Nur ein Flügelschlag

Nur ein Flügelschlag

Sechs Künstler widmen sich in der Galerie Rudolfinum dem Schmetterlingseffekt

24. 1. 2013 - Text: Linda LorenzText: Linda Lorenz; Foto: Galerie Rudolfinum

 

Der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien kann einen Tornado in Texas auslösen. So lautet die Theorie des Schmetterlingseffekts. Diesem Thema widmet sich die Ausstellung „The Butterfly Effekt?“in der Galerie Rudolfinum. Sechs Künstler stellen ihre Arbeiten dazu vor und werfen die Frage auf, warum die Welt immer komplexer wird und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Jeder der Arrangeure stellt auf persönliche Weise dar, wie kleinste Abweichungen von der Norm umfassende Veränderungen auslösen können.

Jiří Petrbok weist in seinen Werken eine Ambivalenz zwischen Ästhetik und Bedrohung auf. Seine blumigen, zarten Motive, die den Anschein einer behüteten Kindheit erwecken, werden immer wieder durchbrochen von Totenschädeln, Blut und Skeletten. Er verwendet schrille, bunte Farben und deutet den Ort des Geschehens im Hintergrund nur skizzenhaft an.

Meist tragische Alltagsunterbrechungen thematisiert Daniel Pitín. Er gibt seinen Werken Titel, die  sich beim Betrachten nicht sofort mit dem Objekt verknüpfen lassen. Pitín erschafft Situationen, die häufig die Frage evozieren: „Was ist hier geschehen?“. So beispielsweise auf dem Bild „Xerox Copier“, auf dem eine Frau zu sehen ist, die allein in einem Zimmer steht, ihren Kopf in den Armen vergräbt und sich dabei auf ein Kopiergerät stützt. Oder auf dem Bild „Lake“, an dem Menschen an einem dunklen Ort nach Spuren suchen wie an einem Tatort. Klug verwendet Pitín unauffällige Elemente aus Zeitungen und integriert diese in seine Bilder. Wer nah an dessen Werke herantritt, entdeckt plötzlich eine Eule oder Bruchstücke eines Baums. Somit bleiben seine Objekte lebendig und fordern den Betrachter auf, sie aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Darüber hinaus werden zwei Schwarz-Weiß-Filme von Pitín projeziert. Jene verwirren durch den gleichen undurchschaubaren Charakter wie die Filme der französischen „Nouvelle Vague“ aus den 60er Jahren.

Blume des Bösen
Ähnlich verwoben sind die Werke Martin Gerbocs. Statt mit cineastischen Elementen arbeitet er mit prosaischen Textzeilen. Auf seine düsteren Bilder schreibt er Sätze bekannter Literaten wie: „Und schlafen will ich! Nicht mehr leben müssen! In einem Schlummer wie der Tod so weich“, entnommen aus Charles Baudelaires Gedichtband „Die Blumen des Bösen“. Diesen Satz hat er in englischer Sprache beinahe fahrig auf das Bild mit dem Namen „Tod des Pinoccio“ geschrieben. Darauf zu sehen sind junge, tätowierte Männer mit ausgezehrten Gesichtern. Sie bilden einen Halbkreis um ein totes Wesen. Dieses besitzt die Beine einer Frau, den Oberkörper von Jesus und eine Nase wie Pinoccio. Gerboc beschäftigt sich unter anderem in brutaler und masochistischer Art und Weise mit der Zeit des Erwachsenwerdens.

Seine Figuren tragen oft Masken und Lederkostüme, sind geknebelt oder tot. Der Künstler verwendet häufig eine Mischung aus schwarzer Farbe und leuchtend roten bis pinkfarbenen Nuancen, sodass der Eindruck entsteht, man stünde in einem Undergroundclub – einem von denen, in dem man eigentlich nichts zu suchen hat.

Die Ausstellung hinterlässt ein bedrückendes und gar bedrohliches Gefühl. Nichtsdestoweniger beweist ein Großteil der gezeigten Objekte durch den intelligenten Umgang mit der Thematik eine enorme Tiefe. Am Ende muss der Besucher selbst entscheiden, aus welchen Werken sich ein Schmetterlings-Effekt entpuppen könnte.

The Butterfly Effect?, Galerie Rudolfinum (Alšovo nábřeží 12, Prag 1), geöffnet: Di.–Mi. & Fr.–So. 10–18 Uhr, Do. 10–20 Uhr, montags geschlossen, Eintritt: 120 CZK (ermäßigt 70 CZK), bis 10. März



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