Fest verwurzelt

Fest verwurzelt

Im Kinsky-Palais kann man in die reiche Tradition Vietnams eintauchen

13. 2. 2014 - Text: Nina MoneckeText: Nina Monecke; Bild: NG

 

Rund 60.000 Vietnamesen leben heute offiziell in der Tschechischen Republik und stellen damit die drittgrößte Minderheit des Landes. Dennoch kennen vermutlich die meisten Tschechen ihre vietnamesischen Mitbürger häufig nur als Besitzer des kleinen Lebensmittelladens um die Ecke oder vom SAPA, dem größten vietnamesischen Basar Prags. Auch rund 30 Jahre nach der Einwanderungswelle gelten sie noch immer als in sich geschlossene Gesellschaft. Im Kinsky-Palais der Nationalgalerie Prag bietet sich nun die Möglichkeit, mehr über Tradition, Religion und Kunst der Südostasiaten zu erfahren, die mittlerweile fest mit der Tschechischen Republik verwurzelt sind.

Vietnamesische Kultur zeichnet sich in erster Linie durch ihre Vielfalt aus – so auch die Ausstellung. Das Land zählt über 50 anerkannte ethnische Gruppen. Zudem liegt es im direkten Einflussgebiet der zwei kulturellen „Supermächte Asiens“ Indien und China. Was entsteht, ist ein traditionsreiches gesellschaftliches Mosaik, das durch die chinesischen „Drei Lehren“ Buddhismus, Konfuzianismus und Daoismus geprägt ist.

Im Mittelpunkt der Schau stehen verschiedene sogenannte „Shakyamuni“-Buddha-Skulptu­ren aus Holz, die im 18. und frühen 19. Jahrhundert entstanden. Dem Geschlecht der Shakya entstammte auch Siddharta Gautama. Der meist als Kind dargestellte Begründer des Buddhismus erhält in einer Abbildung die erste rituelle Waschung. Sie symbolisiert zum Fest der Geburt die Reinigung des Äußeren sowie des Inneren.

Einen weiteren Schwerpunkt bilden die typischen Hanoi-Holzschnitte, die heutzutage eher rar geworden sind. Die auf den ersten Blick wie Malerei wirkenden Schnitte zeigen die traditionellen fünf Tiger. Sie repräsentieren sowohl die Himmelsrichtungen als auch die Jahreszeiten (beide werden in der vietnamesischen Kultur um „die Mitte“ erweitert) und sind das Sinnbild für Stärke. Das Aufstellen ihrer Abbilder zum Neujahrsfest soll vor Unglück und Krankheit schützen. Auch literarische Erzählungen dienen als Vorlage für Motive. So werden Passagen des berühmten epischen Gedichts „Das Mädchen Kieu“ von Nguyen Du auf den Schnitten abgebildet.

Darüber hinaus sind in mühsamer Handarbeit bemalte Untertassen, Reisschalen und Vasen aus Keramik zu sehen. Symbole und Schriftzeichen sind in kalligrafischer Tradition aufgetragen.

Besondere Aufmerksamkeit schenken die Organisatoren auch der Dong-Son-Kultur, die von 800 bis 200 vor Christus den Übergang der Bronze- zur Eisenzeit in Südostasien markierte. Eine detailreich verzierte Bronzetrommel zeugt von den aufwändig gestalteten Gegenständen dieser kulturellen Strömung. Der in Böhmen geborene Ethnologe Franz Heger verfasste 1902 zu den traditionellen südostasiatischen Kesselgongs ein Standardwerk, welches auch noch heute der Forschung in Vietnam und China dient.

Die Ausstellung überzeugt vor allem durch die sorgfältig aufbereiteten Informationen, die mit zahlreichen historischen Begebenheiten und Details gespickt sind. Trotz der bescheidenen Größe gelingt es somit, die vielfältigen Bereiche vietnamesischer Kultur aufzugreifen und einführend vorzustellen. Wer sich bereits eingehender mit südostasiatischer Kunst beschäftigt hat, für den wird diese Schau nicht allzu viel neues bereithalten. Um sich jedoch einen ersten Überblick zu verschaffen, empfiehlt sich ein Besuch allemal. Für Interessierte lohnt sich auch der Blick in das begleitende Veranstaltungsprogramm. Neben Angeboten für Schulklassen plant die Nationalgalerie mehrere Führungen mit Kuratorin Zdenka Klimtová, wissenschaftliche Vorträge zu Religion, Bräuchen und Malerei des Landes sowie einen Ausflug nach „Klein Hanoi“ (Basar SAPA) sowie Workshops. Allerdings gibt es diesen Service nur in tschechischer Sprache.

„Vietnamské umění v Čechách“. Kinsky-Palais (Staroměstské náměstí 12), geöffnet: täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 50 CZK (ermäßigt 30 CZK), bis 11. Mai