Scheidungskinder und Wächterlöwen

Scheidungskinder und Wächterlöwen

Das Museum Montanelli auf der Kleinseite zeigt moderne japanische Art brut

10. 10. 2013 - Text: Vanessa WeissText: Vanessa Weiss; Foto: mumo

 

Als Vincent van Gogh seine Sonnenblumenreihe schuf, griff er zur Leinwand, Leonardo da Vincis vitruvianischer Mensch entstand auf Papier. Der japanische Künstler Masao Obata nahm für seine Zeichnungen braune Pappe. Eine bewusste dadaistische Provokation?

Eher nicht, seine künstlerischen Ideen wollten einfach verwirklicht werden. Papier war Mangelware, sodass Obata auf alten Fischverpackungen zeichnete. Allerdings ist es nicht allein das, was die Werke des bereits verstorbenen Künstlers von konventionellen Stilmitteln und Unterlagen unterscheidet. Vielmehr ist dies der freie, naive und vielleicht auch kindliche Umgang mit der eigenen Kreativität. Die Lust daran, seine Wünsche, Träume und Ängste auf unscheinbare, braune Pappkartons zu bannen.

Es sind derartige Erzeugnisse von Außenseitern, für die der französische Maler Jean Dubuffet den Begriff der Art brut prägte. Das Museum Montanelli in der Neruda-Straße direkt unterhalb der Prager Burg widmet sich in einer kleinen Schau diverser japanischer Vertreter jener Kunstsparte. Neben den Arbeiten von Masao Obata zeigt das Museum sieben weitere Künstler aus dem „Land der aufgehenden Sonne“.

So weitläufig sich die Ansätze in der Art brut gestalten, so grenzenlos kreativ spiegeln sich die Ideen ihrer Vertreter in den Werken wider. Da teilen sich skurrile Plastiken mit brutalen Fratzen von Shinichi Sawada mit Obatas harmlos wirkenden Figuren auf Pappe einen Ausstellungsraum. Würde man Werke des Kubismus Seite an Seite mit naturalistischen Porträts Dürers arrangieren – der Kontrast stünde dem im Museum Montanelli in nichts nach.

Vielseitige Widersprüche
Die japanische Art brut ist dennoch ein Sonderfall, denn gerade die vielseitigen Darstellungsformen, die Widersprüche und die Persönlichkeiten, die dahinter stehen, sind das verbindende Element. Das „Sich-selbst-sein“ steht bei ihnen im Mittelpunkt.
Während die grob gezeichneten, übergroßen Männer- und Frauenfiguren bei Obata an die schmerzhaften Erinnerungen der Scheidung seiner Eltern erinnern sollen, repräsentieren die mit vielen Spitzen und Brechungen übersäten Tonplastiken Sawatas Figuren einer mythologischen Fantasiewelt. Bilder von japanischen Wächterlöwen kommen dem Betrachter in den Sinn, wenn man von den Grimassen der Skulpturen angelächelt, oder passender frech angeglotzt, wird.

Ähnlich wie Obata hat sich Yoshimitsu Tomizuka nicht auf Papier oder Leinwand beschränkt. Der von ihm gewählte Hintergrund besteht aus einer simplen Zeitungsseite. Kleine schwarze Pinselstriche formen unvollständige Köpfe, die erst aus einer gewissen Distanz betrachtet deutlich zu erkennen sind. Tomizuka erzählt Geschichten, Geschichten aus seinem Leben, von einer Zugfahrt, über eine Hochzeit oder ein Abendessen in einem Restaurant. Die Abbildungen in der Zeitung verschmelzen dabei mit Tomizukas Malerei und werden zu einem festen Bestandteil des Werkes.

So ideenreich und fantasievoll die Ideen der Künstler sein mögen: Kleine Wollstrickberge zu schaffen, die Weiblichkeit symbolisieren, oder bunte Faden bewusst unsauber auf ein weißes Baumwolltuch zu nähen, sind Ausdrucksformen, deren Sinn sich einem nicht sofort, bei manchem wohl gar nicht, erschließt. So gesehen bei Yumiko Kawai. Was bleibt, ist rohe und lebensnahe Kunst, die eines gewiss tut: den Betrachter und seine Gewohnheiten herausfordern.

Japanische Art brut. Museum Montanelli (Nerudova 13, Prag 1), geöffnet : Di.–Fr. 12–18 Uhr, Eintritt: 80 CZK (ermäßigt 40 CZK), bis 19. Januar 2014