Mein Vater (und) Klaus

Mein Vater (und) Klaus

Martin Pánek ist jung und liebt die Freiheit. Um sie zu verteidigen macht er Politik – für eine Partei, die gemeinhin als populistisch und radikal gilt

4. 12. 2013 - Text: Klára BulantováText: Klára Bulantová; Foto: Martin Pánek

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Mit seinen 26 Jahren hat Martin Pánek schon einiges zu Wege gebracht. Seine Bachelorarbeit, eine Kritik an der Fairtrade-Bewegung, wurde von einem deutschen Verlag herausgegeben. Reisenotizen von seinem Studienaufenthalt in China hat er unter dem Titel „Kompletní slepice“ („Das komplette Huhn“) herausgegeben. Seine Beine haben ihn über mehrere Marathons, Halbmarathons und Triathlons getragen. Sein Studium an der Prager Wirtschaftsuniversität VŠE schloss er als Diplom-Volkswirt ab, und als einziger Tscheche absolvierte er in diesem Jahr ein halbjähriges Praktikum beim Cato-Institut, einer neoliberalen Denkfabrik in Washington.

Und das Wichtigste fehlt noch: Mit vollem Einsatz widmet sich Pánek der Arbeit im zweithöchsten Gremium der Partei „Strana svobodných občanů“, der „Freiheitlichen“, wie sich die Partei auch nennt. Bei den Parlamentswahlen im Oktober führte Pánek die Liste seiner Partei im Kreis Pardubice an – sein Vater Jiří Pánek stand auf Platz 1 der Liste im Kreis Hradec Králové. Die „Freiheitlichen“ scheiterten mit 2,46 Prozent beim erneuten Versuch, ins Parlament einzuziehen.

Mit den schwarzen Streifen auf dem grauen Hemd wirkt Martin Pánek noch schlanker, als er es sowieso schon ist, die dunklen Haare trägt er kurz. Immer, wenn er etwas absurd findet, verdreht er die Augen und schüttelt den Kopf. Das passiert relativ oft, zum Beispiel wenn er vor dem Rechner sitzt und das Monitorlicht sein kantiges Gesicht anstrahlt.

Pánek ist in seiner Partei vor allem für die Kommunikation mit den Wählern in den sozialen Netzwerken zuständig. Stolz erzählt er von seinem „größten Erfolg“ des zurückliegenden Wahlkampfs: Er übernahm den Hashtag „#Volím_pravici“ („#Ich_wähle_rechts“) von den ODS-Wahlplakaten und legte die Internetseite „volimpravici.cz“ an, diese leitete die User dann auf die Webseite der „Freiheitlichen“ weiter.

Er selbst tritt im Internet als „@mmister“ in Erscheinung – und das rasant. Seine Twitter-Antwort, mit der er Andrej Babiš abfertigte, war in der Netz­gemeinde ein Hit. Der Milliardär und Chef der ANO-Partei berichtete auf Twitter, wie er im Wahlkampf in der Metro Berliner verteilte. „Um sieben sind die Leute am meisten angepisst“, zwitscherte Babiš. Páneks Antwort: „Ich wäre auch angepisst, wenn ich schon ab sieben Uhr früh Geld verdienen müsste, um einen Stasi-Spitzel zu subventionieren.“ (Andrej Babiš wird beschuldigt, Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes StB gewesen zu sein. Er selbst leugnet dies; Anm. d. Red.)

Mit Vorliebe zitiert Pánek Margaret Thatcher, derzufolge jemand, der sein Gegenüber persönlich angreift, ledlich mit den politischen Argumenten am Ende ist. Ein Politiker sollte nicht beleidigt sein. „Zumindest wenn er nicht im Europäischen Parlament sitzt. Dort bekommt sowieso keiner was von ihm mit, weshalb ihn auch keiner beleidigt“, spottet Pánek und nippt an seinem Café Americano.

Brüsseler Hirngespinste
„Man muss ironisch und sarkastisch sein, damit die Leute einem Politiker zuhören. Aber was man hier bei uns in der Politik erlebt, ist keine Ironie, das sind Beleidigungen und Beschimpfungen auf niedrigem Niveau“, versucht Pánek den Unterschied zwischen einem klugen Witz und politischer Unkultur zu erklären.

Das Schlimmste ist für ihn aber übertriebene politische Korrektheit. Häufigste Zielscheibe seines Spottes sind deshalb auch die „Gutmenschen“ und „Berufsbetroffenen“. Leute, die von der konkreten Sache nicht betroffen sind, aber ständig lautstark gegen jeden vorgehen, der unangemessene Wörter in den Mund nimmt.

Neben der politischen Korrektheit ist ihm auch die Frauenquote ein Dorn im Auge – ein weiteres „Brüsseler Hirngespinst“, wie er sagt. Aus der Perspektive des Arbeitgebers sei es doch natürlich, dass Frauen ein niedrigeres Gehalt als Männer bekommen, so Pánek. „Man nennt das Risikoprämie. Frauen werden schwanger, und die Aufrechterhaltung ihrer Positionen bedeutet für den Arbeitgeber Mehrausgaben. Es gibt auch Studien, die belegen, dass Männer ehrgeiziger sind. Das ist ein Vorteil.“

Martin Páneks Argumentation zeigt, wie uneingeschränkt er an die Wirtschaft glaubt. Aber auch wenn er oft und vielem widerspricht, bedient er sich keiner vorgefertigten Antworten. Vielmehr argumentiert er mit einer in neoliberalen Grundsätzen verankerten Logik und kommt dadurch zu Schlussfolgerungen, die dem ideologischen Rahmen der „Freiheitlichen“ entsprechen. Aber Vereinfachungen und Beleidigungen können sich bei Pánek schon mal einschleichen.

Entwurzelte Konservative
Als Gymnasiast unterstützte er noch den Beitritt Tschechiens zur Europäischen Union. In seiner Familie galt die ODS schon immer als vorbildliche konservative Partei und Václav Klaus als über jeden Zweifel erhabener Politiker. Der tschechische Ex-Präsident und der Vater von Martin Pánek waren die beiden Personen, die den größten politischen Einfluss auf ihn hatten. Martins Vater ist seit 89 politisch aktiv. Damals wurde er Mitglied des Bürgerforums. Sein Sohn hat ihn später zu den „Freiheitlichen“ gebracht. In den Augen von Martin Pánek ist das die einzige, wirklich konservative Partei in Tschechien. „Nachdem Klaus die ODS verlassen hatte, entfernte sich die Partei vollkommen von ihren ursprünglichen Wurzeln. Das ist heute keine konservative Partei mehr“, beklagt er.

Sein politisches Engagement begreift er als natürlichen Bestandteil seines Lebens. Ihm gefällt auch, dass die „Freiheitlichen“ als „Anti-Establishment-Partei“ gelten.

Den Gründer der Partei, Petr Mach, sowie dessen politische Einstellung, kannte er schon lange. Als Mach 2009 die Partei gründete, zögerte er nicht lange. Er legte für die „Freiheitlichen“ ein Facebook-Profil an und wurde Mitglied.

Den Begriff Freiheit hat Páneks „Partei der freien Bürger“ für sich klar definiert: Sie vertreten die Freiheit des Einzelnen und richten sich gegen die als unnütz und überflüssig kritisierten Vorschriften aus der Feder von tschechischen und europäischen Volksvertretern. Martin Pánek ist überzeugt, dass jeder selbst am besten weiß, was er braucht.

Dieser Wunsch, die Menschen von den Fesseln der Obrigkeit zu befreien, löst Kontroversen aus. Etwa bei sensiblen Themen wie Kinderadoption durch Homosexuelle oder gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Die „Freiheitlichen“ sind dagegen. Eigenen Angaben zufolge allerdings nicht, weil sie etwas gegen Homosexuelle haben, sondern weil der Staat überhaupt nicht in den Bereich von Ehe und Partnerschaften eingreifen sollte.

Páneks Partei wird oft als populistisch und homophob kritisiert. Er selbst entgegnet darauf Folgendes: „Wir sind noch nicht so bekannt, deshalb verwechseln uns die Menschen oft mit schrägen Individuen, die ich lieber gar nicht nennen werde.“

Sein aktives politisches Engagement muss nicht ewig währen, räumt Martin Pánek ein. „Wenn mir die Arbeit oder andere Dinge nicht genug Zeit lassen, um weiter in der Parteispitze aktiv zu sein, werde ich wohl nur noch einfaches Mitglied sein. Aber solange es möglich ist und niemand anderes für unsere Interessen kämpft, muss die Arbeit gemacht werden!“

Aus dem Tschechischen übersetzt von Ivan Dramlitsch.

Politiker genießen in Tschechien weniger Ansehen als Putzfrauen – zumindest behaupten das Meinungsforscher. Die Parteien wiederum beklagen einen eklatanten Mangel an Nachwuchs. Doch es gibt sie, die Jungen, die Hoffnungsträger der tschechischen Politik. Die „Prager Zeitung“ stellt sie vor – in einer Porträtreihe, die in Zusammenarbeit mit „jádu“, dem jungen Online-Magazin des Goethe-Instituts Prag, entsteht.