Von der Macht des scheinbar machtlosen Wortes

Von der Macht des scheinbar machtlosen Wortes

Der Brünner Fritz Beer bekannte sich stets zur deutschen Sprache – auch als er gegen die Wehrmacht kämpfte. Als Exkommunist beschäftigte er sich sein Leben lang mit seinen Fehlern und Irrtümern

20. 4. 2016 - Text: Friedrich GoedekingText: Friedrich Goedeking; Foto: ČTK/Michal Krumphanzl

Worte waren für Fritz Beer die stärksten Waffen – und das Bekenntnis zur deutschen Sprache so wichtig, dass er sein Leben dafür aufs Spiel setzte. Geboren 1911 in Brünn, später Mitglied der Kommunistischen Partei und Redakteur der „Arbeiter Illustrierte Zeitung“, floh er 1939 nach England, kämpfte im Zweiten Weltkrieg für die Tschechoslowakische Exilarmee und war ab 1988 Präsident des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland. Vor zehn Jahren starb er in London, wo er für die deutschsprachige Abteilung der BBC und als Korrespondent für deutsche Tageszeitungen gearbeitet hatte.

In Brünn wuchs Fritz Beer in einer liberalen bürgerlichen Familie auf. Schon als Jugendlicher distanzierte er sich vom jüdischen Glauben seiner Eltern, weil er in der Religion keine Orien­tierung für ein Leben in der Gegenwart finden konnte. Vor allem die Gottesdienste in der Synagoge lösten eine „qualvolle Langeweile“ aus: „Ich starrte in ein Gebetbuch, in dem das Zwiegespräch mit Gott in einer dreitausend Jahre alten Schrift gedruckt war. Sie sah wie Mäusekacke in einem Mehlteig aus. Wenn mein Großvater mich durch einen Rippenstoß zur Andacht drängte, murmelte ich im halblauten Singsang der Gemeinde das große Einmaleins oder mein Privatgebet: Lieber Gott, bitte lass mich nicht so werden wie die Erwachsenen sind, und schenke mir zum Geburtstag ein Fahrrad.“

In der Familie wurde ein liberales Judentum gelebt, in dem Witz, Humor und Ironie ihren Platz hatten. Eine wichtige Rolle spielte das Engagement für Arbeitslose und Hungernde. Der Vater schickte Fritz in die Armen­viertel, wo er Geld­spenden an Bedürftige verteilte. Seine Sensibilität für die Unterprivilegierten, über die er später in seinen Reportagen berichtete, wurde hier geweckt.

Bei aller Kritik an den jüdischen Dogmen erfüllte es den jungen Beer mit Stolz, als Jude zum „Volk des Buches“ zu gehören. Sein Leben lang trat er leidenschaftlich für den Vorrang des Wortes ein. Während ihn die Thora langweilte, fesselte ihn die deutsche Literatur. Er stöberte in den deutschen Buchhandlungen und Bibliotheken in Brünn, um beglückt mit einem Rucksack voller Bücher heimzukehren.

Sein Bekenntnis zur deutschen Sprache wurde in der Tschechoslowakischen Auslandsarmee im Zweiten Weltkrieg auf die Probe gestellt. Beim Rückzug vor den deutschen Truppen in Frankreich erklärte der tschechische Hauptmann, bevor die Einheit sich per Schiff retten konnte: „Wer heute hier noch deutsch spricht, ist ein Gestapo­agent, und wir müssen ihn über Bord werfen.“ An Bord waren mehr als  hundert Soldaten, deren Muttersprache Deutsch war. Eingeschüchtert bekannten sich alle zur tschechischen oder slowakischen Nationalität. Nur Fritz Beer meldete sich beim Appell mit den Worten: „Deutsche Nationalität, konfessionslos.“

In der Nacht drauf wurde er von seinen Armeekollegen überfallen und verprügelt, kam aber mit blauen Flecken davon. Er wollte die Menschen nicht verraten, die sich in Nazideutschland trotz aller Gefahren zur deutschen Dichtung und einer huma­nistischen Kultur bekannten. Rückblickend schrieb Beer, dass es nicht Mut und Standhaftigkeit gewesen seien, die ihn zum Bekenntnis zur deutschen Sprache veranlasst hätten. Er habe Angst vor der Attacke gehabt und ständig mit sich gerungen. „Was in mir vorging, war nicht heldenhafte Stärke, sondern Angst vor dem Gesicht, das ich jeden Tag im Spiegel sehen würde, wenn ich kapitulierte.“

Für Beer lieferte die tschechische Geschichte ein anschauliches Beispiel dafür, dass das Bekenntnis zur Sprache ein Akt des Widerstandes sein kann: Nach der Niederschlagung der protes­tantischen Stände durch die Habsburger war Deutsch nicht nur die Amtssprache, sondern bis ins 19.Jahrhundert hinein auch die Sprache der Wissenschaften und der Literatur. Als gegen Ende des 18. Jahrhunderts in den Böhmischen Ländern die nationale Wiedergeburt begann, konnte selbst ein unpolitisches Buch zum Politikum werden, allein durch die Tatsache, dass es in tschechischer Sprache erschien. Direkten Widerstand gegen die Unterdrückung der Nation durch die Habsburger zu leisten, war kaum möglich. Die Literatur wurde so zur wichtigen Waffe im nationalen Befreiungskampf. Später war es für Beer auch das scheinbar machtlose Wort, das den Prager Frühling auslöste. Die Kafka-Konferenz in Liblice von 1963, so glaubte Beer, habe die Prager Reform­politik vorbereitet.

Eine der wichtigsten Entscheidungen in seinem Leben traf Beer aber bereits vor dem Zweiten Weltkrieg. Im Jahr 1929 trat er in die Tschechoslowakische Kommunistische Partei ein. Am 1. Mai stand er auf dem Freiheitsplatz in Brünn und beobachtete die Demonstrationen der verschiedenen Gruppierungen und Parteien. Die Jung­sozialisten marschierten singend an der Spitze und riefen ihm zu: „Reih dich ein, Genosse, komm mit uns mit.“ Beer schloss sich an. „Ich marschierte in einem Rausch, so etwas hatte ich noch niemals erlebt“, erinnerte er sich später. Es war für ihn ein überwältigendes Erlebnis, von der Masse mitgerissen zu werden. Er war nicht länger ein Außenstehender, sondern Teil einer Masse, die ihm eine nie gekannte Geborgenheit gab. (Erst rückblickend konstatierte er: „Es dauerte viele Jahre, bis ich lernte, wie viel Unheil und Verderben Marschieren und wehende Fahnen der Welt brachten.“) Hinzu kam, dass ihn damals die Sehnsucht nach Gerechtigkeit angesichts der wachsenden Armut nach der Weltwirtschaftskrise antrieb. Nun sah er im Engagement für die Kommunistische Partei die Möglichkeit, daran mitzuwirken, eine gerechte Welt zu schaffen. Ein junger und naiver kommunistischer Journalist sei er in der dreißiger Jahren gewesen, schrieb er später, und stolz darauf, zu den Auserwählten zu gehören, die jenes Reich der Freiheit und Gerechtigkeit schaffen würden, von dem die Menschheit immer geträumt hatte.
Erste Zweifel an der Partei weckte seine Begegnung mit Milena Jesenská, in deren Freundes­kreis auch Kritik an der moskauhörigen tschechoslowakischen Partei geäußert wurde. Die Schauprozesse in Moskau mit der Hinrichtung der alten Garde Lenins, der Helden seiner Jugend, verstärkten Beers Zweifel an der Partei.

Der Chefredakteur der „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ Franz Carl Weiskopf stellte Beer 1934 als Redakteur ein, nachdem die Zeitung nach Prag ins Exil gegangen war. Beer wurde Zeuge davon, wie Weiskopf Intrigen gegen Parteimitglieder inszenierte, die Kritik an Stalin geäußert hatten. Der Nicht­angriffspakt zwischen Hitler und Stalin war für Beer der letzte Anstoß, aus der Partei auszutreten.

Beers Leitmotiv lautete: „Man kann die Fehler und Unterlassungen seiner Vergangenheit nur sühnen, wenn man sich zu ihnen bekennt.“ In seinen Erinnerungen setzte er sich rückhaltlos mit seiner Vergangenheit als Kommunist auseinander. Schonungslos analysierte er sein eigenes Verhalten als Funktionär. Es habe mit den kleinen Lügen begonnen, etwa wenn er als Redakteur schrieb, die Rede eines Parteioberen habe frenetischen Beifall ausgelöst, obwohl das nicht der Wahrheit entsprach; oder wenn er Missstände in der Sowjetunion beschönigte. Er beruhigte sein Gewissen damit, dass er damit der Partei nützen und so mithelfen würde, den Sieg des Marxismus-Leninismus voranzutreiben. Aber, so Beer rückblickend, wer diese kleinen Unwahrheiten bagatellisierte, schluckte dann auch die großen Lügen.

Als Exkommunisten ließ ihn sein Leben lang die Frage nicht los, „wieso Tausende anständige und idealistisch motivierte Kommunisten in den dreißiger Jahren schließlich in einem moralischen Sumpf versanken, die Massenvernichtung russischer Bauern ignorierten, die Ermordung der leninistischen Elite in der Sowjetunion guthießen und nicht gegen den Stalin-Hitler-Pakt rebellierten.“

Viele deutsche Kommunisten hätten als Idealisten begonnen und seien schließlich Handlanger eines korrupten Regimes geworden, bilanzierte Beer und verwies auf Menschen, die in Nazideutschland unter Lebensgefahr kommunistische Flugblätter verteilt hatten, aber später als Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit „sehr wohl dazu breit waren, im Gefängnis von Bautzen Gefangene zu prügeln, zu foltern und umkommen zu lassen“. Nicht nur diejenigen, die an der Unterdrückung direkt beteiligt waren, müssten sich die Frage stellen, warum sie ihre Ideale verraten haben, sondern auch Schriftsteller, Journalisten und Professoren, die staatliches Unrecht verharmlost und beschönigt, Loblieder auf Stalin oder Ulbricht gesungen und kritische Kollegen denunziert haben. „Wo ist der Schrift­steller, der uns diesen für unsere Zeit so wichtigen Einblick in seine moralische Kapitulation vor der Macht geben, uns schildern würde, was Menschen zu Unmenschen machte? Wo ist der Dostojewski von heute?“

Mancher habe sein Gewissen mit der Überzeugung beruhigt, dass Marx und Engels mit ihren Ideen den Grundstein für eine bessere Welt gelegt hätten, dass aber bei der Umsetzung ihrer Theorien die Verantwortlichen oft versagt hätten. Deshalb müsse man sich weiter an der Realisierung der Weltrevolution beteiligen, um die begangenen Fehlentwicklungen zu korrigieren. Dem hält Fritz Beer entgegen: Alle Utopien enthielten immer und unvermeidlich ein Element der Ausschließlichkeit, der Intoleranz und des Fanatismus.

Im Exil bekannte sich Beer angesichts der Nazi-Verbrechen zum „anderen, wahren und besseren Deutschland“, was ihm viel Spott und Anfeindungen einbrachte. Er wurde nach dem Krieg mit der grauenhaften Realität konfrontiert, dass fast dreißig seiner Angehörigen Opfer des Holocausts geworden waren. Er kämpfte zum ersten Mal mit Hassgefühlen gegenüber den Deutschen, um sich dann dazu durchzuringen, für eine Versöhnung zwischen Deutschen und Juden einzutreten. Dabei war für ihn entscheidend, dass die Erinnerung an die begangenen Verbrechen wach gehalten wird. Vehement kritisierte er die „Prediger des Vergessens, des Unter-den-Tisch-Kehrens der roten und braunen Vergangenheit“, zu denen er auch die westdeutschen Schriftsteller Grass und Walser zählte.

Als Präsident des deutschen Exil-PEN-Clubs sprach er sich nach der Wende entschieden gegen eine Vereinigung des westdeutschen PEN-Clubs mit dem ostdeutschen aus, da einige der ostdeutschen PEN-Mitglieder, unter ihnen Stephan Hermlin, sich weigern würden, ihre kommunistische Vergangenheit aufzuarbeiten. Hermlin habe Günter Kunert, Wolf Biermann, Sarah Kirsch und andere als Abtrünnige diffamiert, dabei seien sie es gewesen, die mit ihrer Kritik am Regime das Ansehen der ostdeutschen Literatur gerettet hätten. In einem Interview erklärte Beer: „Die Freiheit des Wortes wurde verletzt. Zum Beispiel durch die Aus­bürgerung von Biermann. Sie wurde verletzt durch die Loyalitätsadresse des ostdeutschen PEN zum 40. Jahres­tag der DDR-Regierung. Eine solche politische Erklärung, eine Identifizierung mit dem Regime hat es zuvor nur einmal in der deutschen Literatur gegeben, nämlich im Dritten Reich.“ Für Fritz Beer gab es für den Schriftsteller nur ein Engagement: „Die uneingeschränkte Verpflichtung zur Wahrheit. Sie ist durch ihr inneres Wesen das Gegengewicht zur Macht.“

Am Ende seines Lebens bekannte Beer, dass ihn immer noch die Auseinandersetzung mit seinen Irrtümern und Fehlern beschäftige: „Manchmal erinnert Gott mich mit erhobenem Zeigefinger an meine Unterlassungen, aber oft zwinkert er mir freundlich zu, lass man sein, ich weiß ja, was für eine miserable Welt ich geschaffen habe.“

Hast Du auf Deutsche geschossen, Grandpa? Fragmente einer Lebens­geschichte, Aufbau-Verlag, Berlin 1992

Kaddisch für meinen Vater. Essays, Erzählungen, Erinnerungen, Arco Verlag, Wuppertal 2002

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