Originales aus Deutschland
Geschäftsidee

Originales aus Deutschland

Der „Germany Shop“ im Prager Stadtteil Vršovice verkauft Produkte wie in deutschen Läden

15. 4. 2019 - Text: Klaus Hanisch, Titelbild: Marco Verch, CC-BY 2.0

Neuerdings hat der Laden auch am Sonntag geöffnet. Denn gerade an diesem Tag kommen viele Kunden. Zunächst eine ältere Dame, gleich anschließend ein junger Mann, innerhalb von zehn Minuten. Typisch für den „Germany Shop“, erklärt die Verkäuferin, „bei uns kaufen alle Altersgruppen ein.“ Besonders Familien. Deshalb gibt es auch reichlich Angebote für Kinder jeden Alters, von Windeln und Babynahrung bis hin zu Schokolade und Gummibärchen.

Der „Germany Shop“ liegt in der Tolstoi-Straße (Tolstého) im zehnten Prager Bezirk, nahe dem Čech-Platz (Čechovo náměstí). Er ist vieles in einem: Tante-Emma-Laden, Delikatessen-Geschäft, Drogerie. „Hauptidee war, Nahrungsmittel zu verkaufen“, erläutert Betreiber Jaroslav Křapa, als er ein paar Tage später neue Ware einlagert. „Dann kamen Waschmittel und alles andere dazu.“

Laden in Vršovice | © khan

Sein Geschäft gibt es noch nicht einmal zwei Jahre. Zu früh für eine erste Bilanz, meint Křapa. „Doch es läuft besser als vor einem Jahr.“ Wobei seine Hoffnung, dass sich der Laden auf Dauer trägt, durchaus begründet ist: Immer wieder regen sich Tschechen über unterschiedliche Qualität und Preise von Produkten in Deutschland und in ihrer Heimat auf. Also prinzipiell darüber, dass gleiche Marken in ihrer Heimat nicht nur teurer seien, sondern oft minderwertig. Und speziell, warum etwa in deutschem Speiseeis mehr Sahne und in tschechischem Sojamilch sei. Oder wieso der Anteil von Erdbeeren in Marmelade in Deutschland bei 60 Prozent liege, in Tschechien aber nur bei etwa 20 Prozent. Und warum Kinder- und Drogerieartikel in Tschechien so unglaublich kostspielig seien. Ebenso Jeans. Oder warum Erfrischungsgetränke hierzulande viel wässriger schmecken.

Hersteller begründeten das damit, dass die Geschmäcker zwischen Ost- und Westeuropa unterschiedlich seien – was hierzulande empörte. Auch das Argument, der tschechische Markt sei kleiner und damit weniger Absatz möglich, überzeugte sie nicht. Besonders gibt vielen Tschechen zu denken, dass das gleiche Shampoo in einer tschechischen Drogerie mehr kostet als in einer deutschen – obwohl es nur ein anderes Etikett trägt. „Einfach billiger und besser“ seien deutsche Produkte, glauben nicht wenige Tschechen.

Schon seit einiger Zeit schicken deutsche Zeitungen deshalb keine Reporter mehr nach Tschechien, um ihren Lesern mitzuteilen, was sie im Nachbarland günstig „abstauben“ können. Stattdessen fahren viele Tschechen – vor einigen Jahren noch undenkbar – in deutsche Nachbarorte, um sich mit Waren einzudecken, vor allem in den Grenzgebieten. In manch tschechischer Gemeinde werden Pendler sogar mit kompletten Einkaufslisten ausgestattet, um jenseits der Grenze Besorgungen für die gesamte Dorfgemeinschaft zu erledigen.

Ovomaltine statt Oblaten, Haribo statt Hašlerky | © khan

Das Preisgefälle zwischen beiden Ländern hat sich in vielen Bereichen längst zu Ungunsten der Tschechen verschoben. Ihre Unzufriedenheit war Křapas entscheidender Antrieb. Nachdem er mit Freunden lange über die Qualität von Lebensmitteln in seinem Land diskutiert habe, kam er zum Schluss: „Ich will den Tschechen bringen, was sie in Deutschland mögen.“

Auch ohne Kontakte oder irgendwelche familiären Beziehungen dorthin realisierte Křapa seine Geschäftsidee – und eröffnete gleich zwei Läden, in Prag-Vršovice und in Pilsen. Der Tscheche spricht weder Deutsch noch Englisch. Das ist auch nicht nötig. Denn Deutsche sind kaum unter seinen Kunden. Sie kommen aus den Wohnhäusern in der nahen Umgebung. Also vor allem Tschechen. Manchmal auch Ausländer, die in Prag 10 leben. Der Laden liegt weitab von der Prager Altstadt und anderen Touristen-Spots. Aber auch weit genug entfernt von Deutschland. Deshalb lohnt es sich für Kunden eben doch, im „Germany Shop“ nach deutschen Produkten zu suchen und sich die Fahrt über die Grenze zu sparen.

Waschmittel als Verkaufsschlager | © khan

Dort reihen sich in Deutschland bekannte Marken aneinander. Persil und Lenor, Pampers und Hipp, Ehrmann und Weihenstephan. Gegenüber der Kasse: Nutella. Viel besser als vergleichbare tschechische Produkte, schwärmt die junge Verkäuferin. „Mit mehr Nüssen.“ Wobei sie im „Germany Shop“ angeblich sogar günstiger verkauft werde als in manchem Supermarkt.

Auf den ersten Blick wirkt der Laden wie einer von unzähligen Mini Markets, „Potravinys“ oder „Večerkas“. Doch Křapa legt Wert darauf, dass sein Sortiment ausschließlich aus Original-Importen besteht. Konkret bedeutet das: Der Geschäftsmann verkauft, was auch in Deutschland verkauft wird. Wobei es sich aber nicht nur um deutsche Produkte handelt. Der angebotene Kakao wird in Holland hergestellt – steht aber eben auch in deutschen Regalen. Seine Wurstangebote tragen den Namen eines Metzgers, der einen großen deutschen Discounter beliefert. „Ich nehme auch Wein aus Italien oder Spanien ins Sortiment – wenn er in Deutschland verkauft wird“, sagt Křapa.

Kundin vor dem Kühlregal | © khan

Die Waren besorgt er bei Partnern in Deutschland. Bei wem genau, behandelt er erwartungsgemäß als Betriebsgeheimnis. Da er aber nur kleine Läden betreibe, sei kein großer Vertrag nötig. Jede Woche deckt sich Křapa dort ein. Und jede Woche gebe es verschiedenen Bedarf. „In einer Woche muss ich viele Milchprodukte nachkaufen, in der nächsten vor allem Nahrung für Kinder“, verrät er.

Die Studentin, die an diesem Sonntag hinter der Kasse steht, spricht auch kein Deutsch. Dafür sehr gut Englisch. Das Geschäft, in dem sie arbeitet, ist nicht sehr groß. Aber klar aufgeteilt. In der vorderen Hälfte stehen die Lebensmittel. Unter den vielen Packungen sogar Knödel halb und halb – und das im Knödelland Tschechien …

Kakaopulver, Kartoffelknödel, Haferflocken | © khan

Integriert ist ein Kühlregal, mit Wurst, Käse, Milchprodukten. „Deutlich bessere Qualität als anderswo“, behauptet die Verkäuferin, die ihrem Chef fraglos Ehre macht.

Den hinteren Teil bilden Waren einer Drogerie. Darunter reichlich Waschpulver. Viele Marken. Sehr beliebt bei Kunden, sagt die Verkäuferin. „Das riecht so gut.“ Für die große Auswahl und Qualität der Produkte aus Deutschland zahlen die Kunden laut Křapa gerne höhere Preise. Denn natürlich sei seine Ware teurer als in anderen Geschäften, schließlich müsse sie importiert werden. „Ich versuche aber, die Differenz nicht zu groß werden zu lassen“, bekräftigt er.

Ihr Chef wolle in Prag demnächst auch glutenfreie Ware anbieten, ergänzt die Verkäuferin beim sonntäglichen Dienst. „Sehr teuer“, stellt sie fest. Das wisse sie aus eigener Erfahrung, denn sie leide selbst unter einer Intoleranz, wie viele Tschechen. Allerdings wolle der Chef erst abwarten, ob tatsächlich Nachfrage besteht.

Sein Geschäft in Prag ist jeden Tag – außer Samstag – geöffnet. Und statt Samstag nun lieber Sonntag. Dann jedoch nur vier Stunden lang, von 16.30 bis 20.30 Uhr. Doch „viele Leute nutzen diese Zeit, nachdem sie aus ihren Ferienhäusern zurückgekommen sind und bemerkt haben, dass sie zuhause nichts zu essen haben“, so Jaroslav Křapa. Daher sei guter Umsatz garantiert. Das hat auch die tschechische Konkurrenz aufgeschreckt. Und deshalb habe der Potraviny-Laden gegenüber jetzt ebenfalls am Sonntag geöffnet. Darüber lacht sich die fleißige Verkäufer ins Fäustchen.

Kommentare

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  1. Guten Tag, Herr Hanisch,
    seit vielen Jahren lese ich mit großem Interesse die Online-Ausgabe mit den unterschiedlichsten Themen.
    Beim Artikel „Originales aus Deutschland“ vom 15.04.2019, Klaus Hanisch, musste ich etwas schmunzeln. Wie sich doch die Zeiten geändert haben:
    Viele Jahre hatte ich die Tschechoslowakei im Winter im Riesengebirge besucht, in den 80-er Jahren dann meiner Frau auf mehreren Reisen die Schönheiten des Landes gezeigt. Natürlich haben wir auch damals gerne etwas mitgebracht, um uns an die tollen Erlebnisse zu erinnern. Das waren besonders das wertvolle böhmische Kristall- und MOSER-Glas, aus denen wir heute noch unseren Wein trinken. Etwas Besseres gibt es nicht! Dann schmeckte das böhmische Bier auch viel besser als das Unsrige. Das trinke ich auch heute noch lieber, als das „Rostocker“. Dann die Country-Schallplatten der Gruppe „Plavcic“ und „Dvorana Slavy 3“ von Supraphon kann ich immer noch auf meinem Plattenteller legen. Immer hatte ich offene und nette Gespräche mit Vermietern und Einheimischen.
    Ein unvergessenes Erlebnis hatten meine Frau und ich in Prag im Jahre 1982. In einem Reisebüro, es war ca. 17:00 Uhr an dem Tag, der Raum fast leer und wir hatten noch kein Quartier. „Alles ausgebucht!“ bekamen wir zur Antwort. Traurig und unentschlossen saßen wir an einem Tisch und beratschlagten. Plötzlich sagte eine freundliche weibliche Stimme zu mir, ich möchte ihr den Personalausweis noch einmal zeigen. Dann dieselbe Stimme, wir sollten in einer halben Stunde wiederkommen. Der Ausweis blieb bei ihr!!
    Zurück im Büro gab sie mir den Ausweis und einen kleinen Zettel mit einer Adresse. Wir konnten unser Glück kaum fassen. In einer großen Villa im Stadtteil Krc trafen wir auf die Vermieter, die sich umgehend von uns verabschiedeten, um in Cottbus Urlaub zu machen. Wir bewohnten für eine Woche ein großes Haus. In meinem Ausweis stand damals der Beruf und auch unser Vermieter stellte sich als Ingenieur vor. Das war wohl der Schlüssel. Welches Vertrauen! So etwas vergisst man nicht.
    Vor zwei Jahren besuchten wir, nun etwas älter geworden, wieder Ihre Hauptstadt und es war wieder wunderbar.
    Das wollte ich Ihnen mitteilen.
    Von der Ostseeküste grüßt herzlich
    Joachim Reck

    1. Hallo Herr Reck, herzlichen Dank für Ihre Anmerkungen. Das alles klingt nach interessanten und erlebnisreichen Aufenthalten. Ja, die Zeiten haben sich in der Tat schwer geändert. Trotzdem und vielleicht gerade auch wegen der steten Veränderungen bleiben Besuche in Prag und der Tschechischen Republik nach wie vor sehr spannend. Schön, dass Sie der Prager Zeitung schon lange verbunden sind. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Spaß bei der Lektüre. Ihr Klaus Hanisch





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