„Fürchtet euch nicht“
Musik

„Fürchtet euch nicht“

Weihnachtszeit - Liederzeit. Auch „Kommet, ihr Hirten“ wird an Heiligabend oft gesungen. Komponiert wurde das Lied vermutlich in Böhmen

23. 12. 2019 - Text: Klaus Hanisch, Titelbild: Gerard van Honthorst - Anbetung der Hirten (Detail, um 1622)

Das bekannteste Lied zur Weihnachtszeit? In den USA sehr wahrscheinlich „White Christmas“, der meistverkaufte Weihnachtssong überhaupt. Und in Deutschland fraglos „Stille Nacht, heilige Nacht“, sogar weltweit die populärste Nummer. Dieses Lied stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert. Weniger verbreitet, dafür aber deutlich älter ist das Lied „Kommet, ihr Hirten“. Seine Melodie soll angeblich schon im 17. Jahrhundert entstanden sein, also rund 200 Jahre früher, wobei es ein Volkslied war und keines speziell zu Weihnachten. Gedruckt wurde es allerdings erst 1847 in Olmütz (Olomouc).

Einen deutschen Text für dieses Lied, das im Tschechischen „Nesem vám noviny“ heißt, verfasste ein Leipziger Musikprofessor namens Carl Riedel knapp 20 Jahre später – sehr frei nach dem tschechischen Original:

Kommet, ihr Hirten, ihr Männer und Fraun,
kommet, das liebliche Kindlein zu schaun,
Christus, der Herr, ist heute geboren,
den Gott zum Heiland euch hat erkoren.
Fürchtet euch nicht.

Lasset uns sehen in Bethlehems Stall,
was uns verheißen der himmlische Schall!
Was wir dort finden, lasset uns künden,
lasset uns preisen in frommen Weisen.
Halleluja.

Wahrlich, die Engel verkündigen heut’
Bethlehems Hirtenvolk gar große Freud’.
Nun soll es werden Friede auf Erden,
den Menschen allen ein Wohlgefallen.
Ehre sei Gott.

Damit eroberte dieses Lied, nach Böhmen, auch die deutschsprachigen Lande und fand dort Aufnahme in evangelische wie katholische Gesangbücher. Zudem wurde man in den Niederlanden („Komt nu gij herders“) und den englischsprachigen Ländern darauf aufmerksam. Dort trägt es den Titel „Come, all ye Shepherds“.

Warum der deutsche Text erst so viel später, nämlich rund 250 Jahre nach dem tschechischen, geschrieben wurde, bleibt ein Mysterium. „An sich waren böhmische Musik und Musiker ja schon im 18. Jahrhundert hoch angesehen“, blickt Professor Guido Fuchs zurück, ein Experte für Advents- und Weihnachtslieder. Außerdem wurde Böhmen damals nicht unbedingt als Ausland angesehen. Ein wichtiger Grund könnte sein, dass ein Lied „immer auf ein Bedürfnis und Interesse stoßen muss“, so Professor Fuchs, „da spielen auch der Zufall und die Umstände eine Rolle“. Wie man bei „Stille Nacht“ und der „Tyrol-Begeisterung“ sehen könne.

Die flotte Melodie des Hirten-Liedes zeichnet sich „durch vornehmlich im Terzintervall gehaltene Achtelbewegungen“ aus und besitze durch „die deutliche Betonung auf Schlag eins einen tänzerisch freudigen Ausdruck“, wie die FAZ vor ein paar Jahren analysierte. Damit steht sie in deutlichem Kontrast etwa zum weihevollen und besinnlichen „Stille Nacht“. Weil „Kommet, ihr Hirten“ eigentlich ein volkstümliches böhmisches Lied ist, das quasi zu einem Weihnachtslied „umfunktioniert“ wurde? „Ja“, stimmt Professor Fuchs zu, dessen Familie väterlicherseits bis Kriegsende in Iglau (Jihlava) lebte und danach in Göppingen heimisch wurde. Das Hirten-Lied sei „eben eine typische Pastorale, also ein musikalisches Hirten-Genre-Stück“.

Gerard van Honthorst: Anbetung der Hirten (1620)

Es gilt als besonders geeignet für Kirchenchöre. Ist es damit weniger ein Lied für die Familie unterm Weihnachtsbaum? „Nein, überhaupt nicht“, klärt Fuchs auf, „es findet sich ja auch in den Liederheften für die Heiligabendfeier“. Dr. Guido Fuchs war bis zu seiner Emeritierung im letzten Sommer Professor für Liturgiewissenschaft an der Universität Würzburg und leitet das Institut für Liturgie und Alltagskultur in Hildesheim.

Das Hirten-Lied hat keine explizit theologische Aussage. Vielmehr handelt es sich dabei „im Wesentlichen um eine Nacherzählung des Lukas-Evangeliums, das am Morgen des Weihnachtstages („Hirtenamt“) gelesen wird (Lukas 2,15–20) und mit Rückbezügen auf das Evangelium der Nacht“. Es weist auch keine Besonderheit gegenüber anderen Liedern auf, die in der Weihnachtszeit in Kirchen und Wohnzimmern gesungen werden. Ein gewisses Alleinstellungsmerkmal ergebe allenfalls die Schlusszeile der ersten Strophe. „Fürchtet euch nicht!“ wird als Ruf zuweilen parodiert, wobei Professor Fuchs an Fan-Schlachtgesänge in Fußball-Stadien erinnert, mit denen der eigenen Mannschaft Mut gemacht werden soll.

Unter seinen zahlreichen Veröffentlichungen zu Theologie und Praxis der Liturgie und ihren Beziehungen zur Alltagskultur sind auch Bücher über Weihnachtslieder. Ihre Geschichte reicht weit zurück. „Das älteste uns überlieferte ,Weihnachtslied‘ stammt aus dem 4. Jahrhundert: ,Veni redemptor gentium‘ des Ambrosius von Mailand (Komm, du Heiland aller Welt – Nun komm, der Heiden Heiland)“, erläutert Guido Fuchs. Dagegen wird „Weihnachen“, also die „Geburt unseres Herrn Jesus Christus“ nach seinen Angaben erst seit der Mitte des 4. Jahrhunderts gefeiert. „Gesänge zur Menschwerdung Gottes gibt es schon viel früher, bereits aus biblischer Zeit, zum Beispiel der sogenannte Philipperhymnus aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper (Phil 2,6–11).“

Guido Fuchs | © Vier-Türme-Verlag

Dass „Kommet, ihr Hirten“ aus den böhmischen Landen stammt, weiß heute kaum noch jemand. Wobei von dort auch andere Weihnachtslieder nach Deutschland kamen. Beispielsweise das Lied „Freu dich, Erd und Sternenzelt“. Mit ihm verbinden sich für Professor Fuchs persönliche Erinnerungen: „Mir ist es besonders lieb, weil es auf einer Schallplatte mit dem Titel ,Böhmische Weihnacht‘ war, die bei uns früher jedes Jahr an Weihnachten lief.“ Außerdem denkt er an Nikolaus Herman aus Joachimsthal (Jáchymov) und dessen Lieder „Den die Hirten lobeten sehre“ sowie „Lobt Gott, ihr Christen alle gleich“.

Das erheblich bekanntere Hirten-Lied nahm Fuchs weder in die zweite Auflage seines Buches über „Unsere Weihnachtslieder und ihre Geschichte“ von 2019 auf, noch in seine Veröffentlichung über „Weihnachts- und Adventslieder“ von 2015. Erschien es ihm nicht wichtig genug, nicht mehr oder noch nie richtig im Bewusstsein der überwiegenden Bevölkerung? „Ich habe Lieder, die im Grunde nur nacherzählen, bewusst nicht aufgenommen, sondern nur diejenigen, die etwas Besonderes zur Geschichte des Weihnachtsfestes beitragen“, konkretisiert der Autor. Eingang fand dagegen „Rudolph the Red-Nosed Reindeer“. Was Fuchs jedoch nicht als Hinweis darauf verstanden wissen will, dass er „Songs“ – wie etwa auch „White Christmas“ oder „Last Christmas“ – als Weihnachtslieder akzeptiert. „Lieder, die nur ,Schnee‘ thematisieren oder Schlittenglöckchen verwenden, sind keine Weihnachts- sondern Winterlieder“, grenzt der Theologe ein. Weshalb „Last Christmas“, gesungen von der englischen Pop-Band „Wham!“, für ihn „nichts mit Weihnachten zu tun hat“.

Vielmehr betrachtet er als großes Ärgernis, dass Kunden in Kaufhäusern ab Anfang Dezember rund um die Uhr von sogenannten Weihnachtsliedern „berieselt“ werden. „Es spiegelt sehr gut wider, wie unsere Gesellschaft mit geistlichen und religiösen Aspekten umgeht“, kritisiert Professor Fuchs. „Im Grunde geht es nur um ,Fun‘ und Kaufen. Um Äußerliches also.“

Nicht anders sei es im Advent. „Die ganze Art und Weise, wie mit Weihnachten in unserer Gesellschaft umgegangen wird, ist ein einziger Missbrauch“, verdeutlicht Guido Fuchs, „es ist die schrecklichste Zeit im Jahr, eine Art Massen-Oktoberfest mit Glühwein, Kitsch und Geschäftemacherei. Und statt Lederhose setzt man sich eine rote Zipfelmütze auf und ruft Hohohooo …“ Was den Wert von „Kom-met, ihr Hir-ten, ihr Män-ner und Frau’n“ nur noch mehr unterstreicht.



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