„Theater sind unersetzlich“
Tänzer

„Theater sind unersetzlich“

Für Petr Hastík liefern digitale Angebote keinen Ersatz für Live-Auftritte vor Publikum

9. 6. 2020 - Interview: Klaus Hanisch, Titelbild: FFT Düsseldorf (Petr Hastík und Montserrat Gardó Castillo)

PZ: Die Regierungen in Deutschland und Tschechien heben die strengen Beschränkungen wegen Corona allmählich auf. Was haben Sie in den vergangenen Wochen am meisten vermisst – und was vermissen Sie noch?
Petr Hastík: Die Covid-19-Pandemie und die folgenden Einschränkungen haben uns Künstler sehr überrascht. Das kam wirklich Knall auf Fall. Am 12. März sollte eigentlich die Generalprobe für „Club 27“ im Tanzhaus NRW in Düsseldorf stattfinden – doch am Morgen wurden meine Kollegen und ich darüber informiert, dass die Aufführung verschoben wird. Und das gleich bis Ende November. Damals beschlich mich zum ersten Mal dieses Gefühl der Unsicherheit, das ich bis heute nicht losgeworden bin. Ich vermisse es, auf der Bühne zu stehen. Und auch die ganze Atmosphäre, die mit Theater und Performance verbunden ist. Das fehlt mir wahrscheinlich am allermeisten – neben dem Umstand, dass ich in Düsseldorf lebe und nicht zu meiner Familie in Tschechien und der Familie meiner Freundin in Barcelona fahren kann.

Petr Hastík kommt aus der Nähe von Uherské Hradiště. | © APZ

In vielen Bundesländern sind die Kinos nach wie vor geschlossen. Deshalb ist der Tanzfilm „Isadoras Kinder“ über Isadora Duncan (1877-1927) gerade auf einer digitalen Plattform angelaufen. Die US-amerikanische Tanzpionierin Duncan musste ein traumatisches Erlebnis verarbeiten, nämlich den Unfalltod ihrer beiden kleinen Kinder. Haben Sie den Film schon gesehen?
Ganz ehrlich: Ich habe von diesem Film noch nicht gehört. Aber ich werde ihn mir bestimmt anschauen.

Nach Isadora Duncan ist auch das Konservatorium in Prag benannt, an dem Sie ausgebildet wurden. Sie haben dort Tanztheater und Tanzpädagogik studiert, anschließend Modern Dance an der „Folkwang Universität der Künste“ in Essen. Worin lagen die wesentlichen Unterschiede in der Ausbildung?
Die Unterschiede zwischen beiden waren enorm. Das „Duncan Centre“ war zu meiner Zeit sehr spezifisch hinsichtlich Geist und Philosophie. Ich habe damals einen großen Schritt in meiner Persönlichkeitsentwicklung gemacht. Ich kam mit 15 Jahren an das Konservatorium, und in meinem Jahrgang waren Studenten unterschiedlichen Alters. Ich glaube, dass manche von ihnen fünf Jahre älter waren als ich, oder noch älter. Mich hat das enorm motiviert. Diese Leute kannten damals schon viel mehr als ich und die meisten waren sehr intellektuell, das waren wirklich kluge Menschen. Im Gegensatz zu mir: Ich hatte bis dahin nicht viel gelesen und an vielen Dingen hatte ich überhaupt kein Interesse. Dank der Leute, mit denen ich sechs Jahre zusammen war, hat sich das aber in kürzester Zeit verändert. Auch die Lehrer waren anders, vor allem in den Tanzfächern. Sie legten viel mehr Wert auf spirituelle Dinge und den individuellen Charakter des zukünftigen Künstlers. Die Technik spielte eher eine untergeordnete Rolle. Am Ende des Studiums stand nicht unbedingt ein Tänzer, der auf die Bühne springt und bravouröse Leistungen zeigen kann. Die Prager Schule hatte ein ganz anderes, für mich größeres Format als viele andere auf die Tanzausbildung spezialisierte Schulen. An der „Folkwang Universität der Künste“ traf ich dagegen auf einen viel konservativeren Tanzstil. Ich will damit aber nicht sagen, dass das schlecht ist. In Essen lernte und verinnerlichte ich die Technik. Erst dadurch wurde ich zu einem professionellen Tänzer. Das Ganze war ziemlich monoton und es herrschte ein gewisser Drill. Für mich war das damals eine große Umstellung. Aber heute bin ich froh und dankbar dafür.

Das Konservatorium „Duncan Centre“ in Prag 4 | © APZ

Seit wann und warum leben Sie ausgerechnet in Deutschland?
Ich bin im Oktober 2007 als Praktikant an die „Folkwang Universität“ gekommen, Fachbereich Tanz. Im März 2008 kehrte ich nach Prag zurück, um meinen Abschluss am „Duncan Centre“ zu machen, und ging anschließend wieder nach Essen. Ich blieb hauptsächlich deshalb, weil ich nach meinem Abschluss sofort einen Job beim Ensemble „Neuer Tanz“ in Düsseldorf bekam. Dort arbeitete ich fast sechs Jahre lang unter der Leitung des Choreografen und Videokünstlers VA Wölfl. Gleich danach folgten weitere interessante Kooperationen und Projekte. Deutschland hat eine einzigartige Beziehung zur darstellenden Kunst und zur Kunst als Ganzes. Es gibt hier ein sehr gebildetes Publikum und eine Atmosphäre, in der künstlerische Aktivitäten stark gefördert werden.

Als freiberuflicher Tänzer erleben Sie sicher keine einfache Zeit. Wie sieht Ihr Corona-Alltag aus? Trainieren Sie trotzdem regelmäßig weiter, haben Sie wie andere Künstler kreative Projekte entwickelt, und womit verdienen Sie gerade ihr Geld?
Meine Partnerin Montserrat Gardó Castillo und ich haben in Düsseldorf eine eigene Kunstgruppe, wir präsentieren jedes Jahr unsere eigene Show. Auch jetzt, in dieser Zeit der Isolation, igeln wir uns nicht ein und versuchen, neue Projekte und Performances auf den Weg zu bringen. Derzeit arbeiten wir an einem Konzept und füllen Anträge für eventuelle Zuschüsse aus. Was das Training angeht: Die meisten Tänzer – das sieht man auch in den sozialen Netzwerken – trainieren gerade zu Hause und versuchen, so weit wie möglich in Form zu bleiben. Ich persönlich mache gern Krafttraining. Zuhause bin ich dafür ordentlich ausgestattet, mit verschiedenen Hanteln und Geräten. In dieser Hinsicht spüre ich also keine großen Nachteile. Finanziell sieht es allerdings anders aus. Da ist die Situation schon schlechter. Die meisten Projekte, bei denen ich als unabhängiger Künstler arbeiten sollte, wurden entweder verschoben oder komplett abgesagt. Das heißt: Ich sehe dafür keinen einzigen Euro, bekomme gerade überhaupt keine Gage. Die Situation hier in Deutschland ist kompliziert, auch was die von der Regierung bewilligten Corona-Finanzhilfen betrifft. Jedes Bundesland geht hier seinen eigenen Weg, um mit den Problemen zurechtzukommen. In manchen bekommen Künstler zumindest eine gewisse Unterstützung, in anderen überhaupt keine. Bei mir in Nordrhein-Westfalen ist die Lage sehr verwirrend und unklar. Bis zum heutigen Tag bin ich auf meine eigenen Ersparnisse angewiesen – eine sehr bedrückende Situation.

Beim Krafttraining | © Freie Szene Düsseldorf

Sie sind Choreograf, Tänzer und Performer – und Ihnen haftet der Ruf an, der „tschechische Clark Gable“ zu sein. Sehen Sie dies als Kompliment an oder eher als unsinnig, weil Gable ja Schauspieler war, wenn auch ein extrem erfolgreicher?
(lacht) Ich glaube, es war 2012, als der von mir geschätzte VA Wölfl mir diesen grandiosen Spitznamen gab. Wir gastierten damals mit dem Stück „Ich sah: Das Lamm auf dem Berg Zion, Offb. 14,1“ im Théâtre National de Bretagne in Rennes. Vor der ersten Vorstellung ließ ich mir meinen Schnurrbart vom Maskenbildner schwarz nachfärben, damit er auf der Bühne noch besser zur Geltung kommt. Das wusste unser Choreograf nicht und deshalb war er auch sehr überrascht, als ob er mich damals sah. Fast hätte er mich nicht erkannt. Nach dem Ende der Aufführung kam er zu mir und erklärte, dass ich wie Clark Gable aussehen würde. Es ist wohl wichtig anzumerken, dass VA Wölfl in seinen Aufführungen sehr oft Referenzen an die amerikanische Kultur verwendete, also Hollywood-Filme, Musik oder auch den Mord an Bob Kennedy. Zumindest wurde ich danach in all seinen Stücken als „Czech Clark Gable“ angekündigt. Ich muss zugeben, dass mir das sehr imponierte – schließlich kam dieser Spitzname ja von einem künstlerischen Genie.

Eine Freundin in Brüssel arbeitet seit vielen Jahren als „solo-selbständige“ Tänzerin und Tanzlehrerin immer nur von Projekt zu Projekt. Läuft das bei Ihnen normalerweise ähnlich ab?
Ja, bei mir funktioniert es genauso. Aus meiner Sicht ist das so eine Schaukel, mit der ein Künstler klarkommen muss, ein Auf und Ab. In einem Jahr hat man viele Projekte und in dem danach weniger. Abgesehen von Projekten, an denen ich mich als Tänzer und Performer beteilige, versuche ich jedes Jahr, eigene Vorstellungen auf die Beine zu stellen. Die Situation dafür in Deutschland äußerst günstig. Die Kunst wird hier sehr gefördert.

Tanzen ist hoch subventioniert, durch staatliche Institutionen, private Stiftungen und Sponsoren. Wird nach der Corona-Krise noch genügend Geld dafür da sein, vor allem auch für die freien Ensembles und Projekte?
Ich denke, jetzt weiß noch niemand genau, was in einem Monat passiert. Und erst recht nicht, was in einem Jahr sein wird. Den wichtigsten Schritt muss nun die Bundesregierung machen, die über die weitere Zukunft der Kunst entscheiden wird. Ich nehme an einer Reihe von Online-Diskussionen teil, in denen sich Künstler oft diese Fragen stellen und sich bemühen, neue Wege zu finden, wie wir dem Publikum unsere Projekte und Performances präsentieren können. Genau das ist derzeit die wichtigste Frage: Wie schaffen wir das ohne Spielstätten? Ein großes Thema ist hierbei die Digitalisierung und das Live-Streaming. Bei einigen im Internet übertragenen Auftritten war zu sehen, dass es für mich wirklich schwer war, voll konzentriert zu bleiben. Es ist nicht so einfach, wenn man die Aufführung gleichzeitig auf dem Bildschirm sieht. Ich denke, es ist sehr schwer, wenn nicht sogar unmöglich, darüber eine authentische Theater-Atmosphäre zu schaffen. Auf der anderen Seite sehe ich die Dinge auch positiv: Kunst kann mit allem umgehen. Ich glaube, dass ein Weg gefunden wird, dass die Dinge wieder funktionieren.

Szene aus „Carne Vale!“ (2017)

Meine Freundin in Brüssel erzählte mir auch, bei ihren Projekten sei zuweilen wichtiger, wie sich Tänzer in ihren Rollen fühlen als wie das Publikum die Performance aufnimmt. Das klingt so, als ob Tanzen eine sehr selbstverliebte Kunst ist.
Ich denke, dass es vielen Künstlern darum geht, eine bestimmte Botschaft über die heutige Zeit zu verbreiten. Die meisten Aufführungen haben einen politischen Unterton oder eine Einstellung zu bestimmten Anomalien in der Welt. Auch deshalb ist Kunst für mich eines der wichtigsten Mittel von freier Meinungsäußerung. Schade finde ich allerdings, dass ich manchmal auf künstlerische Arbeiten stoße, die keine bestimmte Botschaft oder Haltung in sich tragen und dem Zuschauer nichts zu bieten haben. Meiner Meinung nach sollte ein Tänzer nicht ins Theater gehen, um nur Spaß zu haben, sondern auch um etwas für sich selbst mitzunehmen. Darin sehe ich die Bedeutung meines Berufs.

Haben Sie noch Kontakt zum „Duncan Centre“ in Prag, treten Sie noch in Tschechien auf?
Ja, ich habe noch Kontakt zu den Tänzern und Dozenten, die noch immer im „Duncan Centre Conservatory“ arbeiten. Vor einiger Zeit wurde ich gefragt, ob ich nicht an einer Zusammenarbeit interessiert sei. Ich hoffe also, dass es bald die Chance dafür gibt. In Prag nehme ich schon jetzt an verschiedenen Seminaren und Workshops teil, die von Kollegen des „Duncan Centre“ organisiert werden. Letztes Jahr war ich zum Beispiel mit einem Kollegen in der „Meet Factory“. Sie bietet tolle Räume, um Kunstprojekte zu erstellen und umzusetzen. Generell interessiert mich sehr, was in der tschechischen Kunstszene passiert.

Club27 :: Teaser from Enis Turan on Vimeo.

Wie anfangs erwähnt, wurde die Inszenierung „Club 27“ im Tanzhaus NRW in Düsseldorf vom März in den November verschoben. Sie sind einer von vier Performern. Worum geht es darin genau?
Die Aufführung dreht sich konzeptionell um den „Klub 27“, also um bekannte Künstler, die im Alter von 27 Jahren ums Leben gekommen sind. Auch darüber hinaus befasst sich die Performance mit dem Tod. Enis Turan, sowohl Autor als auch Darsteller, verarbeitet zum Beispiel die Geschichte der Sängerin Amy Winehouse und zeigt auch seine eigenen Erfahrungen, die er mit Selbstmord gemacht hat. Ich verkörpere in dem Stück den Bodyguard, einen „Schutzengel“, der im gewissen Sinne auch durch die gesamte Vorstellung führt. Sowohl was die Geschichte und die Grundidee angeht, als auch die Rolle, die ich auf der Bühne spiele, fühle ich mich dem Stück sehr verbunden. „Club 27“ ist wirklich speziell, was man auch an den verschiedenen Reaktionen des Publikums sehen kann. Ich kann allen nur empfehlen, schaut es euch an!

Das ist erst Ende des Jahres möglich. Was sollen die Zuschauer bis dahin machen?
Mit meiner Partnerin arbeite ich derzeit an einem Konzept für eine neue Produktion, die wir noch in diesem Jahr aufführen wollen. Zudem arbeiten wir an einem Musikalbum, für das ich eigene Texte schreibe und auch singe. Für Ende Juni ist eine Tanzimprovisation in Prag geplant, im Juli mache ich bei Michael Schmidts neuem Projekt in Düsseldorf mit. Und Ende des Jahres will ich mit Annika B. Lewis und Morgan Nardi zusammenarbeiten.

Hastík auf der Bühne | © APZ

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