„Seine Tribüne wäre der Wenzelsplatz“

„Seine Tribüne wäre der Wenzelsplatz“

Wie die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei den Reformator Jan Hus für ihre Propaganda instrumentalisierte

15. 4. 2015 - Text: Friedrich GoedekingText: Friedrich Goedeking; Foto: Wisniowy

Jan Hus und die hussitische Bewegung bildeten einen festen Bestandteil in der Ideologie des tschechischen Kommunismus. Indem sich die Kommunisten auf Hus beriefen, wollten sie ihrer Staatslehre eine nationale und patriotische Prägung verleihen. Damit sollte vor allem gegenüber den Intellektuellen betont werden, dass es sich beim tschechischen Kommunismus nicht einfach um eine Kopie des sowjetischen Vorbildes handelte.

Wie aber war es möglich, den Reformator zum Wegbereiter einer Diktatur des Proletariats zu machen? Schließlich war Hus ein tiefreligiöser Mensch, für den die Bibel die alleinige Richtschnur seines Handelns bildete, der sein Leben ganz in den Dienst Jesu stellte und wie dieser in Armut und unter Verzicht auf Herrschaft und Gewalt gelebt hatte. Ihm folgte Hus nach, indem er selbst einen grausamen Tod als Märtyrer auf sich nahm.

Die Kommunisten waren nicht die Ersten, die Jan Hus als großen Reformer feierten, seiner theologischen Gesinnung aber keine maßgebende Rolle zuerkannten. Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde Hus als Vorkämpfer der Aufklärung und der Gewissensfreiheit verehrt. So erklärte der Historiker František Palacký den Prediger und die hussitische Bewegung in seinem Werk zum Höhepunkt der böhmischen Geschichte. Die tschechische Nationalbewegung reklamierte Hus zum Inbegriff für ihren Kampf um Selbstbestimmung und Unabhängigkeit des tschechischen Volkes. Und für Tomáš Garrigue Masaryk waren es die Hussiten, die sich zum ersten Mal für die Werte der Demokratie, der Gleichheit und der Freiheit eingesetzt hatten.

Die Kommunistische Partei (KSČ) knüpfte insofern an Palacký und Masaryk an, als auch sie die Ära der Hussiten zur Blütezeit der tschechischen Geschichte kürte, wobei sie jedoch der Theologie so gut wie keine Bedeutung beimaß. In ihren Augen handelte es sich bei den theologischen Aussagen nur um einen Überbau, ein Zugeständnis an die religiös geprägte Lebenswelt des Spätmittelalters. Als sich im Oktober 1945 die Nationale Front formierte, ein Zusammenschluss demokratischer und sozialistischer Parteien, wird die Niederlage Deutschlands als das Ergebnis eines Befreiungskampfes aufgefasst, der „aus der tiefsten Quelle unseres nationalen Wesens, aus dem Geist der hussitischen Wiedererstehungs- und Befreiungstradition“ geführt worden war. Die Vertreibung der Deutschen feierte die KSČ als Vollendung der hussitischen Revolution, als Wiedergutmachung für die Niederlage der Hussiten am Weißen Berg im Jahr 1620. Nach dem Vorbild der Glaubenskämpfer, die die katholischen Kreuzzugsheere in die Flucht geschlagen hatten, bezeichnete die KSČ die Soldaten der Roten Armee als Gottesstreiter.

Anwalt der Armen
Die Kommunisten priesen Hus als einen Sozialrevolutionär, der das bestehende gesellschaftliche System von Grund auf zu verändern suchte. Mit seiner Kritik an der Kirche habe Hus vor allem den Reichtum derselben angeprangert, der in Böhmen ein Drittel des Grundbesitzes gehörte. Hus habe als Anwalt der Armen die Enteignung des kirchlichen Besitzes gefordert und gegen deren Ausbeutung durch den höheren Adel protestiert. Die hussitische Bewegung diente den tschechischen Kommunisten als Beweis dafür, dass der Sozialismus schon immer seinen Platz in der tschechischen Geschichte gehabt hatte. Man betrachtete sich als Erben einer großen Vergangenheit, die mit der armen Landbevölkerung und den Handwerkern in der Zeit der Hussiten ihren Anfang genommen hatte, dann die Vertreter der nationalen Erweckung erfasste, um schließlich in der Kommunistischen Partei ihren Höhepunkt zu finden.

Der bedeutendste Propagator, der die kommunistische Ideologie mit der hussitischen Bewegung in Verbindung brachte, war Zdeněk Nejedlý (1878–1962). Als Historiker und Musikwissenschaftler hatte er sich intensiv mit der hussitischen Epoche beschäftigt. Einen Namen machte er sich vor allem mit drei Veröffentlichungen zu den hussitischen Kirchengesängen, wobei er den volkstümlichen Charakter der Lieder hervorhob. Er sympathisierte mit der Kommunistischen Partei, der er 1939 beitrat, schätzte aber auch Präsident Masaryk, über den er eine vierbändige Biografie verfasste. 1939 floh Nejedlý vor der deutschen Besetzung nach Moskau und wurde nach seiner Rückkehr 1945 zunächst Minister für Arbeit und Soziales. Im Jahr 1948, nach dem Putsch der Kommunisten, wurde er zum Minister für Erziehung und Wissenschaft ernannt. Vier Jahre darauf gründete Nejedlý die Tschechoslowakische Akademie der Wissenschaften, deren Vorsitzender er bis zu seinem Tod 1962 blieb.

In seiner Schrift „Die Kommunisten – Erben der großen Traditionen des tschechischen Volkes“ von 1946 stellte er Hus als einen Wegbereiter der kommunistischen Bewegung vor: „Ich kenne Hus sehr gut und habe mich mit seinem Werk von jung auf beschäftigt. Ich war stets überrascht, wie wenig er als Theologe hervortrat, wie wenig ihn die Existenz und die Eigenschaften Gottes interessierten. Stattdessen bewegte und interessierten ihn das Volk und seine Armut. Er sprach in aller Deutlichkeit über die Unterschiede im Leben des Volkes und der Herren, insbesondere des höheren Klerus.
Offensichtlich ist die religiöse Form seiner Auslegung nur eine äußere Hülle, die er im Kampf gegen die damals mächtige Kirche allein deshalb benutzte, weil auch sie ihre weltlichen Interessen religiös begründete. (…) Heute wäre Hus Führer einer politischen Partei, seine Tribüne wäre nicht mehr die Kanzel, sondern die Prager Lucerna oder der Wenzelsplatz. Seine Partei aber stände, dessen dürfen wir sicher sein, ganz in der Nähe zu uns Kommunisten.“

Da Hus aus armen Verhältnissen kam, wurde er als ein Mann des Volkes angesehen. Dass er stets die Nähe zu den einfachen Leuten gesucht hatte, belegte für Nejedlý seine Tätigkeit als Prediger in der Bethlehemskapelle. Über zehn Jahre hinweg stand Hus bis zu 3.000 Mal auf der Kanzel und wandte sich in tschechischer Sprache an die Laien. 1948 beschloss das kommunistische Kabinett auf Initiative von Zdeněk Nejedlý den Wiederaufbau der Kapelle.

Jan Hus – der Theologe und Kirchenreformator, der allein die Bibel als Richtmaß für das Leben der Christen anerkannte – zum Vorkämpfer des Klassenkampfes zu machen, stieß natürlich auf Schwierigkeiten. Wie wollte man in seinem Namen Gewalt oder gar Terror bei der Erlangung der kommunistischen Herrschaft rechtfertigen?

Versuch gescheitert
Aus diesem Grund erhielt Jan Žižka, der erfolgreiche Heerführer der Hussiten im Kampf gegen die römisch-katholischen Kreuzritter, einen wichtigen Platz in der Reihe der Wegbereiter des Kommunismus. Es genüge nicht, so Nejedlý, nur wie Hus die Wahrheit zu sagen. Sie müsse auch, wie Žižka das getan habe, notfalls mit der Waffe verteidigt werden. 1950 weihten die Kommunisten das Žižka-Denkmal auf dem Vítkov-Hügel ein, das bis 1989 als Gedenkstätte für führende Persönlichkeiten der Partei diente. Ebenso gehörte für die Kommunisten Jan Želivský zu den hussitischen Revolutionären. Unter seiner Führung hatten 1419 radikale Hussiten das Rathaus gestürmt und den ersten Prager Fenstersturz verursacht.
Die Gründung der Stadt Tábor kam für die KSČ den Idealen einer kommunistischen Gesellschaftsordnung am nächsten. Bis zu 5.000 Anhänger eines revolutionären Flügels der Hussiten hatten in Südböhmen in Erwartung des Tausendjährigen Reiches eine Lebensgemeinschaft gegründet, die das Privateigentum ablehnte und eine Gütergemeinschaft bildete. Die Taboriten sahen sich als Rächer, die Gott erwählt hatte, um die Glaubensfeinde mit dem Schwert zu vernichten.

Der Versuch, Hus und die hussitische Bewegung zu Vorläufern der kommunistischen Partei zu erklären, scheiterte. Das Anliegen des Predigers war nicht eine soziale Revolution – das Feudalsystem seiner Zeit hatte er nie infrage gestellt. Für ihn hatte der Adel die wichtige Funktion, Verstöße des Klerus gegen die Gebote Christi zu ahnden. Eine Volksreformation förderte Hus nicht. Nicht von den Massen, sondern von der weltlichen Obrigkeit erwartete er, die Missstände in der Kirche zu beseitigen.

Der Protestbrief von 452 böhmischen Adeligen an das Konzil in Konstanz nach der Hinrichtung von Hus belegt, wie sehr auch der Adel dessen Kirchenreform unterstützte. Dennoch hat die marxistische Interpretation der böhmischen Reformation darin recht, dass keine der kirchlichen Reformbewegungen des Spätmittelalters die Grundlagen der mittelalterlichen Kirche und damit auch einen wesentlichen Teils der damaligen Gesellschaft so sehr in Frage gestellt hatte wie Jan Hus dies mit seiner radikalen Kritik des Papsttums und der Hier­archie getan hat.



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