Schauplatz der Identitäten

Schauplatz der Identitäten

Das Brünner Deutsche Theater als Ort der kulturellen Vermittlung zwischen den Völkern

9. 1. 2013 - Text: Friedrich GoedekingText: Friedrich Goedeking; Foto: Fellner&Helmer

 

Mit ihrer Untersuchung über das deutsche Brünner Theater in der Zwischenkriegszeit von 1918 bis 1938 hat die Theaterwissenschaftlerin Katharina Wessely ein bisher kaum bearbeitetes Kapitel der tschechisch-deutschen Bühnengeschichte und des kulturellen Lebens der deutschen Minderheit in Brünn aufgeschlagen. Die Quintessenz ihrer Recherche: Das Theater in Brünn war für Tschechen und Deutsche weit mehr als ein Ort der Kunst und der gehobenen Unterhaltung.

Anhand zahlreicher Archivmaterialien und Zeitungsberichte belegt sie, dass sich das Theater nicht nur zum Mittelpunkt bei Konflikten entwickelte, sondern auch bei der Kooperation beider Volksgruppen eine bedeutende Rolle spielte. Zudem war es ein Ort, an dem die Deutschen ihre kontroversen Vorstellungen über Ziele und Inhalte einer deutschen Kultur austrugen.

Die Bühne zur Zeit der Ersten Republik
Das Jahr 1918 bedeutete für die deutsche und tschechische Kulturszene in Brünn einen tiefen Einschnitt: In das von den Deutschen 1881 erbaute Stadttheater zog das tschechische Ensemble ein, das bis dahin mit einer umgebauten Gaststätte für seine Aufführungen hatte vorliebnehmen müssen. Für Opernaufführungen konnte das Gebäude von deutscher Seite nur noch an zwei Wochentagen genutzt werden; Operette und Sprechtheater mussten sich mit wesentlich kleineren Spielstätten begnügen.

Wurde das Theater zur Zeit der Monarchie großzügig subventioniert, war man nun auf die Spendenbereitschaft der deutschen Brünner angewiesen. Im Brünner „Tagesboten“ erschienen Aufrufe: „Helft unser deutsches Theater in Brünn erhalten, unser vornehmstes kulturelles und völkisches Bollwerk, dessen wir im Sturm der Zeiten mehr denn je bedürfen.“ Auf den Verlust der Privilegien reagierten vor allem deutschnationale Kreise mit Empörung. Es fehlte an Einsicht, dass man nun die Konsequenzen dafür tragen musste, die tschechischen Mitbürger in der Zeit der Monarchie an einer angemessenen Entfaltung ihres Kulturlebens gehindert zu haben. Viele blieben von der Überlegenheit der deutschen Kultur überzeugt.

Oper als Bindeglied
In den Anfangsjahren der Republik spielte sich das kulturelle Leben in Brünn – wie schon in der Habsburger Zeit – in zwei voneinander getrennten Gesellschaften ab. Doch dann begann eine langjährige Phase der Annäherung und Kooperation, vor allem auf dem Gebiet der Oper. Die Oper galt Tschechen und Deutschen als ein hohes nationales Gut. Umso bemerkenswerter ist die Tatsache, dass es in Brünn gerade hier zu einer intensiven Zusammenarbeit kam. 1922 wurde in der südmährischen Metropole der 100. Geburtstag Gregor Mendels festlich begangen. Im Stadttheater trat das tschechische Opernensemble mit dem ersten Akt von Smetanas „Verkaufter Braut“ („Prodaná nevěsta“) auf, während das deutsche Ensemble eine Szene aus Wagners „Meistersingern von Nürnberg“ darbot. Wie Wagner den Deutschen, so galt Smetana den Tschechen als „Nationalheiliger“.

Indem beide Volksgruppen gemeinsam auftraten und dabei jeweils eines ihrer beliebtesten Kulturgüter vortrugen, demonstrierten sie eindrucksvoll für eine gegenseitige Anerkennung. Die Prager Presse kommentierte den Abend: „Die Aufführung darf als ein verheißungsvoller Fortschritt im friedlichen Zusammenleben beider Völker bezeichnet werden.“

Zwischen den beiden Opernbühnen entspann sich eine langjährige Kooperation, in deren Verlauf unter Mithilfe der tschechischen Oper vom deutschen Ensemble die wichtigsten Werke von Smetana, Janáček und Dvořák aufgeführt wurden. Von tschechischer Seite verlieh man Kostüme und Noten oder half mit Sängern aus. Des Öfteren wurde ein tschechischer Regisseur mit der Inszenierung beauftragt.

Als 1925 die „Verkaufte Braut“ von Smetana – für die Tschechen die tschechische Oper schlechthin – in der deutschen Oper zur Aufführung kam, sprach die tschechische Zeitung „Lidové noviny“ von einem historischen Ereignis, weil nun die „Chinesische Mauer“ zwischen den beiden Kulturen gefallen sei. Mit der Aufführung weiterer tschechischer Opern zeigte das deutsche Theater seinen Respekt vor der tschechischen Kunst und darüber hinaus seine Loyalität zur Tschechoslowakischen Republik.

Zwischen Nationalismus und Kulturdiskurs
Ab der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre entwickelte sich das deutsche Theater zu einem Ort der Liberalität und der Demokratie. Auf dem Spielplan des Sprechtheaters standen vor allem zahlreiche Bühnenwerke, in denen Nationalismus und Militarismus angeprangert wurden. In Antikriegsstücken wurden Menschen verkörpert, die durch den Krieg physische und psychische Deformationen davongetragen hatten; heimgekehrte Soldaten suchten nach Wegen der Versöhnung mit den ehemaligen Feinden.

Die pazifistische Einstellung fand beim Publikum starken Zuspruch. So kam es bei den Anklagen gegen die Sinnlosigkeit und Unmenschlichkeit des Krieges zu minutenlangem Beifall auf offener Bühne.
Während der gesamten Zwischenkriegszeit musste sich der Theaterverein immer wieder gegen Angriffe von radikalen deutschen Nationalisten zur Wehr setzen. So verstanden sich die Sudetendeutsche Partei und der Bund der Deutschen als die alleinigen Vertreter des Brünner „Deutschtums“. Deutsche Studenten randalierten lautstark „im Namen der deutschvölkischen Jugend“ bei der Aufführung einer tschechischen Oper gegen die staatsloyale Haltung des Theaters. Nach Hitlers Machtergreifung 1933 passten sich rechtskonservative Deutsche immer mehr der nationalsozialistischen Weltanschauung an und forderten vom Theater, jüdische Regisseure und Mitglieder des Ensembles zu entlassen sowie den Spielplan an völkisch-nationalen Zielen auszurichten.

Bis 1938 gelang es jedoch dem Theaterverein seine demokratisch-liberale Konzeption beizubehalten. Trotz wachsendem Druck Nazideutschlands wurden Bühnenwerke tschechischer Autoren ebenso aufgeführt wie Stücke von in Deutschland verbotenen Autoren. Eines der letzten Stücke, das im deutschen Theater vor der Besetzung der Tschechoslowakei inszeniert wurde, war Karel Čapeks „Die weiße Krankheit“ („Bílá nemoc“), ein Appell des Dichters, Freiheit und Menschenwürde gegenüber einer Diktatur zu verteidigen.

Katharina Wessely: Theater der Identität. Das Brünner deutsche Theater der Zwischenkriegszeit. Transcript Verlag, Bielefeld 2011, 296 Seiten, 32,80 Euro,
ISBN 978-3-8376-1649-1



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