„Er machte Blasmusik weltberühmt“
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„Er machte Blasmusik weltberühmt“

Im November gedenkt man traditionell der Verstorbenen. Vor genau 20 Jahren starb Ernst Mosch – bis heute der „König der Blasmusik“

31. 10. 2019 - Interview: Klaus Hanisch, Titelbild: Ernesto Carrazana

PZ: Was war so besonders an Ernst Mosch, dass ihn gestandene Blasmusiker – wie etwa die „Hergolshäuser Musikanten“ als dreimalige Europameister der böhmischen und mährischen Blasmusik – noch heute als ihr Vorbild bezeichnen?
Wolfgang Jendsch: Seinen großen Erfolg bewirkte seine totale Begeisterungsfähigkeit. Der Musiker Ernst Mosch war offen für alle musikalischen Ideen und bereit für musikalische Experimente. Darüber hinaus hatte er eine sehr hohe fachliche Kompetenz. Sein Ziel war immer musikalische Perfektion, für ihn gab es keine 100 oder 150 Prozent – es mussten mindestens 200 Prozent sein. Das führte letztlich dazu, dass sein Erfolg bis heute anhält und zahllose Kapellen und Musiker noch heute seine Walzer, Märsche und Polkas spielen.

Und was war so einzigartig am Ernst-Mosch-Sound?
Ernst Mosch nannte selbst als sein Ziel, „anders“ spielen zu wollen als die anderen. Einzigartig war, dass er traditionelle böhmische Musik mit dem modernen Sound der Nachkriegszeit verband. Wer im Egerland geboren und später vertrieben wurde, kannte die traditionelle böhmische Musik. Die Nachkriegsgeneration im Westen hatte die amerikanischen Militärkapellen, Big Bands und „swingenden“ Tanzorchester im Ohr. In seinem weichen Sound vermischte sich beides. So hat er mit seiner Musik auch generationenübergreifend ein Stück Heimat bewahrt. Das habe ich in dieser Form musikalisch von niemand anderem gehört.

Ernst Mosch und die Original Egerländer Musikanten (1986) | © APZ

Sie haben Mosch schon in jungen Jahren getroffen, als Sie Flügelhorn lernten. Wie war er als Mensch?
Ich ging im Alter von 12 oder 13 nach seinem Konzert einfach mal hinter die Bühne und fragte ihn, warum es mir nicht möglich war, seine Musik zu spielen. Seine Begründung höre ich noch heute: „Bou (Bub), du bist einfach auf der falschen Schiene“, sagte er sehr väterlich zu mir. Im Prinzip ging es darum, dass ich in der sogenannten Kirchentonart ausgebildet wurde, die traditionelle „weltliche“ Musik jedoch in Militärtonart geschrieben ist. Das wusste ich nicht, er klärte mich auf. Danach hatte ich immer wieder Begegnungen mit ihm. Und so oft ich ihn auch gesehen und gehört habe, immer habe ich ihn freundlich und in dieser väterlichen Art erlebt. Sie hat mich sehr beeindruckt.

Von Mosch wurde die Anekdote überliefert, dass er für seine „Egerländer Musikanten“ eine Sängerin oder einen Sänger suchte und dafür ein Casting veranstaltete. Nachdem er sich viele Stimmen angehört hatte, kam er am Ende zu dem Ergebnis, dass keiner für seine Kapelle besser singen könne als er selbst. Stimmt diese Geschichte?
(lacht) Ich kenne diese Anekdote zwar nicht, aber ich glaube schon, dass sie stimmt. Denn Ernst Mosch war überzeugt davon, dass tatsächlich 200 Prozent war, was er an Musik oder als Gesang präsentierte. Alle und alles andere musste sich dem anpassen. Das war sein Führungsstil. Er war streng in den Proben und bei Aufführungen, ging musikalisch keinerlei Kompromisse ein und hat deshalb auch viele sehr gute Musiker schlichtweg rausgeschmissen und andere reingeholt, die allgemein nicht als erste Wahl galten. Mosch galt als dynamisch, impulsiv, willensstark, mancher fand ihn allerdings auch zu aggressiv. Aber am Ende hat alles gepasst in der Art und Weise, die er sich vorstellte.

Ernst Mosch wurde im November 1925 in Zwodau (Svatava) geboren und nach dem Krieg vertrieben. Drückte sich in seiner Musik vor allem Sehnsucht nach der alten Heimat aus?
Nein, ich denke, in allem was er tat, war er absolut zukunftsorientiert. Aber er hat das, was er aus seiner Heimat kannte und dort erlernt hatte – musikalisch wie kulturell – für sich bewahrt und immer auch in die Zukunft transponiert. Das wird dadurch deutlich, dass er sich im Laufe seiner musikalischen Karriere immer angepasst hat. Er ist ja nie bei diesen traditionellen Märschen, Polkas oder Walzern hängen geblieben, sondern hat diese Musik weiterentwickelt. Seine musikalischen Experimente gingen bis in den Bereich des Schlagers und der Operette.

Mosch spielte mit seinen Egerländern etwa 1.000 Konzerte, gastierte in 42 Ländern, sogar als erstes Blasorchester in der Carnegie Hall in New York. War er mit seiner Musik auch Völker verbindend?
So viel ich weiß hat er sich niemals politisch geäußert. Daher ist mir auch nicht klar, welche politische Position er einnahm. Aber ich denke, dass er tatsächlich versucht hat, mit seinen musikalischen Experimenten eine Brücke zwischen seiner alten Heimat, also dem Egerland und Böhmen, und den westlichen Ländern in Europa und mit der Welt zu schlagen.

Warum gastierte er weder vor noch nach 1989 in Tschechien oder im Egerland? Erst elf Jahre nach seinem Tod – im Jahre 2010 – gaben die Egerländer Musikanten unter Leitung von Ernst Hutter ein Konzert in Cheb (Eger).
In Tschechien war man in der Nachkriegszeit – und nach meinem Eindruck bis heute – eher zurückhaltend, was traditionelle Begegnungen und Auftritte angeht. Das hat man nicht so gern gesehen. Wie man auch die traditionelle Egerländer Tracht mit den weißen Strümpfen und braunen Jacken dort nur mit Vorsicht präsentieren konnte. Man mochte das nicht. Und das war ganz sicher der Grund, warum es Ernst Mosch nie gelungen ist, dort in irgendeiner Halle oder einer Stadt ein Konzert durchzuführen. Es gab für ihn immer nur Absagen.

Immerhin besuchte er im Mai 1981 Sokolov (Falkenau an der Eger) und traf anschließend in Prag die böhmischen Komponisten Antonín Votava, Jaromír Vejvoda, Karel Valdauf und Karel Vacek im berühmten „U Fleků“.
Diese vier waren die wichtigsten Komponisten und sie repräsentieren bis heute die typisch böhmische Musik. Es war gut, dass er sie persönlich kennengelernt und mit ihnen Gedanken ausgetauscht hat. Bis dahin lief ja alles nur über eine rein kommerzielle Schiene. Er hat Noten gesucht, sie haben diese Noten geschickt, wurden dafür bezahlt und fertig. Dabei ging es vorrangig ums Geld, also um Tantiemen, die die Tschechen mit Einverständnis der damaligen Regierung gern annahmen.

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