Ein großer Kämpfer

Ein großer Kämpfer

Zum Tod von Ludvík Vaculík, der mit „2000 Worten“ Geschichte schrieb

10. 6. 2015 - Text: Volker StrebelText: Volker Strebel; Foto: ČTK/Josef Horázný

In einem Interview im April 1997 überraschte der Schriftsteller Ludvík Vaculík mit der differenzierten Ansicht über ein nach wie vor heikles Thema. Als damals 19-Jähriger hätte er die Vertreibung der Deutschen im Großen und Ganzen als logisch und gerecht angesehen: „Was für furchtbare Einzelschicksale damit verbunden sein könnten, daran hatte ich überhaupt nicht gedacht. Vor allem nicht daran, dass, obwohl der Krieg längst beendet war, in unserem Land noch Orgien der Gewalt geschahen.“ Wieder einmal hatte Vaculík den Mut bewiesen, gegen den Strich zu bürsten und an Tabus zu rühren.

Zur lebenden Legende war er durch sein im Sommer 1968 veröffentlichtes Manifest der „2000 Worte“ geworden, in dem er die Prager Reformkommunisten um Alexander Dubček unter anderem dazu aufrief, sich nicht vom eingeschlagenen Kurs eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ abbringen zu lassen. Im ganzen Land war die Angst vor dem ideologischen Druck aus Moskau und Ost-Berlin zu spüren. Doch tausende Bürger, selbst Touristen aus der DDR, waren im Zuge der politischen Reformen wie auch der Abrechnung mit dem Stalinismus selbstbewusst genug geworden, dieses Manifest mit ihrer Unterschrift zu unterstützen – ein seltenes Beispiel von Bürgermut und Entschlossenheit in den Jahrzehnten des „real existierenden Sozialismus“. Die Ernüchterung folgte allerdings prompt: Am 21. August 1968 marschierten bewaffnete Einheiten der sozialistischen „Bruderstaaten“ in der ČSSR ein.

1926 im mährischen Brumov geboren hatte Ludvík Vaculík ursprünglich das Schusterhandwerk erlernt, bevor er in den fünfziger Jahren als Erzieher in Lehrlingsheimen arbeitete. Seine jugendliche Hoffnung, eine freiere und gerechtere Welt unter der Fahne des Sozialismus zu errichten, teilte er mit vielen anderen Persönlichkeiten und Schriftstellern der ČSSR wie etwa Eduard Goldstücker, Ivan Klíma oder Pavel Kohout – um auch wie diese bald von der Wirklichkeit einer unkontrollierten diktatorischen Macht enttäuscht zu werden.

Ob in seinen Romanen oder Feuilletons: Vaculík muckte auf, als es noch etwas kostete. Auf diese Weise gelang ihm das sonderbare Kunststück, gleich zwei Mal aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen zu werden. Kaum zu glauben, dass ein solch virulenter Querkopf wie Vaculík es geschafft hatte, ein zwanzig Jahre währendes Veröffentlichungsverbot in seiner Heimat intellektuell unbeschadet zu überstehen. Es scheint, dass man vor allem den Feuilletons der „Normalisierungszeit“ eine Methode Vaculíks entnehmen kann, die ihm sein geistiges Weiterleben ermöglicht hat.

In rückhaltloser Öffentlichmachung jeglicher Erlebnisse formulierte Vaculík seine eigenen Gedanken in einer Zeit, die durch Angst, Anpassung und Leisetreterei gekennzeichnet war. Auf diese Weise schärfte Vaculík seine tückische Waffe, die ideologische Riesen wie kleinbürgerliche Zwerge gleichermaßen verschreckte. Die Vorladungen zu Polizeiverhören wandelte er zu Vorlagen für neue Feuilletons um. In einem offenen Brief an den damaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen Kurt Waldheim schrieb Vaculík, dass „eine Räuberbande im Lande herumtobt, durch das Gesetz maskiert“. Da Waldheim Ehrendoktor der Karls-Universität in Prag wäre, könnte ihm kein „Räuber“ etwas anhaben, wenn er sich für die Bürgerrechtler um die Gruppierung der Charta 77 einsetzen würde.

Als in den siebziger Jahren die Werke der bedeutendsten tschechischen und auch slowakischen Schriftsteller im eigenen Land nicht mehr publiziert werden durften, rief Vaculík kurzerhand die „Edice Petlice“ („Edition hinter Schloss und Riegel“) ins Leben. Bis zum Jahr 1987 lagen dadurch die Titel von 367 sorgfältig auf Schreibmaschine abgetippten Veröffentlichungen vor. Über dieses ungewöhnliche Kapitel in der tschechischen Literaturgeschichte berichtete Vaculík in seinem Buch „Český snář“ (wörtlich: „Tschechisches Traumbuch“), das mit dem unglücklich geratenen Titel „Tagträume“ 1981 auch in deutscher Übersetzung vorgelegt wurde. Ein Geschichtsbuch der „Normalisierung“, das in unseren Tagen der kollektiven Amnesie höchst lesenswert ist. Auf sympathische wie unnachahmliche Weise deutet sich hier zudem jene Konzeption der „Bürger­gesellschaft“ an, die Václav Havel später in wiederholter Form entfaltet hat. Diesem Gedanken ist Ludvík Vaculík auch nach der „Samtenen Revolution“ treu geblieben – ein politisches Amt brauchte er dazu nicht.

Dass ehemalige Mitläufer ohne eigenes Profil ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des „real existierenden Sozialismus“ im Lande nicht nur den Ton angeben, sondern auch die kritischen Geister der Dissidenten verdrängen, hatte Vaculík zunehmend verbittert. Unermüdlich focht er bis zuletzt in seinen regelmäßig erscheinenden Kolumnen der „Literární noviny“ gegen eine Mischung aus Ahnungslosigkeit und Zynismus, der die Freiheit seines Landes zum Opfer fallen könnte.
Ludvík Vaculík starb am vergangenen Samstag im Alter von 88 Jahren in Dobřichovice bei Prag.



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