Interview

„Havel hätte eine Diskussion gefordert“

„Havel hätte eine Diskussion gefordert“

Diplomat und Philosoph Martin Palouš über den Ausweg aus der europäischen Krise

8. 10. 2012 - Interview: Martin Nejezchleba, Foto: MZV

Martin Palouš stand jahrzehntelang an Havels Seite. Als einer der ersten unterzeichnete er die Charta 77, später wurde er ihr Sprecher. Der Soziologe und Philosoph war fünf Jahre als tschechischer Botschafter in den USA, danach Gesandter bei den Vereinten Nationen in New York. Seit zwei Jahren ist er an der Václav-Havel-Bibliothek tätig. In Straßburg wohnte er am Dienstag der Enthüllung der Havel-Büste im Europäischen Rat bei (auf dem Foto links) und sprach im Anschluss mit PZ-Redakteur Martin Nejezchleba über Havel und Europa.

Sie waren heute vor Ort, als die Büste des verstorbenen Präsidenten Václav Havel enthüllt wurde. Aus welchen Gründen hat sich die Havel-Bibliothek für die Errichtung des Denkmals eingesetzt?
Palouš: Die Initiative ging eher vom Europarat aus. Dort ist man überzeugt davon, dass Havel eine wichtige Inspiration für all das darstellt, was der Europäische Rat vertritt, sei es im Bereich Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit oder Demokratie.

Die EU befindet sich momentan in der tiefsten Krise seit ihrem Bestehen. Und das nicht nur aus finanzpolitischer, sondern auch aus ideologischer Sicht. Havel hat die Anfänge dieser Krise selbst miterlebt. Hat er in seinen Schriften einen Ausweg aufgezeigt?
Palouš: Ich kann nur schwer für Havel sprechen. Ich kann nur versuchen, Gedanken, die er geäußert hat, weiter zu entfalten. Zunächst stellt sich mir die Frage, ob es sich wirklich um die schlimmste Krise handelt. Grund für die Krise jedoch ist die Tatsache, dass sich alle Länder und Kontinente auf so etwas wie einem Scheideweg befinden. Wir haben das 20. Jahrhundert hinter uns gelassen, die bipolare Weltordnung und das geteilte Europa sind Geschichte. Europa befindet sich in einer Übergangsphase und seine Institutionen müssen sich den Problemen der europäischen Integration stellen, nach Lösungen suchen. Ich denke, dass Präsident Havel lautstark nach einem grundsätzlichen europäischen Dialog rufen würde. Und danach, dass dieser Dialog auch die Zivilgesellschaft und die jungen Europäer einbeziehen und nicht nur auf der Ebene von Beamten und Mandatsträgern ausgetragen werden sollte. Havel würde fordern, dass wir uns mit dem Kern des Problems auseinandersetzen. Ich denke, dass es keine Alternative zur europäischen Integration gibt. Wir brauchen aber eine tiefgreifende Reflexion und nach dieser würde Václav Havel rufen.

Kommissionspräsident Barroso hat unlängst nach weiteren Schritten hin zu einem föderativen Europa gerufen. Im Juni haben Sie in Prag eine Konferenz zu diesem Thema organisiert. Wie war Havels Einstellung zu einem föderalistischen Europa?
Palouš: Ich denke, dass Havel in seinen Aussagen zum Thema recht zurückhaltend war. Er war sicherlich ein überzeugter Europäer. Um es anders herum zu sagen, er hätte sicher alles dafür getan, dass Europa nicht zerbricht. In zahlreichen Reden hat sich Havel intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie das Problem zu lösen sei, dass in Europa weiterhin nationalstaatliche Interessen mit den sogenannten supranationalen konkurrieren. Ich denke, dass Havel als kreativer Mensch eine kreative Lösung suchen würde. Er würde sich nicht in eine Schublade als Föderalist oder Anti-Föderalist stecken lassen und vielmehr den Konsens zwischen den Lagern, die gemeinsamen Interessen suchen.

Einleitend zur Konferenz „Föderalismus und Europa“ haben Sie dazu aufgefordert, dass Europa sich Gedanken über seine Wahrnehmung von außen machen sollte. Wie könnte denn die EU ihr Image beispielsweise in Tschechien verbessern?
Palouš: Die Institutionen der EU sollten darum bemüht sein, ein Europa der Europäer zu werden. Von außen – beispielsweise bei der UN – weiß man oft nicht, mit wem man in Europa über konkrete Fragestellungen verhandeln soll. Anstatt also nach außen und innen verständlich zu sein, erinnert die EU oftmals an Kafkas Schloss. Keiner weiß so recht, was Europa eigentlich ist. Und das führt mich zurück zu Havel: Er hat immer nach einer verständlichen und kurzen europäischen Verfassung gerufen. Im heutigen System hundertseitiger Vertragsnovellen findet sich auch ein Experte nicht zurecht.

Während Ihrer Zeit als Botschafter in den USA hat sich Präsident Havel in der Frage der kriegerischen Intervention im Irak auf die Seite der USA und gegen die Verbündeten im sogenannten alten Europa gestellt. Steht dieser Schritt nicht im Widerspruch zu den europäischen Visionen Havels?
Palouš: Seine Vision für Europa war an sich durch Spannungen geprägt. Und wie in allem muss man versuchen, diese Widersprüche zu versöhnen. Es ist klar, dass in der Entscheidung über den Eingriff im Irak aufgrund unzulänglicher Informationen entschieden wurde. Das Wichtige ist doch aber, dass man aus der Vergangenheit lernt. Der außenpolitische Berater des Premiers Roman Joch (am Tag des Interviews wurde Joch aus seiner Funktion entlassen, nachdem er Präsident Klaus kritisiert hatte, Anm. der Red.) hat bezüglich des tschechischen Standpunktes vier Möglichkeiten aufgeworfen: Die isolationistische, die transatlantische, die europäische und dann die vierte, zu der er selbst und bislang alle Regierungen sich bekannt haben, der sogenannte Havelsche Konsens. Der besteht in der Suche nach einem Kompromiss zwischen der transatlantischen Verbindung zu Amerika und der zu Europa. Ich denke, dass dies auch heute noch gilt und die damalige Entscheidung für die amerikanische Linie von dieser Perspektive aus betrachten werden sollte.



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