Stiller Schrei

Stiller Schrei

Liu Xia veranschaulicht anhand von Puppen die erdrückende Macht des chinesischen Regimes

20. 3. 2014 - Text: Nina MoneckeText: Nina Monecke; Foto: DOX

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Die Volksrepublik China mag mancher für ihren rasanten wirtschaftlichen Aufstieg bewundern. Für zahlreiche Nichtregierungsorganisationen und Bürgerrechtler steht das Land jedoch für unterdrückte Menschenrechte und eingeschränkte Freiheiten. Deren Einklagung wird vor Ort mit drakonischen  Haftstrafen geahndet. Laut Amnesty International geht die Zahl verhängter Todesstrafen jährlich in die Tausende. Auch das Internet wird in China zensiert, eine unabhängige Presse gibt es nicht. Dass die staatlichen Repressionen jedoch nicht alle Chinesen verstummen lassen, beweist unter anderem das prominente Ehepaar Liu Xia und Liu Xiaobo.

Die tschechoslowakische Petition „Charta 77“ inspirierte den Systemkritiker Liu Xiaobo 2008 zur Initiierung und Unterzeichnung des Manifests „Charta 08“, das Reformen und Demokratisierung fordert. Die internationale Gemeinschaft würdigte sein Engagement für universelle Menschenrechte 2010 mit dem Friedensnobelpreis. Die Führung seines Heimatlandes bestrafte ihn hingegen mit elf Jahren Haft. Seither steht auch Xiaobos Frau Liu Xia unter Hausarrest ohne Kontakt zur Außenwelt. Xia wählte als Künstlerin einen Weg, wie ihn Václav Havel bereits 1978 in seinem wohl berühmtesten politischen Essay beschrieb: Die Macht der Ohnmächtigen besteht darin, die Systemlüge zu enttarnen.

Im Zentrum für zeitgenössische Kunst DOX sind derzeit auf drei Etagen Liu Xias Fotografien aus den Jahren 1996 bis 1999 zu sehen. Auffällig ist zunächst das durchgehend quadratische Format. Chinesische Städteplanung ist stark von dieser Idee geprägt, sowohl die Verbotene Stadt als auch der Platz des himmlischen Friedens im Zentrum Pekings sind in diesem Sinne konzipiert. Die Form symbolisiert Ordnung und Regelmäßigkeit, vermittelt aber außerdem ein Gefühl der Enge, des „Eingesperrt-Seins“. Diese beklemmende Atmosphäre untermalen schlichte Schwarz-Weiß-Aufnahmen, mit der Liu Xia eine Parallele zur ursprünglichsten Form chinesischer bildender Kunst zieht: der Kalligrafie.

Macht der Ohnmächtigen
Zentraler Gegenstand der Bilder sind Puppen, die Liu Xia selbst „ugly babies“ („Hässliche Babys“) nennt. Sie lassen sich als ein Sinnbild der Hilflosigkeit interpretieren. Repression der Meinungsfreiheit, autoritäre Kontrolle und Zensur haben viele Menschen in China in die Passivität gedrängt. So sind zwar die Münder der Puppen vor Entsetzen und Empörung geöffnet, ein Aufschrei ertönt jedoch nicht.

Man spürt lediglich Trauer, Frustration und Wut. Mal werden die Puppenköpfe von einer übergroßen Faust zerdrückt, mal sind sie gefesselt, mal in Plastiktüten zum Ersticken verdammt. Das Motiv der Machtlosigkeit wird auch durch das Spiel mit den Lichtverhältnissen verdeutlicht: Ein stark beleuchtetes Zentrum wird von einem dunklen Hintergrund zunehmend verschlungen.

Die 52-Jährige arbeitet zudem mit versteckten Botschaften. So sitzt eine der Puppen vor Büchern, deren Titel verschwommen zu erkennen sind: Werke von Edgar Allan Poe und Henry David Thoreau. Der eine wurde als Meister der Horrorliteratur berühmt. Der andere lieferte mit seinem Essay „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ im ausgehenden 19. Jahrhundert eine Art inoffizielle Bibel des zivilen Widerstands, die unter anderem Mahatma Gandhi und Martin Luther King beeinflusste.

Liu Xias Kunst ist nicht ästhetisch und will es auch nicht sein. Die Fratzen der Puppen wecken Ekel und Schauergefühl, dem sich der Betrachter aber dennoch aussetzen sollte. Wohlwissend, dass hinter diesen abstoßenden und leblosen Objekten das Schicksal echter Menschen steht.

„The Silent Strength of Liu Xia“. DOX Centre for Contemporary Art (Poupětova 1, Prag 7), geöffnet: Sa.–Mo. 10–18 Uhr, Mi. & Fr. 11–19 Uhr, Do. 11–21 Uhr, dienstags geschlossen, Eintritt: 180 CZK (ermäßigt 90 CZK), bis 9. Juni, www.dox.cz