Fatale Prophezeiung

Fatale Prophezeiung

Das Berliner Maxim-Gorki-Theater entdeckt Franz Werfels Klassiker „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ wieder

13. 5. 2015 - Text: Isabelle DanielText: Isabelle Daniel; Foto: Ute Langkafel

Als einer der ersten deutschsprachigen Schriftsteller befasste sich Franz Werfel mit dem größten Verbrechen des Ersten Weltkrieges: Im Jahr 1933 erschien sein epochaler Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“, in denen der 1890 in Prag geborene Werfel den Völkermord an den Armeniern und den armenischen Widerstand auf dem Berg Musa Dağı literarisch aufarbeitete. Mit leicht abgewandeltem Titel – „Musa Dagh: Tage des Widerstands“ – entdeckt das Berliner Maxim-Gorki-Theater im Gedenkjahr des Völkermordes Werfels Epos wieder – und zeigt, dass der von der Literaturkritik zuweilen als „schwülstig“ bezeichnete Klassiker aktueller ist denn je.

Aktenberge, so weit das Auge reicht: Es ist ein Bühnenbild, wie es der Dokumentartheatermacher Hans-Werner Kroesinger liebt. Dass ausgerechnet er der geeignete Regisseur sei, um Franz Werfels Mammutwerk zu inszenieren – daran hatten in Berlin viele Zweifel. 900 Seiten, eingezwängt in zwei Stunden, ein Roman inszeniert als dokumentarisches Theater, fernab vom Originaltext – kann das funktionieren? Es kann – und wie!

Denn, und das ist die größte Stärke an Kroesingers Inszenierung, in dieser Darbietungsform wird die literarische Grundlage selbst zum Thema. Sie wird historisch eingeordnet. Das Bemerkenswerte an Werfels Roman – nämlich dass er überhaupt geschrieben wurde, Anfang der dreißiger Jahre, von einem Juden – dient als Einstieg in die dramatische Handlung.

Werfel recherchierte für seinen Roman, der in der Originalversion aus drei Büchern besteht, vor Ort in Anatolien. Konfrontiert mit dem Leid, das Tausende Armenier weit über das Ende des Ersten Weltkrieges hinaus plagte, skizzierte er den Handlungsstrang seines Romans auf einer Reise von Kairo über Jerusalem nach Damaskus, die er 1929 mit seiner Frau Alma Mahler unternahm. Eine Reise übrigens, die das Eheleben der Werfels nachhaltig prägte – Alma Mahler widmete ihr mehrere Dutzend Seiten in ihrer Autobiographie.

Die Protokolle, die Werfel sich aus dem Pariser Kriegsministerium vom deutschen Gesandten Graf Clauzel zuschicken ließ und mittels derer er die historischen Ereignisse detailliert nachzeichnete, greift Kroesinger in seiner Inszenierung in Form von Aktenbergen auf. Auf der Gorki-Bühne lässt er verschiedene Charaktere darin wühlen: Den deutschen Pastor Johannes Lepsius, dessen Versuch, den osmanischen Kriegsminister Enver Pascha in Istanbul zur Beendung der Deportationen zu bewegen, auch Werfel in seinem ersten Musa-Dagh-Buch aufgreift. Auch der Reiseschriftsteller Achim T. Wegner, der schon 1919 in der Berliner „Urania“ einen Vortrag über die Massaker an den Armeniern hielt, durchblättert Kroesingers Akten. Und ebenso Bundestagsabgeordnete. Kroesinger lässt Reden und Erklärungen des Bundestags, die im Zusammenhang mit der Aufarbeitung des Völkermords entstanden sind, auf der Bühne wörtlich zitieren.

Es ist Kroesingers Versuch, ein Paradox in der deutschen Erinnerung an einen der ersten Genozide des 20. Jahrhunderts zu enttarnen. Da sind jene Abgeordnete, die vor dem Parlament verlangen, den von der Türkei bis heute geleugneten Völkermord beim Namen zu nennen. Da ist andererseits die nahezu lächerlich anmutende Erklärung des Auswärtigen Amtes noch vom Januar dieses Jahres. Auf eine Anfrage der Fraktion „Die Linke“ antwortete das Außenministerium mit der Erklärung, dass die Konvention der Vereinten Nationen über die Verhütung und Bestrafung von Völkermord aus dem Dezember 1948 für die Bundesrepublik erst seit dem 22. Februar 1955 in Kraft sei. „Sie gilt nicht rückwirkend.“ Die Absurdität der Zeilen sorgt in den Zuschauerreihen des Gorki-Theaters für lautes Lachen. Es ist ein ungläubiges, ein bitteres Lachen – ließe sich doch anhand derselben Argumentationslogik eine Klassifizierung des Holocaust als Völkermord ausschließen.

Den Kurswechsel, den Bundesregierung und Parlament binnen weniger Wochen unternommen haben, konnte Kroesinger nicht vorhersehen. Immerhin 100 Jahre hat es gedauert, bis ein deutsches Staatsoberhaupt die Massaker an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges als Völkermord bezeichnete. Parallel zur Aufführung des Stücks im Gorki-Theater sprach Bundespräsident Joachim Gauck zur Gedenkfeier im Berliner Dom das Tabuwort erstmals aus. Die türkische Regierung reagierte erzürnt. Die deutsche Öffentlichkeit applaudierte.

Dabei steht eine Aufarbeitung der deutschen Mitverantwortung an dem Völkermord noch aus. Der Türkei-Experte und Journalist Jürgen Gottschlich hat die aktive Mitwisserschaft des deutschen Kaiserreichs an den Gräueltaten der sogenannten jungtürkischen Regierung, denen in den Jahren 1915 und 1916 mehr als eine Million Armenier sowie Hunderttausende Assyrer, Aramäer und Pontosgriechen zum Opfer fielen, in einer jüngst erschienenen historischen Analyse nachgewiesen. Diese Aufarbeitungslücke stellt Kroesinger in Kontrast zu den deutlichen Worten für die türkischen Gräuel, die Bundestagsabgeordnete in den vergangenen zehn Jahren gefunden haben.

Der Werfel-Vorlage entnimmt Kroesinger das europäische Ausmaß nationalistischen Denkens, der Nährboden, auf dem der Hass gegen Armenier im Osmanischen Reich genauso geschürt und radikalisiert werden konnte wie der Antisemitismus in Deutschland.

In diesem Sinne ist Kroesingers Dokumentartheater nicht nur lehrreich, sondern steht auch in einer Tradition der Rezeption von Werfels „Musa Dagh“. In der jüdischen Literaturkritik nahm er immer eine zentrale Stellung ein – nicht zuletzt, weil er den Aufständischen im Warschauer Ghetto als Inspiration gedient haben soll. Den Gedanken, Werfels Roman als Vergleichsfolie für andere Völkermorde zu denken, greift Kroesinger auf. Er weist aber einen noch weiterreichenden Aktualitätsbezug auf – und das ist Werfels ungebremste Wahrheitssuche, die ein Stück wie „Musa Dagh: Tage des Widerstands“ auch von der Bundesregierung fordert.

Musa Dagh: Tage des Widerstands frei nach dem Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“
von Franz Werfel, Dokumentartheater von Hans-Werner Kroesinger, Deutsch mit englischen Übertiteln.

Aufführungen im Maxim-Gorki-Theater in Berlin: Montag, 25. Mai, Sonntag, 7. Juni, Donnerstag, 2. Juli und Sonntag, 5. Juli, jeweils um 19.30 Uhr; Gastspiel am Staatstheater Nürnberg am Sonntag, 28. Juni, 19 Uhr (im Rahmen des Wettbewerbs „Talking about Borders“).

Weitere Informationen unter www.gorki.de und www.staatstheater-nuernberg.de



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