Im Steigflug

Im Steigflug

Tschechiens Flugzeugindustrie erweist sich als krisenfest

22. 5. 2013 - Text: Friedrich GoedekingText: Gerit Schulze; Foto: Efx/flickr.com

Anzeige

 

In der tschechischen Flugzeugindustrie ist von der aktuellen Wirtschaftskrise nicht viel zu spüren. Sie vermeldet ständig neue Großaufträge von internationalen Herstellern und investiert stark in Forschung und Entwicklung. Die Mitgliedsunternehmen des Branchenverbands SCLP haben ihren Umsatz im vergangenen Jahr um 9 Prozent gesteigert und die Exporterlöse sogar um ein Drittel ausgeweitet. „Das größte Wachstum wurde mit Komponenten, Design- und Entwicklungsdiensten sowie Wartung und Reparaturaufträgen erzielt“, sagt Petr Řehoř, Geschäftsführer des Verbands SCLP.

In den ersten Monaten 2013 hatte sich die Flugzeugindustrie mit immer neuen Erfolgsmeldungen übertroffen. Einen Großauftrag vermeldete zum Beispiel Aero Vodochody aus Odolena Voda bei Prag. Das Unternehmen soll Rumpfteile für den Airbus A321 an den italienischen Hersteller Alenia Aermacchi liefern. Der Vertrag sieht die Fertigung von 96 Panelen pro Jahr vor und hat ein Volumen von über 3 Milliarden Kronen (umgerechnet knapp 114 Millionen Euro). Aero Vodochody ist der größte der traditionsreichen tschechischen Hersteller von Luftfahrttechnik. Seine Umsätze sind 2012 um ein Viertel auf 2,8 Milliarden Kronen gestiegen.

Aufträge aus Russland
Erste Aufträge aus dem Ausland hat zudem der Motorenbauer GE Aviation Czech eingesammelt, für den in Tschechien entwickelten Turboprop-Antrieb H80. Das Modell wurde bereits über 50 Mal verkauft. Ein Kunde ist der US-Produzent von Agrarflugzeugen Trush Aircraft. Ein weiterer Motor aus dem GE-Werk in Prag, das Modell H85, wurde Ende 2012 erstmals von der chinesischen CAIGA bestellt.

In Russland stößt das neue zweimotorige Turboprop-Flugzeug EV-55 Outback des mährischen Herstellers Evektor auf großes Interesse. Neun Maschinen wurden an die dortige AeroGeo verkauft. Inklusive der Option auf 20 weitere Flugzeuge hätte der Auftrag einen Wert von 1,2 Milliarden Kronen (fast 46 Millionen Euro). Der Flugzeugtyp passe nach Angaben des Herstellers ideal zu den russischen Plänen, die regionale Luftfahrt wieder zu reaktivieren. Für die Abnahme größerer Stückzahlen wäre aber eine lokale Produktion in Russland nötig.

Aktiv sind die Russen auch beim Hersteller Aircraft Industries. Der hat seinen Sitz wie Evektor in Kunovice. Das Dreieck Kunovice-Brünn-Zlín ist neben dem Großraum Prag der wichtigste Cluster der hiesigen Flugzeugindustrie. Hier produziert Aircraft Industries seit über 40 Jahren den zweimotorigen Schulterdecker L-410. Während sich bis 2008 die verkauften Stückzahlen bei zwei bis vier Einheiten pro Jahr einpegelten, sind sie nun wieder zweistellig. Für 2012 lag der Plan bei 16 verkauften Flugzeugen.

Weil die Maschinen ideal sind für die Weiten Sibiriens mit oft holprigen Landepisten, ist der russische Metallurgie-Konzern UGMK mit 51 Prozent bei Aircraft Industries eingestiegen. Derzeit wird das Modell für umgerechnet rund 20 Millionen Euro komplett runderneuert und soll spätestens 2015 verkaufsbereit sein. Mehr als zwei Drittel der Teile für das Flugzeug – gemessen am Wert – kommen dabei aus Tschechien. Neben Russland sind Südostasien und Indien sowie Lateinamerika und Afrika wichtige Zielmärkte.

Gute Perspektiven
Tschechiens Luftfahrtindustrie ist auch mit Nischenprodukten erfolgreich. Neben Fracht-, Sport-, Trainings- und Kampfflugzeugen werden hierzulande auch Zubehörteile wie Turbinen, Propeller, Getriebe, Schaltschränke, Räder, Filter, Ventile oder Bremsen produziert. Zudem ergattern sich tschechische Firmen mit Elektronik und Dienstleistungen im Ausland immer mehr Aufträge.

Der Verband SCLP will die Clusterbildung im Land vorantreiben und vor allem die großen Komponenten-Hersteller besser vernetzen. „Tschechien ist in der Lage, mehr Fertigungsaufträge von den führenden Flugzeugherstellern weltweit zu übernehmen“, sagt Geschäftsführer Řehoř. „Es gibt im Land hochpräzise Maschinenbauunternehmen, die über qualifizierte Fachkräfte und moderne Produktionsausrüstungen verfügen. Solche Firmen könnten in neue Luftfahrtaufträge integriert werden, wenn wir sie für die speziellen Anforderungen der Flugzeugindustrie schulen.“

Der Autor ist Tschechien-Korrespondent bei „Germany Trade and Invest – Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing“ (GTAI), eine dem deutschen Bundeswirtschaftsministerium zugeordnete Gesellschaft, die unter anderem deutsche Unternehmen über Auslandsmärkte informiert.