Nichts als Sehnsucht

Nichts als Sehnsucht

Böhmische Erzählfreude: Markéta Pilátovás neuer Roman ist „Mein Lieblingsbuch“

3. 10. 2012 - Text: Volker StrebelText: Volker Strebel; Foto: Jiří Svoboda

 

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hatte die 1973 in Prag geborene Markéta Pilátová mehr als fünf Jahre in Argentinien, Brasilien und Mexiko verbracht. Bereits ihr erster Roman „Wir müssen uns irgendwie ähnlich sein“ (2010) war vom Zauber südamerikanischer Exotik geprägt. In ihrem neuen Roman „Mein Lieblingsbuch“ verschränken sich mäanderartig verschiedene Lebensentwürfe und fügen sich zu einem komplexen Gesamtbild zusammen. Ein namenloser Tätowierer führt im Roman so etwas wie Regie. Als eine Art Klammer des Geschehens wird das Leben des Dr. Michael Vidal in seinen Facetten erzählt. Bis zu seinem Tod hatte Vidal, umgeben von seinen zwei Frauen, selbstherrlich wie ein Autokrat ein Institut geleitet, das auf die Herstellung von Schlangenserum spezialisiert war. Sein Tod war umstritten, da er als Wiedergänger aufgetreten sein soll.

Ohne dass es ihm bewusst geworden war, hatte das bisherige Leben von Vidal eine entscheidende Zäsur erlebt, als er erstmals der Würgeschlange Haré begegnete. Genauer, als er sich erstmals mit diesem außergewöhnlichen Exemplar im wahrsten Sinne des Wortes befasst hatte. Hunderte von Schlangen hatte er in seinem Forscherleben schon befühlt und betastet, ihre geschmeidigen und zugleich muskulösen Körper waren ihm nicht fremd. Bei Haré hatte ihn instinktiv das Gefühl beschlichen, dass in seinem Labor etwas nicht in Ordnung ist. Als würde alles, was ihn umgibt, von einer unsichtbaren Macht beherrscht. Beim Streicheln dieser Schlange begannen sich beider Gedanken gegenseitig zu durchdringen. Vidal „fühlte das Fieber der Schlange, deren Melancholie, die ihn durchdrang, sah seine zwei Frauen, schon alt und immer noch fröhlich, sah, dass alles im Lot war und dass manche Schlangen lange, sehr lange leben“.

In diesem Tagtraum dämmerte es Vidal, dass statt messbarer Enzyme und Proteine der Gedanke der Ewigkeit entscheidend für ein Weiterleben ist. Dass Träume und Visionen die nüchterne Wirklichkeit der Zivilisation übersteigen, hatte auch das Schlangenmädchen Pajita erfahren. Die Mestizin aus den Bergen hatte es über viele Umwege in ein Krankenhaus verschlagen, in dem sie dadurch aufgefallen war, dass sie für arme Patienten Schlangengift als Anästhetikum verwendete. Woher aber stammten ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten? „Sie wusste es selbst nicht. Die Einzigen, die etwas wussten, waren die Schlangen, ihr gemeinsames uraltes Bewusstsein der Zusammenhänge.“ Letztlich landete Pajita in Vidals Institut für Schlangenserum. Sie litt darunter, jene Geschöpfe, die ihr innerlich nahestanden, unter Schmerzen auszubeuten.

Der Urgrund allen Lebens
Nicht zufällig war es die Schlange Haré, die Pajita im Traum nahelegte, das Institut zu verlassen. Das Mädchen tat sich mit Vogel, einem pfiffigen Burschen aus dem Slum zusammen. Das Schicksal freilich sollte auch für dieses Paar eine grausame Überraschung bereithalten.

Es ist ein Kennzeichen des Romans, dass das Figuren-Tableau weit gestreut ist. Neben Medizinern und dem Slum-Milieu spielt ein homosexueller Psychiater mit polnischer Herkunft dort eine wichtige Rolle. Und dann gibt es noch Pula, die Freundin von Stinkehugo, der über seherische Fähigkeiten verfügt.

Dass Vidal, dieser „große Erzengel Gabriel“, ihr leiblicher Vater war, erfährt die 19-jährige Pula ganz nebenbei in einer Art Lebensbeichte ihrer Mutter, der Meeresbiologin Linda Valparaís. Diese berichtete ihrer Tochter unter anderem auch von einem zwanzig Jahre alten Traum und was ihr der Schlangenmann damals eingeflüstert hatte: „Ich bin nichts als Sehnsucht. Und die Sehnsucht ist eine Tat. Du kennst jetzt den Geschmack der Gegenwart und hast die unermessliche Leere kennengelernt. Ich bin für immer dein Begleiter, du selbst hast mich herbeigerufen vom Grund deiner tiefsten Sehnsucht“.

Die Schlange als Urgrund allen Lebens und aller Vorstellungen windet sich unsichtbar durch sämtliche Schicksalsbilder dieses Romans. Und was zunächst zerrissen scheint, fügt sich im Schatten dieses schlängelnden Mythos wieder zusammen.

Auf ganz überraschende Weise wirken diese lateinamerikanischen Szenerien – so fremdartig sie auf den ersten Blick anmuten mögen – dem Leser nahezu vertraut. Der in diesem Zusammenhang gerne kolportierte „magische Realismus“ wird bei Pilátová dankbar aufgegriffen und aufwendig angereichert. Eine vorzügliche Übersetzung tut ihr Übriges. Subtil mischen sich Impressionen aus Südamerika mit böhmischer Freude am Erzählen, durchwirken sich ungezügelte Lebenslust mit melancholischer Wehmut.

Pilátová ist auch mit ihrem zweiten Roman ein in sich stimmiger Wurf gelungen, der mit der Strahlkraft seiner Bilder und einer erzählerischen Souveränität überzeugt.

Markéta Pilátová „Mein Lieblingsbuch“, aus dem Tschechischen von Julia Koudela-Hansen-Löve und Christa Rothmeier, Braumüller Verlag, Wien 2012, 399 Seiten, 22,90 Euro, ISBN 978-3-99200-075-3



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