Endlose Ebenen
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Endlose Ebenen

In einem neuen Erzählband schreibt Iva Pekárková über Schicksale dreier Jugendlicher aus den USA, Großbritannien und der ehemaligen Tschechoslowakei

10. 8. 2019 - Text: Volker Strebel, Titelbild: CC0

Gleich zweimal hat Iva Pekárková ihre Heimat verlassen. 1985 emigrierte sie mit 22 Jahren aus der sozialistischen Tschechoslowakei in die USA, 2005 ließ sich die Schriftstellerin in Großbritannien nieder. Von der Welt hat die studierte Naturwissenschaftlerin genug gesehen, was nicht zuletzt die Weitläufigkeit ihrer zahlreichen Werke und Wortmeldungen prägt.

Auch die in der vorliegenden Ausgabe erstmals ins Deutsche übertragenen Erzählungen handeln in den USA („Noch so einer“), in Großbritannien („Für immer ein kleiner Junge“) sowie in der ČSSR („Beton“). In allen drei Erzählungen werden aus unterschiedlichen Perspektiven Jugendliche samt deren wilden Abenteuern dargestellt, in „Beton“ die widersprüchliche Entwicklung eines Knaben bis hin zum verheirateten Ehemann.

So scheint es der jüngere Bruder von Jimi in „Noch so einer“ geradezu auf einen Autounfall mit Todesfolge angelegt zu haben. Von „noch so einem Selbstmord“ war damals die Rede. Diese Formulierung brannte sich Jimi ein und sie zwang ihn fortan, darüber nachzudenken. Dabei entstammten beide Brüder einem grundsoliden Elternhaus: „Bedenkt man, dass sie in einem Einfamilienhaus in einem Vorort von West Chicago im Bundesstaat Illinois wohnten, der Vater ein Unternehmensjurist, die Mutter in mehreren gemeinnützigen Vereinen engagiert, waren die Eltern von Jimi und seinem jüngeren Bruder erstaunlich vernünftig.“

Erzählerisch geschickt werden zeitliche Ebenen versetzt dargestellt und zu einem spannenden Zusammenhang montiert. Eine subtil anmutende Kompositionsweise, die in eine unausweichliche Sogwirkung mündet. Es ist nur folgerichtig, dass die geschilderten Handlungen in vollkommen unerwarteten und tragischen Pointen enden.

Im multikulturellen Milieu einer Londoner Schule wird Damilare in der Erzählung „Für immer ein kleiner Junge“ unfreiwillig Zeuge, wie seine Lehrerin im überfüllten und verdunkelten Fahrstuhl vergewaltigt wird. Er erstickt nahezu an der demonstrativen Teilnahmslosigkeit seiner Mitschüler. „Alle hatten die gleichen modischen Jeans an, die ihnen unterm Hintern hing, die gleichen Kapuzenpullis, die gleichen Turnschuhe und die gleichen Basecaps, mit einem zur Seite gedrehten Schild.“ Und noch schwerer belastet ihn eine spätere Einsicht, die seine ganze Persönlichkeit betrifft.

Immer wieder greift die Autorin auf den Slang der Jugendlichen ihrer beschriebenen Welt zurück. Zuweilen scheint es dann, dass sie dabei eine angemessene Distanz ausblendet und somit zunehmend in die Gefahr gerät, von unkritisch übernommenen Gesten und Begriffen verschluckt zu werden.

Die gebürtige Pragerin Iva Pekárková lebt seit 2005 in London. | © Jindřich Nosek, CC BY-SA 4.0

Die ausgereifteste und umfangreichste Erzählung „Beton“ rekapituliert das Leben von Jaroslav Plachý, der in seiner Kindheit Jára und später Jarda gerufen wurde. Wegen seiner abstehenden Ohren war er in seiner Schulzeit oft gehänselt und mit einem Elefanten verglichen worden. Dabei fühlte sich Jára eindeutig einem Tapir verwandt und lediglich in der Mitschülerin Mařenka hatte er eine verwandte Seele, eine Tapirin gefunden. Die Zeit beim Militär in einer fernen slowakischen Kleinstadt zerschnitt das bislang gewohnte Leben und letztlich auch die Beziehung zu Mařenka.

In einer Kneipe war der arglose Jarda wenige Tage vor der Entlassung aus der Armee einer jungen Frau zum Opfer gefallen, deren „Augen schwarzumrandet wie bei einem Waschbären“ waren. Der einmalige erotische Ausrutscher, den er sich im Zustand der Volltrunkenheit und nicht ohne Zutun seiner Kameraden leistete, setzte nur auf den ersten Blick den Endpunkt seiner Beziehung zu Mařenka. Etwas später heiratete er die umtriebige Hanča, „doch aus dem Fenster sah er, auch beim klarsten Wetter, nur eine endlose Ebene, mit einer geraden Linie am Horizont, die sich irgendwo in der Weite verlor“. Auch seine Kinder betrachtete er „wie durch eine Art Glasscheibe oder feste durchsichtige Plastikplatte“.

In der obersten Etage eines zehnstöckigen Plattenbaus beginnt Jarda damit, sich an sein gesamtes Leben zu erinnern. Wie ein Film ziehen die Jahre vorüber, beginnend mit dem zehnten Kapitel, die sinnfällig im Erdgeschoss enden.

Iva Pekárková: Noch so einer. Aus dem Tschechischen von Martina Lisa, Wieser Verlag, Klagenfurt 2018, 76 Seiten, 17,90 Euro, ISBN: 978-3-99029-335-5

In ihrem Gemeinschaftsprojekt „Tschechische Auslese“ haben der Klagenfurter Wieser Verlag und der in Brünn ansässige Verlag Větrné mlýny zeitgenössischen tschechischen Schriftstellern eine Möglichkeit geboten, ihre Texte in vorzüglichen Übersetzungen vorzustellen. Neben einem kommentierenden Nachwort runden Porträts der jeweiligen Autoren wie auch ihrer Übersetzer diese sorgfältig aufbereiteten Ausgaben ab.



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