Königliche Tropfen

Königliche Tropfen

Der Winzer Pavel Bulánek ist für den Weinberg im Havlíček-Park verantwortlich. Ein Besuch

14. 9. 2016 - Text: Jan Nechanický

Pavel Bulánek redet sehr schnell. Kurz vor der Ernte hat er keine Zeit zu verlieren. Manchmal muss er zwölf bis 16 Stunden am Tag arbeiten, um den Weinberg im Prager Stadtteil „Vinohrady“ in Betrieb zu halten. „Královské Vinohrady“ – die Königliche Weinberge heißt das Stadtviertel. Bereits im 14. Jahrhundert ließ Karl IV. an dieser Stelle Wein anbauen. Bulánek setzt die Tradition heute fort.

Er ist einer von zwei festen Mitarbeitern, die sich um das kleine Weingut im Havlíček-Park (unter Einheimischen als „Grébovka“ bekannt) kümmern. Und damit einer der wenigen Winzer in der Hauptstadt. In Modřany und Troja stehen weitere Weinberge. In letzterem hat Bulánek sein Handwerk erlernt. Der Schwieger­vater verwaltete damals das Weingut in Troja. Im Jahr 1993 wurde er mit dem Wiederaufbau des Weinbergs im Grébovka-Park beauftragt. Die gesamte Anlage sowie der Weinberg waren während des Sozialismus stark herunter­gekommen. In den achtziger Jahren entstand eine Schrebergartenkolonie. Jeder hat dort das angepflanzt, was er gerade brauchte. So wuchsen Tomaten, Gurken, Paprika oder Pfirsiche – aber keine Weinstöcke. 1991 wurde die Kolonie aufgelöst. Bis Ende der neunziger Jahre entstand ein neuer Weinberg.

Als 2011 sein Schwiegervater starb, übernahm Buláneks Frau die Verantwortung. Heute ist er der offizielle Winzer des Weinguts und gleichzeitig Angesteller der Stadt, nicht aber Besitzer. Mit einem Kollegen kümmert er sich ganzjährig um die rund 1,6 Hektar. Über seinen Arbeitgeber kann er sich nicht beschweren. „Die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut. Die Stadt hat Interesse daran, den Weinberg zu erhalten“, erklärt Bulánek.

Ein Weinberg mitten in der Stadt ist etwas Besonderes für den Winzer.

Der 42-Jährige produziert rund 6.500 bis 7.000 Liter pro Jahr. Seit 2009 wird alles, was am Weinberg geerntet wird, direkt vor Ort verarbeitet. Dass ein die Anlage mitten in der Stadt eine Besonderheit darstellt, dessen ist sich Bulánek bewusst – und ausgesprochen stolz darauf, dort arbeiten zu dürfen. Die klimatischen Bedingungen sind besser als man denkt. Tschechien gehöre zwar zu den nördlichsten Anbaugebieten, doch nahe der Talsohle von Vršovice sei es stets vier bis fünf Grad wärmer als in der Umgebung von Prag, so Bulánek. Dank der dichten Häuserreihen um den Park herum staut sich die Hitze auf. Darüber hinaus liegt der Weinberg fast komplett auf einem Südhang.

Trotzdem hat Bulánek Respekt vor Wetterkapriolen. „Landwirtschaft war schon immer eine Lotterie“, so der Winzer. Man wisse nie, ob Hagel, Frühlingsfrost oder ein extrem trockener Sommer kommen. Inzwischen denkt er über eine teilweise Neubepflanzung nach, denn bestimmte Rebstöcke können nicht länger als 25 Jahre Trauben tragen. Dabei will Bulánek vor allem auf resistentere Sorten umsteigen, damit er ohne Chemie auskommt.

Zurzeit baut Bulánek die für Tschechien typischen Sorten Müller-Thurgau, Graubur­gunder, Riesling und Hibernal an. Letztere ist eine international wenig bekannte, aus Riesling gezüchtete schädlings- und pilzresistente Rebe. Der Rotwein bildet eher eine Ergänzung des Sortiments und wird auf lediglich 15 Prozent der Fläche angebaut. Im Weinkeller findet man Dornfelder, Spätburg­under und eine kleine Menge „Neronet“. Die in Mähren gezüchtete Weinsorte wurde unter anderem aus ästhetischen Gründen gepflanzt. Bis in den späten Herbst färben ihre Blätter den Hang dunkelrot.

Wer den Wein probieren möchte, muss sich in den Grébovka-Park begeben. Denn nur dort, am östlichen Ende der Anlage, wird er verkostet und vertrieben. Ein kleiner Teil der Produktion wird an die Park-Vinothek unterhalb der Gröber-Villa verkauft. Der Weinkeller ist nur am Freitagnachmittag geöffnet.

Obwohl einheimischer Wein hierzulande boomt und auch die Liebhaber-Szene in Prag wächst: Einen Mitarbeiter, der so viel Begeisterung für den Knochenjob mitbringt und ihm einst als Winzer nachfolgen könnte, hat Bulánek bisher nicht gefunden. Ein Weingut nehme sehr viel Zeit in Anspruch und die meisten Praktikanten gäben früh auf. Ge­arbeitet wird normalerweise ab sieben Uhr morgens, im Sommer ab sechs, wenn es sehr heiß ist, schon ab fünf. „Man braucht viel Disziplin und Durchhaltevermögen“, sagt Bulánek und drängt auf ein Ende des Gesprächs. Die Arbeit ruft, auch bei drückend-schwülen 30 Grad und kräftiger Mittagssonne. Sie wird ihm in den nächsten Tagen und Wochen nicht ausgehen, ganz im Gegenteil.

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