Vorsicht, Sockendiebe!

Vorsicht, Sockendiebe!

Pavel Šrut und Galina Miklínová schufen einen Kinderbuch-Bestseller, der bald auch die tschechischen Kinos erobern wird

2. 4. 2015 - Text: Maria SilenyText: Maria Sileny; Foto: Filmová a produkční společnost T.H.A.

Die missliche Lage kennt wohl jeder: Es ist Morgen, die Zeit drängt, schnell anziehen, doch in der Socken-Schublade findet sich kein gleiches Paar. Warum Socken verschwinden, und ausgerechnet immer nur eine vom Paar, das weiß man nun – zumindest in Tschechien. Der Dichter Pavel Šrut und die Illustratorin Galina Miklínová haben nämlich seltsame Wesen entdeckt, die in jedem Haushalt leben und sich ausschließlich von Socken ernähren. Sie heißen Lichožrouti – Ungeradefresser. Denn sie verspeisen Socken niemals paarweise, sondern immer nur eine, die zweite lassen sie übrig …

In ihrem Buch „Lichožrouti“ entführt das Autorenduo kleine und große Leser in die phantastische Welt der geheimnisvollen Wesen, die Hihlík, Ramses oder Tulamor heißen. Die Abenteuer der heimlichen Mitbewohner der Menschen verzaubern nicht nur Kinder und ihre Eltern, sondern auch Literaturkritiker. Und so wurde das Kinderbuch zum Bestseller und erhielt zudem Tschechiens renommierten literarischen Preis „Magnesia Litera“.

Die Begeisterung für die sockenfressenden Sonderlinge ebbt seit der Erstausgabe 2008 nicht ab. Inzwischen erfreuen sich ihre Fans am dritten Teil des Romans. Und im nächsten Jahr werden sie die Abenteuer von Hihlík und Co. sogar im Kino erleben können. Galina Miklínová, die Illustratorin, ist ausgebildete Filmemacherin. Und führt Regie. Die 44-Jährige lebt in Český Brod, etwa 30 Kilometer östlich von Prag. Zweimal in der Woche fährt sie nun in ein Prager Zeichentrickfilm-Studio, wo der 80-minütige Film entsteht. Etwa 40 Minuten sind bereits fertig, freut sie sich.

Eine Tochter und zwei Omas
Gerne denkt sie daran zurück, wie sie und Pavel Šrut gemeinsam das Drehbuch zum Film schrieben. Auch wenn es für Pavel eine Qual war, wie sie sagt. Um das literarische Werk filmtauglich zu machen, konnte der Dichter sich nicht wie gewohnt mit den eigenen Gedanken zurückziehen, sondern musste gemeinsam mit der Regisseurin schreiben. Doch: „Wir haben es salomonisch gelöst“, sagt Miklínová schmunzelnd und erzählt, wie sie und Šrut nach Kroatien fuhren, wo sie am Strand mit Blick auf das Meer fünf Wochen lang diskutierten und schrieben, schrieben, schrieben – bis ein Grundgerüst fertig war. Mit dabei war auch Galina Miklínovás Tochter, damals drei Jahre alt. Zwei Omas sowie etliche Freunde wechselten sich ab, um auszuhelfen. Mittags verlegten der Dichter und die Grafikerin ihre Arbeit vom Strand in die Küche, wo sie zusammen für alle kochten, während sie ihre Ideen weiter sponnen …

Das war vor fünf Jahren. Die beiden Künstler arbeiten aber schon seit 15 Jahren zusammen. Und haben das tschechische Publikum bereits mit etlichen Buchtiteln erfreut. Bei einer ihrer ersten Begegnungen, erinnert sich Pavel Šrut, habe Galina die Schuhe ausgezogen. Und sie hatte ein Loch in der Socke, ihr großer Zeh lugte heraus. Ohne mit der Wimper zu zucken, habe sie ihm daraufhin erklärt, Socken zu stopfen lohne sich für sie nicht, weil die zweite Socke vom frisch gestopften Paar sowieso verloren geht. Damals, so Pavel Šrut, habe er von der Existenz der Ungeradefresser nichts geahnt, der Vorfall jedoch hat ihn so verzaubert, dass er Galina seine Kinderreime zum Illustrieren anbot.

Pavel Šrut, der soeben seinen 75. Geburtstag gefeiert hat, studierte Anglistik und Hispanistik in Prag und schrieb bereits in den sechziger Jahren Gedichte. Er übersetzte außerdem – unter anderem John Updike, Leonard Cohen oder Dylan Thomas. Bekannt sind auch seine Liedtexte aus den Siebzigern, die teilweise verdeckte politische Botschaften trugen. Heutige Leser aber verbinden seinen Namen mit Kinderliteratur, illustriert von Galina Miklínová. Denn die beiden Künstler sind zu einer Autoreneinheit verschmolzen.

Klug und voller Humor
Die Begegnung mit Pavel Šrut sei für Galina Miklínová ein Meilenstein in ihrem Leben gewesen: „Seine Texte sind ein Traum für jeden Illustrator: Sie sind klug, voller Humor, belehren nicht, zudem sind sie nicht ausschließlich für Kinder gedacht. Erwachsene und Kinder können sich darin begegnen und die Begegnung ist für beide glücklich“, sagt sie.

Wenn Galina Miklínová ein Buch zum Illustrieren bekommt, schließt sie sich erstmal ein. Sie liest, lässt den Text auf sich wirken, liest erneut, macht Skizzen, dabei spürt sie den Rhythmus des Textes: Sind die Sätze kurz oder lang? Wie teilt sich der Text in Kapiteln auf? Welche Sprache ist dem Autor eigen? Danach entscheidet sie, wie sie zeichnet. Das Zeichnen selbst ist wie „ein Durchbruch in eine andere Dimension“ für sie. „Es scheint mir, als ob die Zeit sich anreichern würde, als ob sie breiter würde, wenn ich zeichne“, sagt sie. Seit sie Kinder hat, sind Momente ungestörten Arbeitens rar geworden.

Roza (8) und Jonas (15 Monate) halten sie und ihren Mann auf Trab. Aus früheren Zeiten kann sie sich aber noch an Tage erinnern, da sie sich um acht Uhr in der Früh hinsetzte … und auf einmal war es fünf Uhr nachmittags, ohne dass sie es gemerkt hätte. Früher saßen auch sie und Pavel Šrut öfter zusammen in Prager Kneipen, wo sie bei einem Glas Rotwein Gespräche führten, aus denen Kinderbücher wurden. Acht Titel haben die beiden Künstler gemeinsam publiziert. Der Erfolg von Lichožrouti krönt die Reihe. Der allererste Lichožrout wurde 2005 geboren, Pavel Šrut gab ihm in seiner Lyriksammlung „Příšerky a příšeři“ (etwa: Ungeheuerlinen und Ungeheuer) erstmals eine Gestalt. Galina Miklínová fand das sockenfressende Figürchen so reizvoll, dass sie daran dachte, ihm ein ganzes Buch zu widmen. Und: „Wer könnte es besser schrei­ben als Pavel Šrut!“, wusste sie gleich. Inzwischen sind tausende begeisterte Leser in die Existenz der Ungeradefresser eingeweiht. Wenn ihnen die eine oder andere Socke verloren geht, zwinkern sie sich nur zu. Denn sie kennen den Dieb.



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