Schaurige Spiele mit Tabus

Schaurige Spiele mit Tabus

Die Galerie Rudolfinum zeigt Werke des britischen Künstlerduos Jake und Dinos Chapman

16. 10. 2013 - Text: Maria SilenyText: Maria Sileny; Foto: Galerie Rudolfinum

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Soll man sich fürchten oder eher schmunzeln? Sich angewidert abwenden oder genauer hinsehen? Es ist ein verwirrendes Spiel, das die Briten Jake und Dinos Chapman mit dem Publikum spielen. Seit den neunziger Jahren künstlerisch aktiv, visualisieren die in London lebenden Brüder mit ihrem Werk die Abgründe der menschlichen Existenz: Krieg, Folter, Zerstörung, Tod, Obszönes, Bedrohliches. Und all das mit unübersehbarem Galgenhumor.

Die Galerie Rudolfinum würdigt das Schaffen der „bösen Buben“ der zeitgenössischen Kunst mit einer Ausstellung unter dem Motto „The Blind Leading the Blind“ („Der Blinde führt den Blinden“). Das Spiel beginnt eher harmlos mit einer Serie von Skulpturen, die an afrikanische Masken, an schamanische Fetische erinnern. Der Betrachter meint zu wissen, was er sieht – bis er an jeder der Statuen Symbole des Fastfood-Konzerns McDonald’s entdeckt: Pommes frites, Burger, das Feixen des Werbe-Clowns Ronald. Ist der schnelle Konsum zu einem religiösen Ritus geworden? Die elf Figuren auf weißen Sockeln schweigen und irritieren.

Ein weiteres Objekt lehnt sich an das Werk des spanischen Malers Francisco de Goya an. Seit mehr als einem Jahrzehnt befassen sich die Geschwister Chapman mit seinem Schaffen, insbesondere mit der Folge von 80 Radierungen, die den Titel „Schrecken des Krieges“ tragen. Goya reflektierte mit ihnen die Besetzung Spaniens durch Napoleon und schuf eine der drastischsten Beschreibungen menschlicher Grausamkeit in der grafischen Kunst.

Tiefschwarzer Humor
Eine der Zeichnungen zeigt drei verstümmelte Soldaten, die an einem Baum hängen. Jake und Dinos Chapman verarbeiteten die Szene zu einem dreidimensionalen Objekt und entwickelten sie zeitlich weiter: Die toten Körper befinden sich in einem Stadium fortgeschrittener Verwesung, unzählige Insekten und Ungeziefer nähren sich von ihnen. Die Muskeln sind fast verzehrt, die Knochen zerfallen. Zugleich erinnert die Skulptur an billige Horrorfilme. Einer der Schädel trägt ein Vampirgebiss, ein anderer eine rote Clown-Nase. Die Schnecken, Spinnen, Käfer und Fliegen sehen wie buntes Plastikspielzeug aus, der tiefschwarze Humor schillert in Farbe. „Unangenehme und unschöne Dinge sind für uns eine Herausforderung, sie sagen viel mehr über unser Leben, unsere Träume und die Inhalte unseres Unbewussten aus, als uns der Blick auf schöne und angenehme Dinge bieten könnte“, erklärt Jake Chapman.

Und so wird das Spiel noch böser: Eine monumentale Installation stellt 20 Nazifiguren in schwarzer Uniform dar, die sich in der Ausstellung umzusehen scheinen. Ihre versengten, zombieartigen Gesichter wenden sich Objekten und Bildern zu. Der Verweis auf die Ausstellung „Entartete Kunst“, die 1937 in München stattfand, ist eindeutig. Doch die Symbolik des Nazismus scheint im Schaffen der Brüder Chapman ihren historischen Kontext zu sprengen, um das globale, zeitlose Böse darzustellen. Der Betrachter meint zu wissen, was er sieht – bis er erschrocken entdeckt, dass die Nazifiguren an ihren Ärmeln statt Hakenkreuze Smileys tragen.

Jake und Dinos Chapman: The Blind Leading the Blind. Galerie Rudolfinum (Alšovo nábřeží 12, Prag 1), geöffnet: täglich außer montags 10 bis 18 Uhr (Do. bis 18 Uhr) Eintritt: 140 CZK (ermäßigt 90 CZK), bis 5. Januar 2014