Geheimnisvoller Garten

Geheimnisvoller Garten

Neues Stück der „Laterna magika“: Die multimediale Tanzperformance „Zahrada“ weckt Erinnerungen an die eigene Kindheit

27. 3. 2019 - Text: Marcus Hundt, Titelbild: Serghej Gherciu

Beim nächsten Schwung geht es noch höher hinaus. Da ist dieser Punkt, dieser kurze Moment, bevor man wieder zurückschwingt, da verspürt man dieses Glücksgefühl. Und es kribbelt im Bauch. Kennt ihr das noch? Diese Freude auf einer Schaukel?

Am liebsten will man diesen kurzen Moment festhalten, ganz lange da oben sein.

Unten brummen ein paar Hummeln. Der Garten gleicht einem Meer bunter Blumen. In der Mitte steht der Apfelbaum, der schon voller Äpfel hängt. Von den heruntergefallenen geht ein ganz eigener Duft aus. Hinten am Zaun pflückt Oma gerade Stachelbeeren. Morgen wird es dann Kuchen geben, oder Kompott, oder Marmelade. Die Sträucher mit den Himbeeren stehen neben dem alten Geräteschuppen. Der ist irgendwie unheimlich, mit all den Spinnweben, dem Staub, dem moosigen Holz. Davor liegt noch immer der Regenwurm, den ich vorhin mit dem guten Küchenmesser in mehrere Stücke zerschnitten habe. Später werde ich deswegen Ärger bekommen. Dabei habe ich doch etwas Gutes getan und aus einem viele Würmer gemacht … und die sind doch gut für den Boden.

So ein Garten ist ein magischer Ort, vor allem in der Kindheit oder wenn man später daran zurückdenkt. Wahrscheinlich verbindet jeder irgendwelche Bilder oder Momente damit. Mit dem Garten, in dem er als Kind gespielt, irgendeinen Unfug angestellt, in dem er den Eltern oder Großeltern geholfen hat.

Die Flugshow ist eröffnet. | © Serghei Gherciu

Wem eine solche gedankliche Zeitreise schwerfällt oder wer in eine fantastische Welt eintauchen will, sollte das neue Stück der „Laterna magika“ in Prag besuchen. Die Inszenierung „Zahrada“ (auf Deutsch: „Der Garten“) entführt in die eigene Kindheit. Mit Szenen, die man so oder so ähnlich selbst einmal erlebt hat.

Die Inszenierung, die im Dezember 2018 ihre Premiere feierte, basiert auf dem gleichnamigen Kinderbuch von Jiří Trnka (1912–1969) – und auf echter Teamarbeit. Den Stoff des weltbekannten Puppenfilmers aus Pilsen bearbeiteten neben dem Dramaturgen und dem Regisseur auch zwei Tänzer. Die Vorlage für die „Laterna magika“ weicht mitunter erheblich von Trnkas Geschichte ab. Dafür beinhaltet sie viele Erinnerungen und Erlebnisse der vier Theaterleute.

Die Handlung ist schnell erzählt. Vier alte Freunde (Bohouš, Adam, Tereza und Tonda) finden sich im Erwachsenenalter in einem geheimnisvollen Garten wieder. Dort werden sie wieder zu Kindern, staunen über die Natur, ärgern den Nachbarn, streiten und vertragen sich wieder, erleben kleine Abenteuer. Darin besteht ein wesentlicher Unterschied zum Original: Bei Trnka betreten fünf Jungen den Garten, den sie später als Erwachsene verlassen.

Im Hintergrund lauert der Kater. | © Serghei Gherciu

Eine zentrale Rolle spielt der Kater, der in den meisten Vorführungen von Mitautor David Stránský verkörpert wird. So wie der Garten die Kindheit symbolisiert, steht der Kater für das Bedrohliche, Furchteinflößende, kurzum: für die Welt der Erwachsenen. Der Zwerg, der auf wundersame Weise zum Leben erweckt wird, ist hingegen ein Produkt der Fantasie. Schnell wird klar: Das märchenhafte Wesen, das während der Performance von mehreren Tänzern zusammengebaut und wieder auseinandergenommen wird, steht als Sinnbild für die Zerbrechlichkeit, für die begrenzte Dauer der Kindheit.

Eine Schaukel kommt in dem Stück nicht vor, ebenso wenig Apfelbäume oder Regenwürmer. Allerdings eine schier unerträgliche Mückenplage, eine Nachtwanderung, Glühwürmchen. Eine ausrangierte Badewanne wird irgendwann in ein Boot umfunktioniert. In dem sitzen die vier Freunde, angeln, lassen Steine übers Wasser hüpfen, verschicken eine Flaschenpost. Dann wird der Stöpsel gezogen und eine neue Szenerie entsteht. In solchen Momenten funktioniert das für die „Laterna magika“ typische Zusammenspiel von Tanz, Musik und Film am besten.

Gerade die visuellen Effekte überzeugen. Etwa in den Szenen, in denen der Garten aufblüht, es überall sprießt und grünt, oder wenn ein Gewitter aufzieht und sich der Boden in kürzester Zeit in einen reißenden Strom verwandelt. Beeindruckend wirkt auch der „Tanz der Ameisen“, bei dem bis zu 13 Tänzer gleichzeitig auf der Bühne stehen und zusätzlich hunderte Insekten auf die Leinwand projiziert werden. „Der Garten“ nutzt nicht nur die multimedialen Möglichkeiten aus, sondern bedient sich passenderweise auch ganz natürlicher Mittel. Schließlich liegt es doch nahe, richtige Erde in das Stück zu integrieren und damit den Garten zu bestellen …

Vier Freunde in einem Boot | © Serghei Gherciu

Seinen atmosphärischen Höhepunkt erreicht die anderthalbstündige Vorstellung kurz vor der Pause. Einige humorvolle Szenen und die positive Energie der Tänzer dürften nun auch den letzten Besucher „verzaubert“ haben. Darsteller und Bühnenbild können tatsächlich diese Freude vermitteln, die man als Kind oft, als Erwachsener viel zu selten empfindet.

In dieser Stimmung kommt es zu einem magischen Moment: In der Mitte der Bühne steht eine Schatztruhe, die sich schon bald als Mottenkiste entpuppt. Ein Tuch wird herausgezogen, mit dem – welch Wunder – ein Zelt entsteht. Zwei Freunde scheinen sich darin Geschichten zu erzählen. Und dank einer Taschenlampe projizieren sie ein Schattenspiel an die Zeltwand.

Mehrere Male beziehen die Tänzer auch das Publikum in das Geschehen ein. Sei es mit Dutzenden Papierfliegern, die durch die Sitzreihen fliegen oder indem sie Einmachgläser mit Schmetterlingen, Stofftieren oder Federkielen verteilen. Die Zuschauer halten dadurch Erinnerungen fest, im wahrsten Sinne des Wortes.

Wie die meisten Inszenierungen der „Laterna magika“ kommt auch „Der Garten“ fast ohne Worte aus. Auch ausländische Besucher können sich das neue Stück (in sprachlicher Hinsicht) also ohne Probleme ansehen. Ob sie aber alles verstehen werden, was auf der Bühne geschieht? Auf einige Szenen, vor allem nach der Pause, reagieren „Nicht-Tschechen“ wahrscheinlich mit Befremden. Entweder liegt das an manchen Anspielungen auf Trnkas Original oder an der verbreiteten Vorliebe tschechischer Künstler für das Skurrile und Surreale. Nahezu unerträglich wirkt das Schmatzen und Jaulen des Katers. Auch die Darstellung eines Wals mit mehreren Stöcken wirkt recht dubios. Bei solch sonderbaren Bildern und Lauten können manche Zuschauer wohl nur mit dem Kopf schütteln.

Insgesamt jedoch lohnt sich der Abstecher in den „Garten der Kindheit“. Die Inszenierung bietet neben ausdrucksstarkem Tanztheater auch beeindruckende Bildwelten. Gleichzeitig integriert sie akrobatische Elemente des Cirque Nouveau und spricht sowohl Kinder als auch Erwachsene an.

Wie bei Der kleine Prinz und Die außergewöhnlichen Reisen des Jules Verne wird der Besucher auch beim jüngsten Projekt der „Laterna magika“ mit Bildern konfrontiert, von denen er nicht so genau weiß, was sie zu bedeuten haben. Im Vergleich dazu schneidet „Der Garten“ aber in vielerlei Hinsicht besser ab. Auf einmal sind sie wieder da, die Erinnerungen an die eigene Kindheit. Und viele Zuschauer werden nach der Vorstellung feststellen, dass sie in gewissem Sinne ein Kind geblieben sind.

Laterna magika: Zahrada
Dauer: 100 Minuten (mit Pause)
Altersempfehlung: ab 7 Jahren
Aufführungen im März (29.-31.), April (1., 19.-21.), Mai (31.), Juni (1., 2., 20.-22.) und Juli (4.-6.)

Weitere Informationen auf der Seite des Nationaltheaters



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Kommentare

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  1. Ich habe die Vorstellung in der vergangenen Woche mit meinen beiden Kindern (6 und 9 Jahre) besucht. Auch wenn ich persönlich, so wie Sie es auch beschrieben haben, nicht alles nachvollziehen konnte, kann ich das Stück wirklich weiterempfehlen. Danke für den Tipp und die hilfreichen Erläuterungen!





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