Hoffnung: „Werden wir wirklich einmal nebeneinander leben – Deutsche, Tschechen, Franzosen, Russen, Engländer – ohne uns gegenseitig Leid anzutun, ohne uns hassen zu müssen, ohne uns Unrecht zu tun? Werden je die Grenzen zwischen den Ländern fallen? Wie schön wäre es, das zu erleben!“

Was Jahrzehnte später tatsächlich eintreten sollte, war für sie freilich noch eine „Große Illusion“.

Nach der Errichtung des Protektorats schloss sich Jesenská dem tschechoslowakischen Widerstand an.


Milena Jesenská

Sie sei „ein lebendiges Feuer, wie ich es noch nie gesehen habe“, sagte Franz Kafka über Milena Jesenská. In der Kulturzeitschrift „Kmen“ publizierte sie im April 1920 eine tschechische Übersetzung seiner Erzählung „Der Heizer“. Daraus entwickelten sich ein intensiver Briefwechsel und eine Freundschaft, die in der Literaturgeschichte einen festen Platz einnehmen.

Milena Jesenská wurde am 10. August 1896 in Prag-Žižkov geboren, ihre Familie war national gesinnt und wohlhabend. Nach acht Jahren auf dem Minerva-Gymnasium fand sie bald Zugang zur Prager Literatur-Szene und lernte 1916 im Café Arco ihren ersten Ehemann, den Mentor vieler Literaten, Ernst Pollak, kennen. Nach ihrem gemeinsamen Umzug nach Wien schrieb Jesenská erste Artikel für verschiedene Zeitschriften. Sie trennte sich von Pollak und kehrte sieben Jahre später nach Prag zurück. Hier war sie als anerkannte Journalistin bald „die Jesenská“, beobachtete und begleitete publizistisch die moderne Gesellschaft, besonders auch die Emanzipationsbewegung der tschechischen Frauen.

Mit 32 Jahren brachte sie ein langersehntes Kind zur Welt. Wegen einer Gelenkentzündung blieb ein Knie dauerhaft steif, sie wurde fortan morphiumsüchtig. Ab 1937 kommentierte Jesenská die Ereignisse in der Tschechoslowakei in „Přítomnost“. Jesenská nahm Kontakt zu Widerstandsorganisationen auf und verhalf vielen zur Flucht, ohne jedoch selbst Prag zu verlassen. Im August 1939 wurde „Přítomnost“ verboten, Milena Jesenská im November wegen „Mitarbeit an illegalen Zeitungen“ verhaftet. Obwohl freigesprochen, nahm sie die Gestapo in „Schutzhaft“. Sie wurde zunächst in Prag, dann in Dresden eingesperrt und kam schließlich in schlechter Verfassung in das KZ Ravensbrück. Dort starb sie im Mai 1944.

Als ein Leser sie einmal dafür lobte, dass sie „vor allem eine Tschechin“ sei, antwortete sie: „Selbstverständlich bin ich eine Tschechin. Aber vor allem versuche ich, ein anständiger Mensch zu sein.“