Kein Wald für Polen

Kein Wald für Polen

Tschechien schuldet seinem Nachbarn etwa 400 Hektar Land

16. 12. 2015 - Text: Corinna AntonText: ca/čtk; Foto: Jiří Brožovský/CC BY 2.0

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Es geht um ganze 368 Hektar Tschechien. Das sind etwas mehr als 500 Fußballfelder, auf die Polen Anspruch erhebt. Ein Teil davon – 52 Hektar Wald – gehört bisher zu Chrastava, einer Stadt mit 6.000 Einwohnern im Kreis Liberec. Aber die will sie nicht rausrücken. Doch wie kommt es, dass Tschechien seinem Nachbarstaat Land schuldet?

Der Streit begann bereits im Jahr 1918. Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns erhoben die neu gegründete Tschechoslowakei und Polen Ansprüche in der Grenzregion Těšínsko (Teschener Schlesien). Erst 1958 unterzeichneten beide Parteien schließlich einen internationalen Vertrag, der zur Lösung des Konflikts führen sollte. Er verkürzte die Grenze um 80 Kilometer und verschob sie ein wenig – an 85 Orten zählten Grundstücke polnischer Eigentümer plötzlich zur Tschechoslowakei oder umgekehrt. Obwohl Verluste damals angeblich ausgeglichen wurden, rechnete Polen später aus, dass es 368 Hektar verloren habe. Nach 1989 entbrannte der Streit erneut. Seit mehr als 20 Jahren versuchen nun tschechische Regierungen, die Grundstücksschulden zu lösen.

Lukratives Jagdrevier
Das Innenministerium war auch fast schon so weit, den Nachbarn 368 Hektar Ausgleichsfläche anzubieten. Dann kam jedoch die Kirchenrestitution dazwischen, es musste erneut nach Grundstücken gesucht werden, die ohne Probleme polnisch werden könnten. Eines davon ist nun der Wald bei Chrastava. Dort ist man von der Idee des Ministeriums aber alles andere als begeistert. „Wie die Karten zeigen, war das gesamte Gebiet des heutigen Chrastava einschließlich des betroffenen Waldes mindestens seit dem elften Jahrhundert Teil der böhmischen Länder“, argumentiert Michael Canov, Bürgermeister von Chrastava.

Das sehen auch die Stadtverordneten so, die den Vorschlag des Innenministeriums am Montag einstimmig ablehnten. Canov will sich zudem an Präsident Miloš Zeman, Premier Bohuslav Sobotka (ČSSD) und die Vorsitzenden der beiden Parlamentskammern wenden. Wenn alles nichts hilft, ist er auch bereit, vor Gericht zu ziehen.

Unterstützung bekommen die Lokalpolitiker von den betroffenen Anwohnern der zu Chrastava gehörenden Ansiedlung Vítkov. Niemand sei mit dem Plan des Ministeriums einverstanden, erklärte der Vorsitzende des Siedlungsausschusses Miroslav Balcar. Er verweist auf die Quellen in dem Waldstück, außerdem sei das Gebiet auch für die örtlichen Jäger wichtig. „Das ist einer der lukrativsten Orte in unserem Jagdrevier“, so Balcar.

Canov beruft sich auch auf den Vertrag von 1958. Demzufolge sei der Verlauf der Grenze endgültig und es bestünden keine Gebietsansprüche. Das Innenministerium dagegen verweist auf ein Abkommen, das der damalige Außenminister Jiří Dienstbier und sein polnischer Amtskollege Krzysztof Skubiszewski 1992 unterzeichneten. Darin sei von Gebietsausgleich die Rede.

Das Ministerium will sich bisher noch nicht zu konkreten Grundstücken äußern, die vom Ausgleich betroffen sein könnten. Es wartet nun auf die Stellungnahmen der Städte und Gemeinden. Chrastava hat etwa eine Woche Zeit bekommen, der Bürgermeister will dem Ministerium allerdings umgehend mitteilen, was er und seine Kollegen von der Idee halten.

Sollten die Bedenken der Anwohner nicht erhört werden, müsste letztendlich die Regierung entscheiden, welche Gebiete an Polen übergeben werden. Im Kreis Liberec könnten neben Chrastava auch Bulovka, Horní Řasnice und Heřmanice betroffen sein.