Ein Plädoyer für mehr Europa
Handwerk

Ein Plädoyer für mehr Europa

Marienbader Gespräche: Der bayerisch-böhmische Grenzraum soll zu einer Modellregion für zwischenstaatliche Zusammenarbeit werden

9. 1. 2020 - Text: PZ, OBX

Es war ein Moment, der in die Geschichtsbücher eingegangen ist: Vor 30 Jahren, am 23. Dezember 1989, durchtrennten der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher und sein tschechoslowakischer Amtskollege Jiří Dienstbier bei Waidhaus in Ostbayern mit einem Bolzenschneider symbolisch jenen Stacheldraht, der über Jahrzehnte hinweg während des Kalten Krieges die Menschen in Bayern und Böhmen voneinander getrennt hatte. Was ist aus dem Geist des Aufbruchs von damals geworden? 180 Wirtschaftsexperten aus Ostbayern, Tschechien, Österreich und der Slowakei zogen jetzt auf Einladung der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz eine Bilanz der vergangenen drei Jahrzehnte und plädierten vor allem dafür, den Weg hin zu mehr Miteinander auch künftig weiterzugehen.

Denkmal in Nové Domky (Rozvadov) | © CC0

In Zeiten, in denen auch wieder über neue Kontrollen innerhalb Europas diskutiert wird, ging vor allem eine Botschaft von den 12. Marienbader Gesprächen (Mariánskolázeňské rozhovory) aus: Sowohl physische Mauern und Barrieren in den Köpfen der Menschen dürften nicht erneut entstehen, sagte Ostbayerns Handwerkspräsident Georg Haber. „Nur gemeinsam können wir die Herausforderungen unserer Regionen im europäischen Kontext lösen“, betonte er. Sein Wunsch für die nächsten drei Jahrzehnte: Die Nachbarregionen sollen zu einer gesamtheitlichen Modellregion als Vorzeigebeispiel zusammenwachsen. „Spaltung und Abschottung können nie die Lösung sein“, so Haber. Es sei immer ein offener, vertrauensvoller Dialog vonnöten.

Der Traum von einem vernetzten, gemeinsamen und grenzüberschreitenden Arbeits- und Wirtschaftsraum ist in den vergangenen drei Jahrzehnten in vielen Bereichen bereits Wirklichkeit geworden – auch dank Foren wie den „Marienbader Gesprächen“, jährlich initiiert von der ostbayerischen Handwerkskammer. „Gemeinsam verbessern wir die Grenzregion Stück für Stück und auch menschlich rücken wir immer näher zusammen“, sagte Jan Kreuter, Tschechiens Konsul für Politik und Handel in Bayern.

Viele Herausforderungen sind heute diesseits und jenseits der bayerisch-böhmischen Grenze sehr ähnlich: die Weiterentwicklung der beruflichen Bildung für die digitale Welt, der Mangel an Fachkräften und der Abbau von Bürokratie, wie in den verschiedenen Arbeitskreisen deutlich wurde. Vertreter von Handwerk und Berufsschulen beider Länder forderten eine langfristig angelegte finanzielle Förderung zur optimalen Umsetzung digitaler Bildung. Nur so könne das Handwerk erreichen, dass die berufliche Bildung endlich vollständig mit der akademischen gleichgesetzt wird, heißt es im Fazit. Auch bei der Gewinnung künftiger Mitarbeiter waren sich bayerische und tschechische Wirtschaftsexperten einig: Mehr Wertschätzung für das Handwerk ist der Schlüssel, um die Fachkräfte von morgen im europäischen und internationalen Kontext voranzutreiben. Das bewährte Erfolgsrezept beschrieb Jürgen Kilger, Hauptgeschäftsführer der Kammer: „Das Wissen um kulturelle Unterschiede und kultursensible Kommunikation fördert die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in erheblichem Maße und ist deshalb für uns alle enorm wichtig.“

Auch der Ärger über den Amtsschimmel ist „grenzenlos“ und verbindet die Unternehmer in beiden Ländern. Ein aktuelles Beispiel belegt aber nach Worten der Handwerkskammer, dass sich gemeinsam tatsächlich etwas erreichen lässt: „Das tschechische Arbeits- und Sozialministerium hat unsere Anregungen und Forderungen aus dem letzten Jahr umgesetzt“, sagte Katharina Wierer, Außenwirtschaftsberaterin und Hauptorganisatorin erfreut. „Und so wurde die Änderung der Meldepflicht bei der Mitarbeiterentsendung deutlich praktikabler gemacht.“

Teilnehmer aus Bayern und aus Tschechien forderten zudem, die neue Entsenderichtlinie der Europäischen Union „praxisgerecht und klar verständlich“ in nationales Recht umzusetzen. Bei diesem Thema gab es in diesem Jahr ebenfalls positive Nachrichten: Tschechiens Behörden sind demnach sehr bemüht, praxisorientierte Lösungen zu finden. Ein neues Internetportal liefert Informationen zur Entsendung in mehreren verschiedenen Sprachen – einer von vielen Erfolgen aus den letzten Jahren „Marienbader Gespräche“.



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