„Dunkelster Punkt der tschechischen Geschichte“

„Dunkelster Punkt der tschechischen Geschichte“

Vor 75 Jahren: Am 30. September 1938 wurde das Münchner Abkommen unterzeichnet

30. 9. 2013 - Text: Marcus HundtText: mh; Foto: Bundesarchiv, Bild 183-2003-1128-500 / CC-BY-SA (Italiens Regierungschef Benito Mussolini bei der Unterzeichnung des Abkommens)

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„Seit heute früh steht die Tschechoslowakei vor einer tragischen Wahl: Entweder nimmt sie dieses Diktat Europas an oder sie zieht in den hoffnungslosen Kampf gegen alle. (…) Die verhängnisvolle Entscheidung verkündete der Bevölkerung am [gestrigen] Nachmittag der Vorsitzende der Regierung, Armeegeneral Jan Syrový, in einer Rundfunkansprache. Und das Land versank in tiefer Trauer.“

Während die Tageszeitung „Pražské Lidové noviny“ am 1. Oktober 1938 mit tiefer Bestürzung über die Abtretung der sudetendeutsche Gebiete an das Deutsche Reich informierte, umschrieben das „Neue Wiener Journal“, die „Neue Freie Presse“ und die „Volkszeitung“ aus Österreich (das Land war im März jenes Jahres von Hitler-Deutschland annektiert worden) die Nachricht mit den Schlagzeilen: „Herzliche Freundschaftserklärung zwischen Hitler und Chamberlain“, „Die Befreier rücken heute ein“ und „Der gerettete Weltfriede – Befreites Aufatmen der Völker“.

In Hitlers Überlegungen waren die österreichische und die tschechoslowakische Frage miteinander verbunden, um außenpolitische Hindernisse auf dem Weg nach Osteuropa zu überwinden. Die in der Tschechoslowakei lebenden Sudetendeutschen stellten für Hitler eine willkommene Gelegenheit dar, um den tschechoslowakischen Staat „in absehbarer Zeit durch eine militärische Aktion zu zerschlagen.“

Vorgeschichte
Die Vorgeschichte zum Münchner Abkommen beginnt mit dem Untergang Österreich-Ungarns und der Ausrufung der Tschechoslowakischen Republik im Jahre 1918. Der Wunsch der Deutschen im „Sudetenland“, sich dem Deutschen Reich anzuschließen, wurde ihnen auf der Pariser Friedenskonferenz und von den Tschechen verwehrt. Obschon die Deutschen in der Tschechoslowakei nicht unterdrückt worden waren, erfuhren sie keine volle Integration oder Autonomie. Der Aufstieg der Sudetendeutschen Partei (SdP) unter Konrad Henlein begann und in den folgenden Jahren mit Hilfe der deutschen Nationalsozialisten der schrittweise Ausbau zur „fünften Kolonne Hitlers“.

Im Herbst 1937, nach schweren Unruhen in den sudetendeutschen Gebieten, formulierte Henlein sein klares Ziel, er wolle den Anschluss ans Deutsche Reich. Ein ihr auferlegtes Versammlungsverbot beantwortete die SdP mit einem Boykott des Parlaments; nach dem Anschluss Österreichs forderte sie auf Anweisung Berlins die Autonomie des „Sudetenlands“. Im August 1938 begann die deutsche Mobilmachung, im September rief Hitler zum Aufstand auf, der Ausbruch eines Krieges war beängstigend nah. Dass dieser damals verhindert wurde, so rühmte sich der britische Premierminister Neville Chamberlain, sei seiner Appeasement-Politik zu verdanken.

Ohnmächtige Wut
Unter Ausschluss der Sowjetunion und der Tschechoslowakei, sowie unter Druck deutscher Kriegsdrohung wurde die ČSR auf der Münchner Konferenz (29. September 1938) gezwungen, das Sudetenland an Hitler-Deutschland abzutreten. Das Land verlor ein Fünftel seines Staatsgebiets, über 3,6 Millionen Einwohner (darunter 800.000 Tschechen) und seine befestigten Grenzen zum Deutschen Reich. Die Tschechoslowakei war nicht mehr verteidigungsfähig, der Plan Hitlers ging auf.

„Der erpresserischen Politik Hitlers gaben Chamberlain und der französische Ministerpräsident Daladier nach, und lieferten damit ihren Bündnispartner Tschechoslowakei seinem ärgsten Feinde aus. Ohne einen Krieg zu verlieren, ohne eigene Schuld ohne Mitsprache wurden die Tschechen von den demokratischen Verbündeten Frankreich und Großbritannien der brutalen Willkür des schlimmsten Regimes, das Europa je ausgebrütet hatte, ausgeliefert. Die ohnmächtige Wut der Tschechen, ihre tiefe Erniedrigung führte zum Zweifel an den westlichen Demokratien. (…) Das Abkommen von München ist der dunkelste Punkt der neueren Geschichte der Tschechen“, schreibt Hans Dieter Zimmermann in seinem Tschechien-Band aus der Reihe „Die Deutschen und ihre Nachbarn“.

Der „Münchner Verrat“ (Mnichovská zrada), wie das Abkommen in Tschechien heute noch bezeichnet wird, markierte den Höhepunkt der Appeasement-Politik und ebnete den Weg für die Zerschlagung der sogenannten „Rest-Tschechei“ im März 1939. Das Münchner Abkommen hatte die Kriegsgefahr nicht gebannt, sondern wurde zum Inbegriff falscher Nachgiebigkeit gegenüber der Aggression eines Diktators.