Mythologische Bilderwelten

Mythologische Bilderwelten

Im Schwarzenberg-Palais zeigt die Nationalgalerie Auszüge von Johann Wilhelm Baurs „Metamorphosen“

27. 11. 2013 - Text: Vanessa WeissText: Vanessa Weiss; Bild: NG

 

Antike Mythen beflügelten seit der Renaissance die Phantasie zahlreicher europäischer Literaten und bildender Künstler. Eine der wichtigsten Inspirationsquellen lieferte der römische Dichter Ovid mit seinen „Metamorphosen“, die sich mit der Entstehung und der Geschichte der Welt befassen. Ovid erzählt sie in 15 Büchern mit über 200 römischen und griechischen Göttersagen. Sein Werk wurde in der Epoche nach der „Wiedergeburt“ der Antike bis in den Barock und die Neuzeit hinein zur „Bibel der Maler“. Als eine der bekanntesten grafischen Interpretationen derer gilt die des deutschen Miniaturmalers und Radierers Johann Wilhelm Baur. 19 seiner 150 Metamorphosen-Radierungen werden zurzeit im Grafikkabinett des Schwarzenberg-Palais gezeigt.

Das, was die Radierungen Baurs so interessant macht, sind neben dem mythologischen Stoff die atemberaubende Genauigkeit und Dynamik seiner zeichnerischen Linienführung. Das eine Mal lässt er eine bedrohliche und düstere Wolkenspirale heranschwellen, wenn die römische Göttin Proserpina den Unterweltsdämon Askalaphos in eine Eule verwandelt. An anderer Stelle erschafft er eine dicht bewachsene Waldidylle, die sich nur einmal kurz lichtet, um den Blick auf den selbstverliebten Jüngling Narziss freizugeben. Stets verstand es Baur meisterlich, eine außergewöhnliche szenische Dynamik zu erzeugen.

Gute Schau mit Defiziten
Die Exponate erlauben einen spannenden Einblick in barocke Vorstellungen über antike Göttersagen. Einige davon gehören zum Allgemeinwissen wie die Geschichte des König Midas und seiner Fähigkeit, alles in Gold zu verwandeln. Sie ermöglichen aber auch den Zugang zu Mythen, die der breiten Masse eher unbekannt sein dürften, wie die Geschichte der römischen Göttin Latona, die auf ihrer Flucht vor Hera auf einige Bauern trifft und diese in Frösche verwandelt. Und das nur, weil sie ihr verboten, aus ihrem See zu trinken. Schade ist allerdings, dass es die Kuratoren der Schau nicht für nötig hielten, zu den Exponaten einige Sätze der Erläuterung mythologischer Hintergründe anzufügen. Entschädigt wird man in dieser intimen Schau mit Originalen der ersten Edition von Baurs Metamorphosen. Sie werden ergänzt durch später produzierte Kopien.

Sich in diese Götterwelten entführen zu lassen, gestaltet sich nicht immer einfach. Das Anordnungskonzept der Ausstellung erweist sich vor allem für Menschen mit Sehschwäche als wenig durchdacht. Bestimmte Exemplare sind leider nur von einiger Entfernung zu betrachten. Diese kleine aber feine Schau hätte ein besseres Gestaltungskonzept nicht zuletzt aufgrund der kunsthistorischen Bedeutung von Baurs Werk verdient gehabt.

Johann Wilhelm Baur (1607–1642): Metamorphosen. Schwarzenberský palác (Hradčanské náměstí 2, Prag 1), geöffnet: täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 150 CZK (ermäßigt 80 CZK), bis 12. Januar