Im Geist der Versöhnung

Im Geist der Versöhnung

Arnold Suppan trägt mit seinem Opus magnum zu einer gemeinsamen europäischen Erinnerungskultur bei

21. 8. 2014 - Text: Josef FüllenbachText: Josef Füllenbach; Foto: ČTK

2014 erinnern wir uns an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor hundert Jahren, an den Beginn des Zweiten Weltkriegs durch den deutschen Überfall auf Polen vor 75 Jahren und an die gewaltlosen Revolutionen in Mittel- und Osteuropa vor 25 Jahren, die das Ende des Kalten Krieges und einen Neuanfang friedlichen Zusammenlebens in Europa markierten. Die beiden Weltkriege und die ihnen folgenden Nachkriegsordnungen haben die politische Landkarte Europas von Grund auf verändert, haben Länder verschwinden und entstehen lassen, Grenzen und Bevölkerungen verschoben, vor allem aber haben sie mit vielen Millionen von Toten, Verschleppten und Vertriebenen unermessliches Leid über die europäischen Völker gebracht. Und sie haben insbesondere in dem schrecklichen Jahrzehnt 1938 bis 1948 zwischen den Völkern in einem vorher nicht für möglich gehaltenen Maße Grausamkeit und Hass entfacht und zum Motor von Verbrechen und Barbarei in Europa werden lassen.

Der gelegentlich zu vernehmende Ruf nach einem „Schlussstrich“ unter die Vergangenheit verfängt nicht. Die Erfahrungen aus dem vergangenen Jahrhundert sind tief in das kollektive Gedächtnis der Völker in Europa und darüber hinaus eingeschrieben. Immer wieder, besonders in Zeiten von Krisen, treten die Erinnerungen an Fehler und Irrwege, an erlittenes und begangenes Unrecht an die Oberfläche und werden bisweilen in der politischen Auseinandersetzung instrumentalisiert. Dabei erweisen sich die Erinnerungen keineswegs als deckungsgleich, denn ebenso wie Individuen pflegen auch Kollektive im Rückblick das hervorzuheben, was die eigene Person oder Gruppe aufwertet, und zu verdrängen, was das eigene positive Selbstbild stören könnte.

Gleichwohl gibt es Schritte zu einer gemeinsamen europäischen Erinnerungskultur. Gedenktage werden schon seit Jahren von Siegern und Besiegten gemeinsam begangen. Zwischenstaatliche Historiker-Kommissionen arbeiten daran, sich wenigstens über die grundlegenden Fakten zu verständigen. Begegnungen der Menschen – individuell und in Gruppen – stellen eigene Gewissheiten in Frage und fördern das gegenseitige Verstehen. Dennoch: Die aus den jeweils von nationalen Erlebnissen, Perspektiven und Traumata genährten Narrative, Legenden und Mythen führen ein zähes Leben. Und vielfach wurde und wird „die Geschichtsschreibung … in den Dienst der Vergangenheitsbewältigung gestellt, mittels Geschichtsklitterung wurden bestimmte Bestandteile der damaligen Realität besonders hervorgehoben, andere Aspekte bewusst marginalisiert oder gänzlich verschwiegen.“

Hier setzt Arnold Suppan, Wiener Osteuropa-Historiker, bis 2011 Leiter der Historiker-Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und bis 2013 Vizepräsident der Akademie, mit seinem Monumentalwerk „Hitler – Beneš – Tito. Konflikt, Krieg und Völkermord in Ostmittel- und Südosteuropa“ an, das er im Oktober 2013 in Wien der Öffentlichkeit vorstellte. In zwei kiloschweren Bänden entfaltet er auf 1.765 Textseiten die wechselvolle Geschichte der „Konfliktgemeinschaft“ zwischen Deutschen und Österreichern einerseits sowie Tschechen, Slowaken und Südslawen andererseits. Bühne des Geschehens ist also in erster Linie das Territorium der 1918 untergegangenen Habsburgermonarchie. Ein weiterer, dritter Band enthält auf fast 300 Seiten das umfangreiche Quellen- und Literaturverzeichnis, die Register sowie einen Bild- und Kartenteil. Daraus wird deutlich, auf welch breiter Basis von Quellen und Sekundärliteratur aus allen behandelten Ländern und darüber hinaus vor allem aus deutscher, angelsächsischer und französischer Provenienz das Werk fußt. Suppan konnte neben eigenen auch auf Archivstudien seiner zahlreichen Schüler zurückgreifen, darunter auf die Arbeiten des in Brünn lehrenden und über die Fachwelt hinaus anerkannten Schweizer Historikers Adrian von Arburg.

Die Schlinge zieht sich zu
Im Zentrum der Studie stehen die nationalsozialistische Herrschaft 1938 bis 1945 in den Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie und danach ab 1945 die Geschichte von Vertreibung und Zwangsaussiedlung der Deutschen aus der Tschechoslowakei und aus Jugoslawien. Dem durch langjährige Erforschung der neueren Geschichte im ostmittel- und südosteuropäischen Raum ausgewiesenen Kenner der deutsch-slawischen „Konfliktgeschichte“ war dabei klar, dass eine Antwort auf die Frage, wie und warum schließlich das jahrhundertelange Mit- und Nebeneinander von Deutschen und Slawen ein so jähes und schreckliches Ende gefunden hat, weiter zurückgreifen muss. Daher lässt Suppan seine Erzählung nach einem einleitenden Überblick über den Forschungsstand und drei Porträtskizzen der „Titelhelden“ mit den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts beginnen. Denn in jenen Jahren ist der Beginn des „modernen tschechisch-deutschen Nationalitätenkonflikts“ anzusetzen, der sich in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg immer mehr zuspitzte. Aber erst im Verlauf des „Großen Krieges“ eskalierten die Spannungen auf einer neuen Ebene, angefacht auch von zahlreichen Prozessen und Verurteilungen tschechischer Politiker und Aktivisten durch die österreichische Justiz.

Die von Masaryk und Beneš den Alliierten 1918 teils trickreich abgerungene Neugründung der Tschechoslowakei stand von Beginn an unter keinem guten Stern. Die Anwendung des Selbstbestimmungsrechts und die gleichzeitige Durchsetzung der historischen Grenzen hatten zur Folge, dass der neue Staat mit 3,5 Millionen Deutschen eine starke Minderheit verkraften musste, die ihn anfangs vehement ablehnte und später nur zögernd und auch nur teilweise zu einer positiveren Einstellung fand. Mit großer Eindringlichkeit schildert Suppan, wie sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Berlin in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre die Schlinge um die Tschechoslowakei unter kräftiger Mithilfe von Henleins Sudetendeutscher Partei allmählich zuzog. Der Einmarsch der Nazis in Prag und die Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren „war tatsächlich der erste Schritt zur Erfüllung des langgehegten NS-Programms der Eroberung eines neuen ‚Lebensraums’ für Deutsche in Ostmittel- und Osteuropa“. Die „geradezu perfide durchgeführte Besatzungspolitik im Protektorat“ und dann vor allem das monströse Verbrechen der brutalen Auslöschung der Orte Lidice und Ležáky als Vergeltung für das Attentat auf Heydrich schufen die entscheidenden Voraussetzungen für den Bruch zwischen Tschechen und Deutschen.

Rache und Vergeltung schlugen mit dem Ende des Krieges auf alle Deutschen in der Tschechoslowakei und in Jugoslawien unterschiedslos zurück. Suppan zeichnet im Einzelnen nach, wie die Vertreibung der Sudeten- und Karpatendeutschen unter Führung des Exilpräsidenten Beneš von langer Hand geplant wurde und wie er Schritt für Schritt die Alliierten für die Unterstützung seiner Pläne zum „Abschub“ nahezu aller Deutschen gewann. Schon im Juli 1942 – nach den SS-Verbrechen im Rahmen der „Heydrichiade“ – habe Beneš von den Briten die geheime Zustimmung zum allgemeinen Prinzip des Transfers der deutschen Bevölkerung erhalten; danach stimmten 1943 auch Washington und Moskau dem Vorhaben zu, möglichst homogene Nationalstaaten zu schaffen, um die Minderheitenprobleme in Ostmittel- und Südosteuropa dauerhaft zu lösen.

Von den unmittelbar mit dem Kriegsende einsetzenden „wilden Vertreibungen“ waren nach Suppan die wenigsten Aktionen tatsächlich spontane Racheakte. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die „Partisanen“ und „Revolutionsgarden“ überzeugt sein konnten, durchaus im Sinne der neuen Führung in Prag zu handeln, als sie ab Mai 1945 in zahlreichen Städten und Dörfern mit gewalttätigen Exzessen Angst und Schrecken unter den Deutschen verbreiteten, Massaker inszenierten und Todesmärsche organisierten. Mit zahlreichen ausführlichen Zitaten aus Radiobotschaften und Reden von Beneš und anderen Repräsentanten der Staatsführung belegt der Autor, dass diese nicht auf die Zusicherungen der Alliierten vertrauen wollten und es deshalb als erforderlich ansahen, „sofort in den ersten Tagen der Befreiung vieles selbst (zu) erledigen“. Daher sieht er zwar eine „grundsätzliche Mitverantwortung der westlichen Alliierten – vor allem auch mit Blick auf Potsdam – als unbestreitbar an, aber er verortet „die politische Hauptverantwortung für die Vertreibungen und Aussiedlungen doch bei den führenden Exil-, Widerstands- und Nachkriegspolitikern“.

Nachvollziehbare Wertungen
Suppan präsentiert mit seinem Opus magnum – das man auch als die Summe seiner Forschungen betrachten kann – weniger eine grundlegende Neuinterpretation der „Konfliktgeschichte“ im geographischen Raum des ehemaligen Habsburgerreichs als vielmehr eine immense Fülle von sorgfältig belegten Fakten, Abläufen und Hintergrundinformationen in ihrem geschichtlichen Kontext. Gleichwohl hält er mit eigenen Urteilen nicht zurück, die freilich für den Leser im Zusammenhang der großen Erzählung stets nachvollziehbar sind und nie als simplifizierende Parolen oder gar mit moralischer Überheblichkeit einseitiger Schuldzuweisung daherkommen, wie es bei dieser Thematik häufig geschieht. Damit liefert er eine solide Grundlage dafür, sein wichtigstes Anliegen zu erreichen, nämlich über „eine gemeinsame, vom europäischen Geist der Versöhnung getragene Aufarbeitung der Vergangenheit … zur Entwicklung einer gemeinsamen europäischen Erinnerungskultur“ beizutragen.

Der Weg dahin ist freilich noch steinig und steil. Suppan beklagt, dass die tschechischen Präsidenten Václav Klaus und Miloš Zeman hinter die Einsichten ihres Vorgängers Václav Havel zurückgefallen sind. Als im Frühjahr 2004 das Festhalten an den Beneš-Dekreten im Vorfeld des tschechischen EU-Beitritts zu einem europäischen Diskussionsthema wurde, verabschiedete das Prager Parlament in einer Art Trotzreaktion ein Gesetz mit dem einzigen Satz: „Edvard Beneš hat sich um den Staat verdient gemacht.“ Und dass der letzte Präsidentschaftswahlkampf noch einmal demons­trierte, wie leicht die Ängste der Volksseele vor angeblichem deutschen Revanchismus zu mobilisieren sind, ist noch in frischer Erinnerung.

Suppan hat die Ergebnisse seiner Arbeit im Dezember 2013 an der Prager Karls-Universität und im März 2014 an der Palacký-Universität in Olmütz vorgetragen. Es fällt jedoch auf, dass sein Werk bislang in der tschechischen Öffentlichkeit keine breitere Resonanz gefunden hat. Ganz anders das vor fünf Jahren veröffentlichte Buch der britischen Historikerin Mary Heimann „Czechoslovakia: The State That Failed“, das in den tschechischen Medien sogleich eine lebhafte Reaktion mit überwiegend negativen Reaktionen auslöste. Nun, es fiel ziemlich leicht, sich an diesem Buch abzureagieren, denn Heimanns Versuch, die Geschichte der Tschechoslowakei von 1918 bis zur Samtenen Revolution umzuschreiben, war in vieler Hinsicht mangelhaft.

Es wäre Suppans beeindruckender Synthese zu wünschen, dass sie in Tschechien bald eine ernsthafte Rezeption fände. Der aus Prager Sicht provozierende Titel des Buches, der Beneš neben Hitler stellt, sollte nicht davon abschrecken. Es ist ja nicht das erste Mal, dass zwischen diesen beiden Politikern einer unseligen Zeit Parallelen gezogen werden. Auch Jiří Gruša, der ehemalige tschechische Botschafter in Bonn und Wien, hat dies 2011 in seinem klugen Essay „Beneš als Österreicher“ getan, ebenfalls ohne zwischen beide ein Gleichheitszeichen zu setzen.

Suppan zitiert im letzten Abschnitt seiner Arbeit die deutsche Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, die sich intensiv mit den Fragen kollektiver Erinnerung befasst hat: „Die Erinnerung an ein begangenes Unrecht und die öffentliche Anerkennung der Opfer ist der Lackmustest für die innere Verwandlung eines Staates (Suppan ergänzt: und seiner Gesellschaft); sie ist das notwendige Zeichen der Aufkündigung schlechter historischer Kontinuitäten.“ In ähnlichem Sinne zitiert der im Sudetenland geborene SPD-Politiker Peter Glotz in seinem Buch „Die Vertreibung. Böhmen als Lehrstück“ den Philosophen Erazim Kohák: „Was eine humane zivilisierte Nation von einer barbarischen unterscheidet, ist nicht ihre Schuldlosigkeit, sondern ihr Umgang mit den Schattenseiten und problematischen Aspekten der Geschichte.“

Arnold Suppan: Hitler – Beneš – Tito. Konflikt, Krieg und Völkermord in Ostmittel- und Südosteuropa. 3 Bände, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2014, 2.068 Seiten, 148 Euro

Kommentare

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  1. Josef, I have no comments to make on your book review. But a prompt from Karen Fogg made me do a search and found this and a more recent article on a commentary on the current Czech politicians. You should have seen the production of Smetana’s Libuse at the Janacek Festival in Brno in ;late 2018 with all the caricatures of 20th century politicians including Zeman who came in for some considerable mockery. As did Klaus trying to steal the limelight,including conducting the orchestra. Do get in touch as I spend a great deal of time in CZ ( not Czechia!!) The email address above is the easiest way. Good to see your commentaries! David





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