Glosse

Verschenkter Sieg

Den Sieg beim Eurovision Song Contest hat Tschechien in diesem Jahr schlicht und einfach verschenkt

12. 5. 2014 - Text: Klaus HanischText: khan; Foto: Albin Olsson (CC-BY-SA-3.0)

Wir erinnern uns: Im Jahr 2007 schickte das Land seine Star-Combo Kabát an den Start – letzter Platz schon im Halbfinale. 2008 dann Pop-Queen Tereza Kerndlová – auch sie konnte sich nicht fürs Finale qualifizieren. Und 2009 scheiterte Gipsy.cz – seitdem verzichtet man hier beleidigt auf die Teilnahme am größten Musikereignis der Welt.

Diesmal gewann eine Drag-Queen aus Österreich namens Conchita Wurst. Also eine Frau mit Vollbart. Sie wird ebenso unvergesslich bleiben wie die finnischen Monster-Rocker von Lordi, die 2006 mit dermaßen furchterregenden Masken auftraten, dass Eltern ihre Kinder sofort ins Bett schickten. Oder wie Dana International, ein Transvestit, der 1998 für Israel triumphierte, was bürgerliche Kreise vorlaut als definitives Ende dieses traditionsreichen Wettstreits bezeichneten.

Solch einen wunderbaren Teilnehmer hätte auch Tschechien vorweisen können. Einen, der wie Conchita Wurst eine politische Botschaft verbreitet. Und der für mindestens genauso viel Toleranz steht. Als Ganzkörpertätowierter. Also Vladimír Franz.

Als Komponist für den nächsten Siegersong hätte er außer Zweifel gestanden, das hat er schließlich gelernt. Und wer hätte gesungen? Auch Franz!

Die deutsche „Bild-Zeitung“ setzte Conchita vor dem Entscheid auf ihre Titelseite. Auch an Franz wäre das Blatt nicht vorbeikommen. Und dessen mediale Unterstützung ist schon der halbe Sieg, wie der frühere Kanzler Gerhard Schröder stets betonte.

Ein Erfolg beim Euro-Singen ist für den Ruf eines Landes von fundamentaler Bedeutung. Immerhin verfolgten etwa 200 Millionen Zuschauer das Spektakel. Und die Tschechen? Schimpfen lieber weiter sang- und klanglos auf Europa!