Trauern zwischen Kreisen und Quadraten

Trauern zwischen Kreisen und Quadraten

Der Friedhof Ďáblice im Prager Norden ist weltweit der einzige im kubistischen Stil. Nun muss ein Teil saniert werden

3. 11. 2016 - Text: Sabina Poláček, Fotos: Správa Pražských Hřbitovů, Packa/CC BY-SA 2.5

Wenn das Laub fällt und der Nebel wie ein Schleier über der Moldau liegt, erinnern die kalten November­tage an Tod und Vergänglichkeit. Und auch wo Menschen ihre letzte Ruhe finden, zeigt sich der Zahn der Zeit – zum Beispiel an der 1,3 Kilometer langen Mauer des denkmalgeschützten Friedhofs Ďáblice im Prager Norden. Er gilt als weltweit einziger Friedhof im kubistischen Stil.

Das Eingangsportal flankieren zwei Pavillons mit runden und eckigen Bauelementen und achteckigen Fenstern. Das Gestein bröckelt und tiefe Risse machen laut Amt für Denkmalschutz die Komplettsanierung der Mauer notwendig, die bisher noch nie renoviert wurde. Der Beton weise „überraschend schlechte Qualität“ auf, so die Prager Friedhofsverwaltung. Er hält der Vegetation und der frierenden Nässe nicht mehr stand.

Zwei Pavillons flankieren das Eingangsportal.

Die Arbeiten haben bereits im August begonnen und sollen bis Oktober kommenden Jahres abgeschlossen sein. „Wir wollen die Mauer paradoxerweise so renovieren, dass sie genauso aussieht wie jetzt“, erklärt der Leiter der Prager Friedhofsverwaltung Martin Červený. „Denn aus Sicht der Denkmalschützer soll die Mauer nicht in nagelneuem Glanz erstrahlen.“ Während mit EU-­Geldern bereits die Friedhöfe auf der Kleinseite und in Olšany hergerichtet wurden, finanziert das Projekt in Ďáblice die Stadt. Es soll rund 16 Millionen Kronen (knapp 600.000 Euro) kosten.

Der Friedhof mit der kubistischen Kapelle und den Pavillons am Eingang wurde nach den Plänen von Vlastislav Hofman in den Jahren 1912 bis 1914 errichtet. Mit 29,3 Hektar ist er nach Olšany die zweitgrößte Begräbnisstätte Prags. Im nördlichen Teil liegen in Massengräbern viele unbekannte politische Gefangene, die das kommunistische Regime in den Jahren 1948 bis 1959 zu Tode folterte oder hinrichtete. Um an sie zu erinnern, wurde 1992 im zentralen Teil des Friedhofs ein Ehrengrab erbaut. Aber auch Opfer der Nationalsozialisten sind in Ďáblice begraben. Das tschechische Kultusministerium will ihre letzte Ruhestätte zum Natio­nalen Kulturdenkmal erklären.

Wind und Wetter setzten der Mauer in den vergangenen Jahren zu.

Unweit des historisch Teils des Friedhofs gibt es noch einen anderen Ort der Stille. Durch eine Lindenallee gelangt man zum „Wald der Erinnerungen“ (Les vzpomínek). Dort können Angehörige ihre Verstorbenen in einer umweltfreundlichen Urne unter einem Ahornbaum, Kirschbaum oder einer Linde bestatten lassen und diesen mit einer Holztafel kennzeichnen. „Die Angehörigen kommen hierher und legen Blumen unter die Bäume oder zünden Kerzen an und lassen sie in einer Wasserschale schwimmen“, beschreibt Blanka Dobešová beliebte Rituale.

Inspiriert durch die Friedwälder in Deutschland und England widmete Dobešová ihre Abschlussarbeit an der Universität Brünn dem Thema Naturfriedhöfe. Die Prager Friedhofsverwaltung wurde auf die heute 29-Jährige und ihre Organisation „Zu den Wurzeln“ (Ke Kořenům) aufmerksam und startete 2015 mit ihr ein Pilotprojekt. „Seitdem haben wir in unserem Wald etwa hundert Verstorbene auf diese Art beerdigt“, so Dobešová. Sie bietet noch im Herbst Führungen auf dem Naturfriedhof an. Wenn im Winter eisiger Wind und Regen die Wege unbegehbar machen, schließt der kubistische Friedhof Ďáblice seine Tore.

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